Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

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Präventive Medizin: Deutschland liegt in Westeuropa zurück


Die Zahlen des deutschen Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB)

Bochum, 16. April 2026:

Am 18. März 2026 berichtete Prof. Johannes Dietrich, Bochum, im DGE-Blog über die politischen Rahmenbedingungen der präventiven Medizin (1). In der Lebenserwartung lag Deutschland trotz seiner länderweit höchsten Gesundheitsausgaben unter dem Durchschnitt der Europäischen Union, in der Gesamtpunktezahl nach der angewandten Methodik am untersten Ende (1).

Jetzt erscheint am 13. April 2026 (online am 9. Dezember 2025) ein Bericht des deutschen Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) zusammen mit den  Universitäten Groningen und Oldenburg in der Fachzeitschrift European Journal of Population (2) über die Fortschritte in der Gesundheitsprävention in westeuropäischen Ländern. Die Angaben bzw. Zahlen entsprechen zwar nicht in allem denen der Studie in  Lit. 1, Deutschland liegt jedoch auch hier deutlich hinter anderen Ländern zurück. Im Vergleich zu Regionen und Ländern mit nach der neuen Studie (2) besonders günstiger Entwicklung wie etwa der Schweiz hat sich der Abstand sogar noch vergrößert, teilt das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung BiB mit. Diese Daten entsprechen im Prinzip dennoch denen, die in der Studie des AOK-Bundesverbands und des Deutschen Krebsforschungszentrums in der Helmholtz-Gesellschaft (1) angeführt wurden: Als vermeidbar gelten auch in der BiB-Arbeit solche Todesfälle, die bei effizienter medizinischer Behandlung oder durch präventive Maßnahmen hätten verhindert werden können.

Für die Studie wurden Daten aus 581 europäischen Regionen im Zeitraum von 2002 bis 2019 ausgewertet. Obwohl Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten Fortschritte bei der Reduzierung der vermeidbaren Sterblichkeit erzielen konnte, hat sich der Rückstand zu vielen Regionen in Westeuropa nicht verringert. „Im Gegensatz zu vielen anderen westeuropäischen Gebieten weisen viele deutsche Regionen kontinuierlich höhere Zahlen bei der vermeidbaren Sterblichkeit auf“, schreibt der Mitautor der Studie und wissenschaftlicher Mitarbeiter am BiB, Herr Dr. Michael Mühlichen (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1 (nach BiB 2025)

Besonders betroffen ist der Nordosten Deutschlands – darunter Nordthüringen, Ostniedersachsen sowie größere Gebiete von Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern.

Betrachtet man die Situation in Westeuropa, so fällt ein klares Muster auf: In der Schweiz sowie in weiten Teilen von Italien, Frankreich und Spanien sterben vergleichsweise weniger Menschen an vermeidbaren Ursachen. Diese Regionen identifizieren die Autoren als stabile „Coldspots“. Innerhalb Deutschlands gehörte lediglich die Region zwischen Tübingen und Ulm zeitweise zu den Coldspots. „Hotspots“ mit vergleichsweise hoher vermeidbarer Sterblichkeit finden sich dagegen, außerhalb von Deutschland, vor allem in Belgien, im Norden und Nordosten Frankreichs, im Osten Österreichs und im Südwesten Spaniens.

Als Gründe für diese regionalen Differenzen führen die Autoren einerseits eine unterschiedliche Effizienz bei der Früherkennung und Therapie von Krankheiten an. Aber auch das gesundheitsrelevante Verhalten der Bevölkerung dürfte eine wichtige Rolle spielen. Als Hauptursachen für vermeidbare Todesfälle gelten Herzkreislauferkrankungen, bestimmte Krebsarten, Unfälle sowie Folgen von Lebensstilfaktoren wie Rauchen oder Alkoholkonsum. „Gerade im Bereich Prävention besteht in Deutschland noch Aufholpotenzial, um den häufigsten Risikofaktoren wie Rauchen, übermäßigem Alkoholkonsum, ungesunder Ernährung und Bewegungsmangel entgegenzuwirken“, erklärt Mühlichen.

Die regionalen Gefälle innerhalb von Staaten und über Staatsgrenzen hinweg verdeutlichen auch, dass sich gesundheitliche Ungleichheiten in Europa nicht allein durch Unterschiede zwischen nationalen Gesundheitssystemen erklären lassen. Auch sozioökonomische Faktoren wie Einkommen, Bildung und Beschäftigungsperspektiven spielen eine wichtige Rolle. „Um vermeidbare Todesfälle langfristig zu verringern, sollten gesundheitspolitische Maßnahmen daher noch stärker an regionalen Bedarfen ausgerichtet sein, die sich etwa aus den sozialen Bedingungen oder gesundheitsrelevanten Verhaltensweisen ergeben“, schreibt Forschungsgruppenleiter und Mitautor  Dr. Pavel Grigoriev vom BiB. Und er betont in einem Interview, dass gerade bei Frauen – insbesondere in der Altersgruppe der 55 bis 74 – Jährigen die Spätfolgen der „Rauchepidemie“ die Gewinne an Lebensjahren stagnieren lassen. Dies hänge wahrscheinlich mit dem früheren Rauchverhalten zusammen: Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern setzte die Rauchepidemie unter deutschen Frauen später ein, also die Phase, in der Rauchen sich stark in der Bevölkerung ausbreitete. Die langfristigen Folgen werden nun sichtbar.

Helmut Schatz, Bochum

P.S.: Vermeidbare Sterblichkeit umfasst vorzeitige Todesfälle in Bezug zur Bevölkerung im Alter von 0 bis unter 75 Jahren, die durch effiziente medizinische Versorgung oder präventive Maßnahmen hätten verhindert werden können. Medizinisch vermeidbare Sterblichkeit bezieht sich auf Todesfälle, die durch Früherkennung sowie rechtzeitige und angemessene medizinische Behandlung hätten vermieden werden können. Präventiv vermeidbare Sterblichkeit umfasst Todesfälle, die durch Vorsorge, gesunde Lebensweise oder Sicherheitsmaßnahmen hätten verhindert werden können. Die Einstufung erfolgt anhand der auf dem Totenschein diagnostizierten Grundleiden, die in der Todesursachenstatistik erfasst sind. Die Studie berücksichtigt nur den Zeitraum bis 2019, da die Zahlen ab 2020 durch die Coronapandemie stark beeinflusst wurden. Durch den Fokus auf den Zeitraum 2002 bis 2019 können somit die langfristigen Tendenzen ohne Verzerrungen durch pandemiebedingte Sondereffekte betrachtet werden (2).

Literatur

(1) Johannes Dietrich: Politische Rahmenbedingungen der präventiven Medizin – Deutschsprachige Länder Schlusslichter in Europa.
DGE-Blogbeitrag vom 18. März 2026

(2) Sophie Stroisch, Michael Mühlichen, Pavel Grigoriev &Tobias Voigt: Spatial differences in avoidable mortality across 581 European districts, 2002-2019. European Journal of Population, open access: Published 09 December 2025. Vol. 42, Article Number 5 (2026)

Posted on by Prof. Helmut Schatz
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