Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

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Schilddrüsenbehandlung nur mit Thyroxin (T4) oder kombiniert mit Trijodthyronin (T3)?


Bochum, 1. Oktober 2022:

Das Thema „T4 allein oder kombiniert mit T3?“ wurde im DGE-Blog schon mehrfach besprochen. So wurde am 5. März 2021 über die gemeinsame Forderung der Amerikanischen, Britischen und Europäischen Schilddrüsengesellschaft berichtet, wegen der nach heutigen Gesichtspunkten ungenügenden Studienlage diese Frage erneut sorgfältig zu überprüfen (1) . Etwa zeitgleich wurden europäische Thyreologen aufgefordert, an der Umfrage THESIS (Treatment of Hypothyroisim by Specialists: an International Survey) teilzunehmen (1). Darin fragte man auch, ob bzw. wann bei Euthyreose Schilddrüsenhormone (SH) verabreicht werden. Jetzt wurden die Ergebnisse der THESIS-Umfrage für Deutschland in unserem offiziellen Organ Exp. Clin.Endocrinol.Diabetes publiziert (2). Dort findet man zum Vergleich mit den deutschen Eregebnissen auch die Literaturstellen für die Publikationen der – teilweise differierenden – THESIS-Resultate in Frankreich, Italien, Spanien, Polen, Bulgarien, Rumänien, Finnland, Schweden und Dänemark.

Methodik

Alle Mitglieder der Sektion Schilddüse der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie wurden per E-Mail eingeladen, an der Umfrage im Internet teilzunehmen. Von den 206 Sektionsmitgliedern antworteten 163 (79.1 %).

Ergebnisse

Bei Hypothyreose war für fast alle (98.6 % ) Levothyroxin (L-T4) die Therapie die der Wahl. 45. 4% verschrieben aber in ihrer klinischen Praxis auch eine Kombination mit L-T3. Diese favorisierten sie bei trotz biochemischer Euthyreose weiterbestehenden Hypothyreose-Symptomen.

Bei Euthyreose verordneten 26.4% der Antwortenden nie Schilddrüsenhormone, 62.9 % verabreichten sie bei trotz normaler Schilddrüsenfunktionsparameter infertilen Frauen mit Kinderwunsch, wenn hohe Schilddrüsenantikörpertiter bestanden. Mehr als die Hälfte (57.1 %) therapierte einen „simple goitre“ mit SH. Für 7.1 % stellten SH eine Zusatztherapie bei Hypercholesterinämie dar.
Die Publikation (2) enthält auch Daten über die Anwendung unterschiedlicher SH-Präparate wie Soft Gel-Kapseln oder Flüssigpräparaten sowie von Jod und Selen in Deutschland.

Schlussfolgerung der Autoren:“ „For German thyroid specialists, LT4 is the treatment of choice for hypothyroidism. Combination therapy with LT4 + LT3 was considered for patients with persistent symptoms… The widespread use of thyroid hormone needs further study (2).

Als Ursache für die von den Patienten angegebenen „fortbestehenden Hypothyreose-Symptome“ wurden von den Schilddrüsenexperten angekreuzt: Psychologische Faktoren, Komorbiditäten, unrealistische Erwartungen, unerklärliches Chronic Fatigue-Syndrom, Autoimmunerkrankungen, Belastung durch chronischen Erkrankungen oder durch Tabletteneinnahme, fortbestehende Depression trotz Antidepressiva und fortbestehende Adipositas trotz Lebensstil-Intervention.

Diskussion

Diese Patientenangaben über „fortbestehende Symptome“ an ihre Ärzte entsprechen denen, die auf dem Jahreskongress der American Association of Clinical Endocrinologists (AACE) von Antonio C. Bianco, University of Chicago vorgetragen wurden (3). Der Vortragende mahnte, dass man vor zusätzlicher T3-Gabe, die mit einer sehr kleinen Dosisbeginnen soll, andere Ursachen und Komorbiditäten ausschließen müsse wie Peri-/Postmenopause, Adipositas, Vitamin B12-Mangel oder Autoimmunerkrankungen. Auf dem deutschen Pharmamarkt gibt es keine genügend gering dosierte Präparate.

