Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

SGLT2-Hemmer in der real world: Häufiger Urogenitaleffekte als in den Studien


Berlin, 2. Juni 2019:

Auf dem 54. Kongress der Deutschen Diabetes-Gesellschaft in Berlin vom 28.5. bis 1. 6. 2019 wurden in den Referaten über die SGLT2-Hemmer, etwa in der Sitzung „Neue Superheldinnen und Superhelden in der kardiovaskulären Prävention?“ deren günstige pleiotrope Effekte eingehend besprochen, weniger ihre unerwünschten Nebenwirkungen wie die Urogenitalinfekte. Auf diese wurde in den Postern P 153 und P 155 eingegangen. M. Hopf et al. (1) evaluierten aus den elektronischen Krankenakten am Universitätsklinikum Jena die Patienten, die mindestens 4 Wochen lang von 1.8.2017 bis 31.1.2019 SGLT2-Hemmer erhalten hatten und von denen Daten von Nachuntersuchungen vorlagen. Dies war von den insgesamt 170 Patienten bei 95  der Fall. Der Mittelwert betrug für die  Diabetesdauer 13 Jahre, HbA1c 8.9%, eGFR 80 ml/min, Körpergewicht 105 kg, BMI 35 kg/m2,  Blutdruck 144/84 mm Hg und für die Nachbeobachtungsdauer 1.2 Jahre.  Alle genannten Werte bis auf den diastolischen Blutdruck fielen signifikant ab, so HbA1c um -1% und das Körpergewicht um -3 kg. Etwas mehr als die Hälfte der Patienten (n=52) blieben der SGLT2-Hemmer-Therapie treu, 20 beendeten sie wegen Urogenitalinfekten, zwei führten sie trotz der Genitalinfektion weiter. Wegen dysurischer Beschwerden beendete sie 1  Patient, bei 7 wurde sie wegen Abnahme der eGFR abgebrochen.

Auf Poster P155 (2) berichtete K.Rohwedder von der Herstellerfirma AstraZeneca mit den übrigen Autoren   S. Del Prato et al. über eine „gepoolte Verträglichkeitsanalyse“ des SGLT2-Hemmers Dapagliflozin  allein und in Kombination mit dem DPP4-Hemmer Saxagliptin, als add-on zu Metformin. Es wurden 7 randomisierte Phase-3 Studien mit  >3100 Typ-2-Diabetespatienten analysiert. Häufigste Ereignisse waren vulvovaginale mykotische Infektionen und Balanitiden. Es wurden unterschiedliche Dosierungen der beiden Substanzen allein und in Kombination verglichen. Die niedrigste Rate an Genitalinfektionen wurde mit 10 mg Dapagliflozin + 5 mg Saxagliptin beobachtet, nämlich 3.6%. Im Vergleich dazu lag sie mit 10 mg Dapagliflozin allein bei 6.6%.

Kommentar

Die Autoren aus Jena (1) weisen in den Schlußfolgerungen auf ihrem Poster darauf hin, dass Urogenitalinfekte in der Praxis doch wesentlich häufiger sein dürften als sie in den Zulassungsstudien beschrieben wurden. Auch der Referent hat in seiner Praxis  relativ viele Fälle von Balanitis nach Zugabe von SGLT2-Hemmern zur laufenden Diabetestherapie beobachtet. Mit ein Grund für die so hohe Zahl von Urogenitalinfekten im Kollektiv der 95 Patienten der Jenaer Klinik mag auch in in ihrem Gewicht liegen: Der mittlere BMI betrug 35 kg/m2, also lagen viele wohl weit  über 100 kg, bei denen eine sorgfältige Genitalhygiene gewiß schwieriger sein dürfte als bei Normalgewichtigen. In der gepoolten Analyse der Firma AstraZeneca (2) wurden 6.6%  Urogenitalinfekte für ihr Präparat Dapagliflozin allein genannt. Eine Ursache für die in den Phase-3 Studien unter Kombination von Dapagliflozin + Saxagliptin (Handelsname: Qtern®) beobachtete geringere Zahl von Urogenitalinfekten als unter Dapagliflozin allein (Forxiga®) dürfte die unter der Kombinationstherapie geringere Glukoseausscheidung im Urin gewesen sein, da die angestrebten Werte für die Glukosekontrolle in den Studien zum Teil durch die DPP4-Hemmung und nicht allein durch die Glukosurie bewirkt wurden. Die Glukosurie ist wohl ein wichtiger pathogenetischer Faktor für die Urogenitalinfektionen bis hin zur Fournier-Gangrän, wie im letztem DGE-Blog besprochen (3).Deswegen sind Patienten, die man auf SGLT2-Hemmer setzen möchte, vorher auf eine besonders sorgsame Genitalhygiene hinzuweisen. Wie ein Diskutant zum DGE-Beitrag über die Fournier-Gangrän (3) schrieb, soll der Arzt die Patienten schon bei Aushändigung des Rezepts anweisen,  Höschen oder Unterhose täglich zu wechseln (3).

Helmut Schatz

Literatur

(1) M. Hopf … U.A. Müller: Effektivität und Sicherheit von SGLT2-Hemmern in der Routineversorgung bei Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2.
Poster P 153 auf dem 54. Kongress der Deutschen Diabetes-Gesellschaft Berlin 2019. Diabetologie und Stoffwechsel 2019. 14:S82

(2) S. Del Prato…..K.Rohwedder: Regulierung von Dapagliflozin-assoziiierten Genitalinfektionen durch Saxagliptin: eine gepoolte Verträglichkeitsanalyse.
Poster P 155 auf dem 54. Kongress der Deutschen Diabetes-Gesellschaft Berlin 2019. Diabetes und Stoffwechsel 2019. 14:S82

(3) Helmut Schatz: Fournier-Gangrän unter SGLT2-Hemmern bei schlechter Genitalhygiene?
DGE-Blogbeitrag vom 17. Mai 2019

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Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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Eine Antwort auf SGLT2-Hemmer in der real world: Häufiger Urogenitaleffekte als in den Studien

  1. Helmut Schatz sagt:

    Im Medizinstudium hörten wir schon vor Jahrzehnten in den Vorlesungen, dass ein Diabetes des öfteren von Gynäkologen oder Urologen auf Grund der Urinuntersuchung erstdiagnostiziert wird, wenn diese von einer Frau wegen Scheidenjuckens bzw. einem Mann mit Vorhautentzündung aufgesucht wurden.

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