Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

„Schlank, aber neurotisch – was ist dran an Klischees über Vegetarier?“


– Titel eines Medizinischen Informationsdienstes seiner Besprechung wissenschaftlicher Resultate aus Leipzig –

Bochum, 7. August 2020:

Ende Mai 2020 erschien in der Zeitschrift „Nutrients“  ein Artikel Leipziger Wissenschaftler  (1) über Untersuchungen an knapp 9000 Personen über körperliche Symptome und emotionale Gesundheit an Personen mit Restriktion tierischer Produkte in der Ernährung (Vegetariern und Veganern). Die Querschittsdaten stammten von den basalen Werten der LIFE-Adult-Study von  2011-2014 in Leipzig.

Ein Gewichtseffekt wird schon lange beobachtet, weniger wusste man jedoch über einem Zusammenhang mit Persönlichkeitszügen bzw. psychischen Eigenschaften. So nimmt man an, dass ein hochgradiger Neurotizismus zum restriktiven Essverhalten beitragen könnte und  Beziehungen zwischen Diät und Gesundheit  bestehen. Insbesondere sollte ein Zusammenhang mit Depressionen untersucht werden. Haupt-Outcome von Interesse waren die Frequenz im Essverhalten von tierischen Produkten im letzten Jahr, erfasst mit dem Food Frequency Questionnaire (FFQ, siehe Abbildung unten), der Body Mass Index (BMI in kg/m²), und der Center of Epidemiological Studies Depression Scale (CED-D). Personalitätsmerkmale wurden in bei 7906  der  ~9000 Probanden mit den Five Factor Inventory (NEO-FFI) Depression Scores erfasst.

Abbildung (aus Lit.1): Dietary Restriction Score auf Basis des Verzehrs von Tierprodukten in den letzten 12 Monaten (FFQ)

Ergebnisse

Höhere Restriktion von tierischen Produkten waren mit dem Body Mass Index assoziiert. Es fand sich kein Zusammenhang mit den Depressions-Scores,  hingegen mit Personalitätsmerkmalen wie Introversion (=verminderter Extraversion). Die Personalitätsmerkmale wiesen aber eine Beziehung zu depressiven Symptomen auf, wie höherer Neurotizismus, verminderter Extraversion, geringerer Angemessenheit (aggreeableness) und Gewissenhaftigkeit (conscientiousness).

Kommentar

Dass zwischen Essverhalten und Psyche vielfach ein Zusammenhang besteht, wurde im DGE-Blog vom 11. Juli 2014 (Lit. 2, vgl. auch 3) bei der Orthorexie aufgezeigt. Dies hat sich global bei den Depressions-Scores in dieser Arbeit nicht bestätigt.  Ein Zusammenhang mit einzelnen Symptomen wurde jedoch gesehen.

Die Erstautorin der Studie, Evelyn Medawar (1) äusserte in einem Interview, abgedruckt unter dem oben zitierten Titel (4): „Dick machen vor allem übermäßig fett- und zuckerreiche Produkte. Sie regen den Appetit an und zögern das Sättigungsgefühl hinaus. Verzichtet man auf tierische Nahrungsmittel, nimmt man im Schnitt weniger solche Produkte zu sich“. Ursache ist möglicherweise der stark prozessierte Zustand unser heutigen Lebensmittel, im Unterschied etwa zu Gemüse vom Markt. Vegetarische Nahrungsmittel enthalten auch Ballaststoffe und wirken sich positiv auf das Mikrobiom im Darm aus. Medawar führt weiter aus: „Menschen, die sich vorwiegend pflanzlich ernähren, nehmen daher womöglich weniger Energie auf“. Ausser einem  veränderten Sättigungsgefühl könnten zudem Lebensstilfaktoren wie mehr Sport und ein höheres Gewichtsbewusstsein eine entscheidende Rolle spielen (4).

Ob Vegetarier nicht nur keine oder nur pflanzliche Proteine, sondern tatsächlich weniger Fette und Zucker (Kohlenhydrate) zu sich nehmen, muß in weiteren Studien bestätigt werden, meint der Referent (H.S.). Vegetarier gab es in Deutschland nach einer Erhebung des Allensbach-Instituts im letzten Jahr >6 Millionen (Selbstangabe), um 400.000 mehr als zwei Jahre vorher. Mit ein Grund dafür ist die steigende Akzeptanz des Tierwohls mit Verzichts auf tierische Produkte.

