Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Schilddrüsenhormon-Gabe bei subklinischer Hypothyreose?


Bochum, 19. Juni 2019:

Ein Guideline Panel unter der Leitung von Mieke Vermandere von der Katholischen  Universität Leuven in Belgien empfiehlt, latente Hypothyreosen nicht zu übertherapieren. In den „Practical Guideline Recommendations“, publiziert am 14. Mai 2019 online im British Medical Journal (BMI, Lit. 1)  schreibt das Gremium, es bestehe „eine überwältigende Evidenz, dass eine Schilddrüsenhormonbehandlung weder einen Nutzen für die Lebensqualität noch für Symptome bringe, welche bei vielen Patienten  minimal seien oder bei etwa einem Drittel der Patienten überhaupt nicht vorlägen. Dies beziehe sich auch auf depressive Symptome, Fatigue und erhöhten Body Mass Index“.  Diese Empfehlung beruht auf einer systematischen Review und Meta-Analsyse von 21 Studien an 2192 Patienten, über die bereits am 4. Oktober im DGE-Blog berichtet wurde (2) und die im November 2018 im JAMA gedruckt erschien. Diese Empfehlung wurde im Rahmen der „British Medical Journal´s Rapid Communications Initiative“ publiziert, die etabliert wurde zur „rapid and trustworthy guidance based on new evidence to help doctors make better decisions with their patients“, wie es in einer Pressemitteilung des BMJ heißt.

Kommentar

Im DGE-Blog wurde schon vielfach über die Frage einer Behandlung einer latenten Hypothyreose berichtet, so zuletzt in Lit. 2 -4. Diese Berichte geben die gleiche Meinung wieder wie die Practice Rapid Communications (1): Keine generelle Gabe von Schilddrüsenhormonen bei TSH-Spiegeln von 4-10 mU/l und normalen peripheren Schilddrüsenhormonwerten. Eine subklinische (latente) Hypothyreose betreffe etwa 5% der Erwachsenen und 10-15% der Älteren, wobei zu berücksichtigen ist, dass die TSH-Spiegel im Alter etwas ansteigen. Bei der Mehrzahl der Fälle, etwa 60%, mit Werten zwischen 4 und 10 mU/l,   normalisieren sich die TSH-Spiegel wieder im Laufe von 5 Jahren auch ohne Behandlung. Eine manifeste Hypothyreose  entwickle sich nur in etwa 2-5% der Fälle pro Jahr (1). Statt gleich Hormone zu geben solle man regelmäßig die Schilddrüsenwerte kontrollieren. In den Practical Guideline Recommendations werden aber Ausnahmen von dieser generellen Empfehlung angeführt, darunter unerfüllter Kinderwunsch, Vorliegen höhertitriger Schilddrüsenantikörper, echoarmes Ultraschallmuster etc., bei denen man  Schilddrüsenhormon geben soll. Diese Empfehlungen entsprechen denen der American Thyroid Association (ATA), worüber auch in einem der DGE-Blogs (3) berichtet wurde.

Der Referent fragt sich, warum jetzt eine  neue Gruppierung im British Medical Journal „Practical Guideline Recommendations“ herausgibt, welche doch weitgehend denen der etablierten internationalen und nationalen Vereinigungen auf dem jeweiligen speziellen Gebiet entsprechen. Möglicherweise erhofft man, damit eine breitere Ärzteschaft zu erreichen als es bei den Leitlinien der Fachgesellschaften der Fall ist, die von manchem Allgemeinmediziner oder praktischem Arzt als „elitär, aus dem Elfenbeinernen Turm heraus“ angesehen werden könnten und nicht immer umgesetzt werden.

Helmut Schatz

Literatur

(1) Practice Rapid Recommendations: Thyroid hormones treatment for subclinical hypothyroidism: a clinical practice guideline.
British Medical Journal 2019. 365:I2006. doi: https://doi.org/10.1136/bmj.I2006

(2) Helmut Schatz: Subklinische Hypothyreose: Thyroxinbehandlung ohne Nutzen
DGE-Blogbeitrag vom 4. Oktober 2018
JAMA 2018.320:1349-1359

(3) Helmut Schatz: Soll man subklinische Hypothyreosen mit einem TSH unter 10 mU/L behandeln? Eine prospektive Studie über 5 Jahre.
DGE-Blogbeitrag vom 17. August 2016

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