Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

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Kann Schilddrüsenhormongabe das Risiko für neurokognitive Störungen erhöhen?


Bochum, 1. Dezember 2023:

In einer 10-jährigen Kohortenstudie von 2014-2023 an Personen ab dem 65. Lebensjahr aus dem elektronischen Netzwerk der Allgemeinärzte der John Hopkins Community in Baltimore, Maryland (USA) wurde gefunden, dass Patienten, die niedriges thyreotropes Hormon (TSH) aufwiesen, ein erhöhters Risiko für neurokognitive Störungen hatten (1).

Methodik und Resultate:

Von den eingeschlossenen ~65.000 älteren Patienten (56% weiblich, 69% weiss) hatte keiner sechs Monate vor Studienbeginn ein niedriges TSH oder  eine neurokognitive Störung. Während der Studie aufgetretenes niedriges TSH konnte bei endogener Schilddrüsenhormonüberfunktion, durch exogene Schilddrüsenhormongabe oder aus unbekannter  Ursache bedingt worden sein..

Insgesamt traten bei  niedrigen TSH (=Hyperthyreose)  im 10-jähren Beobachtungszeitraum  bei 11% der Patienten kognitive Störungen auf (95% CI, 8.4%-14.2% ), im Vergleich zu Personen mit im Referenzbereich gebliebenem TSH mit 6.4% (95% CI, 6.0%-6.8%).

Nach Adjustierung errechnete sich das Risiko für kognitive Störungen bei niedrigem TSH für alle Patienten signifikant erhöht (aHR, 1.39; 95% CI, 1.18-1.64, p<0.001) , bei bei exogen bedingtem niedrigen TSH blieb es ebenfalls signifikant erhöht, während die Erhöhung bei endogener Hyperthyreose  keine Signifikanz erreichte.

Bei 2.710 der 65.000 Patienten fand man  in den 10 Jahren ein erniedrigtes TSH bei den ~25.000 erfolgten TSH-Messungen, 14.875 davon bei exogener Thyroxingabe, und bei 4.159 bei endogen bedingtem niedrigen TSH. Bei 5.833 Personen ließ sich keine Ursache eruieren.

Kommentare

Die Senior-Autorin der referierten Arbeit, Jennifer S.  Mamman  sagte: „Primary care physicians should carefully consider wether thyroid hormone therapy is necessary for older patients, and, if so, great care should be taken to avoid overtreatment……..We already know that atrial fibrillation rates  are increased in people who are hyperthyroid. We know that fracture and osteoporosis is affected by hyperthyroidism.  And now we also have an association with higher rates of cognitive disorders.“

Der nicht an der Studie beteiligter Kommentator Jean Chen  aus Texas sagte:  „All medical providers need to be aware that the 65 and older population does nor need to be treated as aggressive with their thyroid hormone… ….We are finding more and more complications from overtreatment rather than benefit in this population.

Der Referent (H.S.) kann sich dieser Meinung nur anschließen. Er beobachtete in der letzten Woche wiederum bei zwei ihm bekannte Frauen, dass diese von ihren behandelnden Ärzten eine wohl zu hohe Thyroxin-Dosis erhalten.

Thyroxin war 2013-2014  das in den USA meistverschriebene Medikament (2). Auch heute gehört es sowohl in den USA als auch in Deutschland zu den Spitzenreitern der ärztlichen Verschreibungen.

Helmut Schatz, Bochum

Literatur

(1) Adams et al.: Endogenous and Exogenous Thyrotoxicosis and Risk of Incident Cognitive Disorders in Older Adults.
JAMA Intern Med. Published online October 23, 2023. Doi:10.1001/jamainternmed.20235619

(2) Helmut Schatz: L-Thyroxin das meistverschriebene Medikament des letzten Jahres in den USA.
DGE-Blogbeitrag vom 16. Juni 2014

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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