Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Das „Studium generale“ – heute noch sinnvoll?


Ein Blick über den Tellerrand der Endokrinologie

Bochum, 10. Juni 2020:

Professor Jürgen Barmeyer, Kardiologe am Bergmannsheil Bochum  schrieb nach seiner Emeritierung mehrere Bücher über allgemeine Themen, das jüngste über „Hölderlin – die Tragik seines Lebens“ (1). Im Vorwort zu diesem Werk befasste er sich mit dem „Studium generale“. Dieses Vorwort  darf  ich in unserem DGE-Blog  – als „Blick über den Tellerrand“ –  mit seiner Zustimmung  wiedergeben ( gefolgt von einem Kommentar des Referenten H.S.)

Wozu eigentlich das verstaubte „Studium generale“ aufwärmen? Wir alle kennen aus unserer Universitätszeit diesen Begriff. Es ist ein Relikt aus der Ära des humanistischen, des Humboldtschen Bildungsideals, das den enzyklopädische gebildeten Bürger zum Ziel hatte,  von dem man durch die Universitas ein für die Gemeinschaft verantwortungsvoll gestaltetes Leben erwartete. In der Neuzeit hat sich die Universität allerdings zu einer rein berufsorientierten Institution entwickelt, von der Politik mit einem gewissen Recht daher oft auch „Hochschule“ genannt. Im Rahmen dieser Entwicklung hat sie ihr ursprüngliches Ziel einer universellen Bildung verloren. Das „Studium generale“ war ein letzter Versuch, ihr doch noch einen gewissen universellen Sinn in der Lehre zu geben. Es war die letzte Zuckung einer ursprünglich grandiosen Idee.

In der Klinikzeit des Autors wurde regelmäßig einmal im Monat eine Fortbildung für junge Ärztinnen und Ärzte der Klinik durchgeführt. Viermal im Jahr, also alle drei Monate bildete ein nichtmedizinisches Sujet das Thema aus den unterschiedlichsten Bereichen des Lebens, von uns auch „Studium generale“ genannt. Wieso eine solche medizin- und berufsferne Vorlesung? Was war unsere Motivation einer für heutige Medizinpuristen abwegigen und für die Medizin „nutzlosen“ Weiterbildung?  Welchen Gewinn sollte eine solche Fortbildung bringen? Genau das war die entscheidende Frage. Wir vertraten damals die Auffassung, dass die regelmäßige Beschäftigung mit gänzlich anderen als medizinischen Themen aus dem so vielfältigen Leben für junge Ärztinnen und Ärzte von großem Nutzen gerade für ihren ärztlichen Beruf sei. Diese tradierte, aber heute weithin abgelehnte Auffassung vom berufsparallelen, universitären Lernen hatte damit ganz bestimmte edukatorische Ziele wie das frühere Studium generale für die Studenten.

Jedoch diesmal sind nicht Studenten und junge Ärztinnen und Ärzte die Angesprochenen dieser Art von Studium generale, sondern in erster Linie die älteren Menschen, etwa die über 70-Jährigen. Bei ihnen hat das Studium generale natürlich keine edukativen Ziele mehr, eher prophylaktisch-therapeutische. Wenn einem Namen nicht mehr einfallen, einen die ersten Wortfindungsstörungen ängstigen und man die Auffahrt auf die Wuppertaler Autobahn verfehlt hat, kann, hypothetisch gesehen, ein kleines Studium generale als zerebrales Training hilfreich sein. Aber genug der unangemessenen Ironie; letztendlich entspringt es in erster Linie dem Interesse und Wissensdurst des Autors, den seine Neugier an den vielseitigen Dingen des Lebens trotz seines hohen Alters noch nicht verlassen hat. Wer diese Neugier und das Sich-Wundern-Können teilt, möge sich an den Ergebnissen dieses Suchens beteiligen. Denn Neugier ist ein Insignium erhaltener Jugendlichkeit auch noch im Alter.

Prof. Jürgen Barmeyer
Graffring 17
44795 Bochum

Kommentar:

Die Neugierde ist ein ganz wichtiges Element im Leben. Paul Baltes, der weithin bekannte Berliner Altersforscher, der 500 Hundertjährige untersucht hatte, fand  zur Erlangung von Altersweisheit  „Drei L“ bei seinen Probanden als wesentliche Elemente:  Lernen, Laufen und Lieben (2).

Die von Professor Barmeyer oben im letzten Satz angesprochene Neugier (abgesehen vielleicht von einem Zwang in der Schulzeit) ist die Triebfeder des Lernens,  und dies auch  im Alter. Das Laufen, die Bewegung ist natürlich wichtig, und auch die geistige Mobilität. Der alte Mensch soll schließlich lieben,  seine Umwelt, seine Mitmenschen, aber auch sich selbst. Schon in der Bibel steht: „Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst“. Man muss sich selbst lieben und  akzeptieren,  wenn man andere Menschen lieben soll. Viele verstehen den Bibelspruch aber nicht in diesem Sinne, sondern nur umgekehrt unidirektional (3).

Als Blogverantwortlichem wurde mir gelegentlich vorgehalten, dass manche Beiträge doch nichts mit der Endokrinologie zu tun hätten und im DGE-Blog „fehl am Platze“ seien. Die  „Blicke über den Tellerrand“ mögen solche Kritiker im Sinne eines „Studium generale“ ansehen.