Antonio C. Bianco schloss seinen Vortrag mit den Worten: „Given the new safety data, physicians should be more liberal with this form of therapy (mit zusätzlichen kleinen T3-Dosen) as they treat patients with residual symptoms“.

Es bleibt abzuwarten, was die von der Europäischen, Britischen und Amerikanischen Schilddrüsengesellschaft (1) geforderten Studien ergeben werden, und ob bzw. wie rasch sich aus deren Resultaten Änderungen im Therapieverhalten unserer Ärzteschaft ergeben werden.

Helmut Schatz

Literatur

(1) Helmut Schatz: Hypothyreose: Forderung nach neuen Studien zur Kombinationstherapie mit Thyroxin und Trijodthyronin versus Europäische THESIS-Umfrage zu diesem Thema.
DGE-Blogbeitrag vom 5. März 2021

(2) Irfan Vardari ….Dagmar Führer: A Questionnaire Survey of German Thyroidologists on the Use of Thyroid Hormones in Hypothyroid and Euthyroid Patients: The THESIS (Treatment of Hypothyroidism in Europe by Specialists: An International Survey) Collaborative.
Exp.Clin.Endocrinol.Diabetes 2022; 130(9):577-586

(3) Helmut Schatz: Kombinationstherapie aus T4 und T3 bei Hypothyreose
DGE-Blogbeitrag vom 13. Juni 2022

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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3 Antworten auf Schilddrüsenbehandlung nur mit Thyroxin (T4) oder kombiniert mit Trijodthyronin (T3)?

  1. Es ist sehr gut, dass dieses Thema wieder mehr Aufmerksamkeit erhält. Vor 20 Jahren dachte man, dass die L-T3-Therapie erledigt sei, da mehrere große Studien keinen Benefit gezeigt haben. Inzwischen ist man vorsichtiger in der Interpretation, da

    1. die L-T3-Dosierungen der alten Studien viel zu hoch waren
    2. die Therapiemodalität nicht günstig war (einmal täglich bei kurzer Halbwertszeit für T3)
    3. der individuelle Bedarf wahrscheinlich unterschiedlich ist.

    Mehr Forschung zu dem Thema ist dringend notwendig.

    Empfehlenswert sind die Leitlinien der European Thyroid Association zur Kombinationstherapie, auch zur Dosisberechnung: https://doi.org/10.1159/000339444

  2. Anonym (w) sagt:

    Wäre das Geschlechterverhältnis der LT4-Nehmenden umgekehrt, würden Schilddrüsenexperten dann auch ankreuzen: „unrealistische Erwartungen“ oder „Belastung durch chronischen Erkrankungen oder durch Tabletteneinnahme“? (Wobei ich hier vermute, dass den Patientinnen unterstellt wird, dass sie durch das Wissen, lebenslang mit einer chronischen Erkrankung leben zu müssen, auch unter „Psychologische Faktoren“ fallen.) Mit Verlaub, das klingt nach dem alten Konzept der Hysterie. Fehlt noch „unerfüllter Kinderwunsch“, aber der fällt vermutlich unter Punkt 1.

  3. Anonym(w) sagt:

    nur LT4 ist in Deutschland leider immer noch Stand der Dinge; für alles Andere als auch die Behandlung von LT4 und LT3 Kombi sind die Ärzte in Deutschland nicht aufgeschlossen; ebensowenig wie die Behandlung mit Bioidentischen Hormonen; alles was man nicht kennt, davon will man nichts wissen; auch wenn es nachweislich einem Patienten hilft; diese Einstellung bringt und nicht weiter zudem schadet es den Patienten aber das Wohl der Patienten scheint hier völlig egal zu sein;

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