Helmut Schatz

Literatur

(1) Evelyn Medawar et al.: Less Animal-Based Food, Better Weight Status: Associations of the Restriction of Animal-Based Product Intake with Body-Mass-Index, Depressive Symptoms and Personalitys in the General Population.
Nutrients 2020. 12:1492. doi:10.3390/nu12051492

(2) Helmut Schatz: Orthorexie: Eine Art Essstörung, aber kein etablierter Krankheitbegriff.
DGE-Blogbeitrag vom 11. Juli 2014

(3) Helmut Schatz: Veganuary = Vegan im Januar!
DGE-Blogbeitrag vom 7. Januar 2019

(4) Thomas Krohn: Große Studie überrascht: Schlankk, aber neurotisch – was ist dran am Klischeesüber Vegetarier?
https://deutsch.medscape.com/artikelansicht/4909050_print

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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5 Antworten auf „Schlank, aber neurotisch – was ist dran an Klischees über Vegetarier?“

  1. Veganer sagt:

    Sehr geehrter Herr Prof. Schatz, ich bin seit etwa 25 Jahren Veganer und ich fühle mich sehr wohl (regelmäßig nehme ich Vitamin B12, Vitasprint). Ich meine, weder neurotisch noch depressiv oder introvertiert zu sein. Wenn man die Publikation der Leipziger Wissenschaftler durchsieht, findet man große Punktwolken, durch die ein Strich zieht, der die Statstik anzeigt. Ein „signifikantes“ Erhebnis gilt nicht für individuelle Personen, z. B. nicht für mich.

  2. Helmut Schatz sagt:

    Am 23. Juli 2020 erschien im Eur. Heart J., Band 41(28):2618-2628 eine Arbeit, die fand, dass pflanzliche Sterole (Phytosterine) auch atherogen sind („Studie liefert genetischen Beweis: Auch pflanzliches Cholesterin kann per se atherogen sein“, schreibt Medscape). Und auf S. 2629-21663 liest man dort in einem Editorial dazu: „It´s time to personalize and optimize lipid-lowering therapy“. Medscape titelt:: „Ersatzbefriedigung für Fleischeslust: Wie gesund und nachhaltig ist „Fleisch“ aus Pflanzen, Insekten oder der Petrischale?“. Unterkapitel lauten:: „Fleischersatz aus Pflanzen und Pilzen „, oder „Maden, Fliegen, Heuschrecken“ , und „Burger aus der Petrischale“.

  3. Melanie Engbert sagt:

    Studien über Ernährung finde ich sinnvoll und hilfreich. Doch immer fortschrittlichere Untersuchungsmethoden zeigen zuweilen das Gegenteil von dem auf, was noch vor Jahren als richtig galt ; ich denke da an den Eisengehalt von Spinat. Wenn also neue Ergebnisse vorgestellt werden, bin ich eher skeptisch. Ich halte mich an die einfache Regel: Das Essen soll schmecken und maßvoll eingenommen werden .Wenn ich selber an mir herunterschaue und feststelle, dass sich meine Mitte wölbt, weiß ich, dass ich etwas falsch gemacht habe, und das läuft meistens auf „zu viel, zu süß und/oder zu fett“ hinaus. Dazu brauche ich keine neuesten Studien, sondern Selbstkritik und die Disziplin für eine Änderung im Ess- und Bewegungsverhalten. Inwieweit die Ernährung etwas mit der Psyche zu tun hat, kann ich z.B. bei keinem meiner Freunde oder Bekannten behaupten, wohl aber , was die Einstellung zum Tierwohl angeht und was die bewusste Veränderung von pflanzlichen Produkten betrifft.

  4. PD Dr. med. Peter Kühnert sagt:

    Im Brit.Med.J. erschien 2019 (Bd.66, Seite 4897ff.) eine Auswertung der Daten von >48.000 Briten über den Zusammenhang zwischen Ernährungsform und Herz-Kreislauferkrankungen. Im Beobachtungszeitraum von 18 Jahren erlitten 2828 ischämische Herzattacken und 1072 ischämische oder hämorrhagische Schlaganfälle. Während Vegetarier ein geringeres Risiko an Herzerkrankungen aufwiesen (erklärt durch niedrigeres Cholesterin), hatten Vegetarier ein höheres Schlaganfallrisiko (HR 1.20). Warum blieb unerklärt und soll in kommenden Studien untersucht werden.

  5. Peer Schatz sagt:

    Lieber Helmut – ein äusserst interessanter Artikel! Solche Studien zu Zusammenhängen zwischen Ernährung und Personalitätsmerkmalen werden über die Zeit immer einsichtsreicher werden – dies auch weil früher eine vegane Ernährung oft mit einer Lebenseinstellung verbunden war, sich dies aber immer mehr ändert. Als ich vor 20 Jahren aus gesundheitlichen Gründen in der Familie (vs Gründen der Lebenseinstellung) Veganer wurde, war dies noch eine Ausnahme, heute ist die Begründung, damit eine Verbesserung der Gesundheit und des Wohlbefindens zu erreichen, eher die Regel.

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