Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Sicherheit der Inkretin-Mimetika kritisch hinterfragt: Mehr Risiken als bisher gedacht?


Sorgfältige Recherche des British Medical Journal

Bochum, 10.Juni 2013:

Heute erschien im British Medical Journal (BMJ) online (1) ein ausführlicher Bericht über das Risiko von Pankreatitis, Pankreaskrebs und Schilddrüsenkarzinom unter Inkretin-Mimetika, also den Glukagon-like Peptide -1 (GLP-1)- Analoga und Dipeptidylpeptidase-Inhibitoren (DPP4-Hemmer). Diese Arbeit basiert auf den vorliegenden Publikationen sowie Recherchen und Analysen auch unpublizierter Daten durch das BMJ. Zum Teil wurde die Einsicht in nicht öffentlich zugänglichen Unterlagen gerichtlich erzwungen. Detailliert wird geschildert, wie ungünstige präklinische und klinische Sicherheitsdaten von den Pharmazeutischen Firmen zurückgehalten, unterdrückt oder manipuliert wurden. Eine Risikoberechnung des „US Institute for Safety Medical Practices“ (2) ergibt etwa für alle Inkretin-Mimetika zusammen ein 25-fach erhöhtes Pankreatitis-Risiko, Pankreaskrebs war unter GLP-1-Analoga 23x und unter DPP-Hemmern 13.5x häufiger als unter anderen Diabetestherapien.

Kommentar

Lisa Nainggolan schreibt in einem Kommentar zu der BMJ-Untersuchung (3): “The issue of pancreatitis and pancreatic cancer associated with so-called incretin mimetic therapies for type 2 diabetes has been downplayed by the pharmaceutical industry, according to a new in-depth investigation by the BMJ. Also regulators, including the US Food and Drug Administration (FDA) and the European Medicines Agency (EMA), have not acted as aggressively as they could have regarding these concerns”. Im Bericht von Deborah Cohen, Editor der BMJ-Untersuchung, werden auch zwei deutsche Diabetologen genannt: Michael Nauck aus Bad Lauterberg wird mit seiner Ansicht zitiert, dass die publizierte Evidenz gegen die Inkretin-Mimetika schwach sei: “The potential harms and risks typically refer to rare events and are discussed in a controversial manner,” . Der zweite ist Thomas Danne, Hannover. Nach einem ersten Statement als Präsident der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) sei ein Therapie-Neubeginn mit Inkretin-Mimetika nach der Gastroenterology-Arbeit von P. Butler et al. nur noch unter ganz besonderen Bedingungen gerechtfertigt. Die DDG-Stellungnahme sei aber drei Tage später wieder von der Website verschwunden und durch eine neue ersetzt worden: In einem Letter von Novo Nordisk an den Editor von Gastroenterology wurde die Qualität der Butler-Publikation in Frage gestellt, indem ein „reporting bias“ ins Feld geführt wurde. Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) hat sich mehrfach kritisch zur Sicherheit der Inkretin-Mimetika geäußert (4). Der Referent ist durch eigene Beobachtungen in seiner Praxis mit bis zu 10-fachen Lipaseanstiegen bei klinisch völlig symptomlosen Patienten sowohl unter Exenatide als auch Sitagliptin, die sich in 1 bis 2 Wochen nach Absetzen der Therapie wieder normalisierten, für diese Therapiekomplikationen sensibilisiert.

Nach Deborah Cohen seien die Inkretin-Mimetika “the darlings of diabetes treatment” gewesen, deren FDA-Zulassung auch zur Behandlung des Übergewichts schon weit vorangekommen sei. Sogar ein Nobel-Preis würde für die Entwicklung der Inkretin-Mimetika mancherorts diskutiert (1). Jetzt wird man zunächst die angekündigte Konferenz zur ihrer Sicherheit im Juni 2013 abwarten. Da Spätschäden am Pankreas jedoch oft erst nach vielen Jahren manifest werden, ist der Stellenwert dieser Präparate keinesfalls jetzt schon abschließend beurteilbar.

„Should we be worried about this?“ fragt Edwin A.M. Gale, Bristol, UK, in einem Editorial zur Cohen-Arbeit im heutigen BMJ. „Very much so,“ ist seine Antwort. Fiona Godlee, Chefherausgeberin des BMJ, sagt: „Patients and doctors have not been kept properly informed about the uncertainties surrounding these drugs. The debate would be much easier to resolve if all of the information were placed in the public domain so scientists, doctors, and ultimately patients could make up their own minds.“

Und Michael Elashoff, Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe von Peter Butler (5), Statistiker und ehemaliger Reviewer der FDA, sagte zu Dr. Cohen, dass die Konsequenzen klar seien: „These drugs are being used by hundreds of thousands or millions of patients, and if the safety hasn’t been adequately studied, then there are a lot of people at risk of some very serious side effects of the drugs“.

Helmut Schatz

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Literatur

(1) Deborah Cohen, Investigations Editor: Has pancreas damage from glucagon suppressing diabetes drugs been underplayed? Brit.Med.J. 2013. 346:f3680

(2) Institute of Safe Medication Practices: Perspectives on GLP-1 agents for diabetes 2013.
www.ismp.org/QuarterWatch/pdfs/2012Q3.pdf

(3) Lisa Naiggolan: BMJ digs deep into incretin and pancreatic cancer debate.
http://www.medscape.com/viewarticle/805541_print

(4) DGE-Pressemitteilung vom 9. März 2011: Erhöhtes Risiko für Bauchspeicheldrüsenentzündung durch neuere Diabetes-Medikamente?

(5) A.E. Butler et al.: Marked expansion of exocrine und endocrine pancreas with incretin therapy in humans with increased exocrine pancreatic dysplasia and the potential for glucagon-producing neuroendocrine tumours
Diabetes online before print March 22, 2013, doi:10.2337/db12-1686

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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Eine Antwort auf Sicherheit der Inkretin-Mimetika kritisch hinterfragt: Mehr Risiken als bisher gedacht?

  1. Helmut Schatz sagt:

    Die Amerikanische Diabetes-Gesellschaft ADA hat sofort auf die Recherche des BMJ reagiert und am 11. Juni 2013 die beteiligten pharmazeutischen Firmen aufgefordert, alle patientenbezogenen Daten der Studien an die ADA für eine unabhängige Analyse durch die ADA bekanntzugeben. Auch die experimentellen Datenbasen sollen von akademischen und Forschungsorganisationen herangezogen werden. Robert Ratner, Wissenschaftschef der ADA, sagt dazu: „People….should have the benefit of all that is currently known about their risks and advantages in order to make the best possible decisions about their treatment

    Helmut Schatz

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