Helmut Schatz
Bürkle-de-la-Camp-Platz 1
44789 Bochum

Literatur

(1) Jürgen Barmeyer: Hölderlin: Die Tragik seines Lebens – im Lichter seiner eigenen Äusserungen und der ihn umgebenden Menschen. Bochum 2020 (zum Druck eingereicht)

(2) Helmut Schatz: Wie bleibt man bis ins hohe Alter geistig fit? Sieben Empfehlungen.
DGE-Blogbeitrag vom 23. Oktober 2018

(3) Helmut Schatz: Medizin und Kunst: Der Mensch in der Sicht eines malenden Klinikchefs.
DGE-Blogbeitrag vom 11. April 2015

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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11 Antworten auf Das „Studium generale“ – heute noch sinnvoll?

  1. Johannes W. Dietrich sagt:

    So groß würde ich den Widerspruch zwischen Allgemeinbildung, wie sie in einem Studium generale kultiviert wird, und medizinischer Expertise gar nicht sehen. Gerade die Medizin ist ein unscharf begrenztes und in vielerlei Hinsicht interdisziplinäres Feld, das naturwissenschaftliche, psychische und soziale Aspekte wesentlich integriert. Es sei in dem Zusammenhang vielleicht auf zwei lesenswerte Artikel von Felix Tretter und Henriette Löffler-Stastka, die die Notwendigkeit einer humanökologischen Perspektive herausarbeiten, verwiesen.

    1. Tretter F, Löffler-Stastka H. The Human Ecological Perspective and Biopsychosocial Medicine. Int J Environ Res Public Health. 2019 Oct 31;16(21):4230. doi: 10.3390/ijerph16214230. PMID 31683637. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31683637/
    2. Tretter F, Löffler-Stastka H. Medical knowledge inte
    gration and „systems medicine“: Needs, ambitions, limitations and options. Med Hypotheses. 2019 Dec;133:109386. doi: 10.1016/j.mehy.2019.109386. PMID:…

  2. Beppo sagt:

    Wir stehen zwischen berufsspezieller Qualifizierung und der im Internetzeitalter frei zugänglichen Information. Zu studieren, ist uns beruflich selbstverständlich, im Wortsinne des Bemühens auch dem praktisch Tätigen. Welche Wohltat ist die Idee des Studierens aber angesichts der Hobby-Spezialisten und Googlegebildeten! Der Blick von mehreren Seiten hilft, Leben zu begreifen, und gute Medizin ist mehr als Spezialisierung. Solange wir unsere humanistische Hoffnung nicht ganz aufgeben, müssen wir also weiter studieren.

    Hölderlins Tragik war ja medizinisch, es gibt einige hervorragende Arbeiten von Ärzten über ihn. Ernsthaftigkeit macht sich fest an Professionalität und Grenzziehung, weniger an beruflicher Spezialisierung. Das Elend ist heute die Bequemlichkeit, der Griff zum Online-Lexikon, mit dem das Studium ersetzt werden soll. Da stöhnen Ärzte los, oder? Aber geht auch andersrum: Als Berufsgeigerin staunte ich manchmal über das Selbstwertgefühl ärztlicher Kammermusikpartner.

  3. Helmut Schatz sagt:

    Ja, liebe Beppo, Brahms spielte mit dem Chirurgen Billroth regelmäsig Streichquartett, so auch in Billroths Sommerhaus in St. Gilgen am Wolfgangsee. Brahms‘ 1. Steichquintett op.88 wurde in der Seevilla am Altausseer See des Arztes Wagner nicht von Profis, sondern von Musikliebhabern, von „Dilettanten“ 1882 uraufgeführt, noch vor der späteren Aufführung durch Berufsstreicher. Der Ausdruck „Dilettant“ war damals positiv besetzt, im Unterschied zu seiner heutigen pejorativen Bedeutung. Aber vielleicht meinten Sie mit dem „Selbstwertgefühl“ ihrer ärztlichen Kammermusikpartner ohnedies eine positive Eigenschaft.

  4. Beppo sagt:

    Ja, lieber Herr Professor Schatz! Landsteiner 1868 zum Charakterbild eines Wiener Musik-Enthusiasten:““Er selbst spielt zur Noth die Bratsche und singt je nach Umständen den ersten Tenor oder zweiten Bass. Übrigens ist er, wie er selbst sagt, mehr Theoretiker als Praktiker. Aber er weiß alles, was sich auf die Musik bezieht….“ Der Wandel hin zum Bürgertum als Träger der Kunst und Kultur war schon im 19. Jahrhundert nicht leidensfrei.

    „Billroth ließ insbesondere den geräumigen Musiksaal mit künstlerischem Geschmack auszieren…“(Eduard Hanslick). Brahms profitierte natürlich von der Blütezeit des Mäzenatentums in Wien.

    Meine Toperinnerung: Haydn-Streichquartett zur Einweihung des neuen AOK-Gebäudes, 2 Chefärzte, Sekretärin und ich. Ich 1. virtuose Geige, der Rest Begleitung. HInterher überschwänglichste Glückwünsche für die Drs. und EIntrag ins goldene Buch, Sekretärin und ich unsichtbar. Ulkig ist es bisweilen gewesen. Es gab aber liebe Ausnahmen, auch schöne…

  5. Helmut Schatz sagt:

    Musik und Medizin – ein endloses Thema. Zur Eröffnung des von mir als Co-Präsident organisierten gemeinsamen Diabeteskongresses von Deutschland und Österreich 1991 im Salzburger Kongresshaus spielte das Basler Ärzteorchester, und meine Tochter, Oberärztin in Dresden spielt mit dem „World Doctor’s Orchestra“ u ter dem Sozialmediziner Prof. Stefan Willich einige Male im Jahr mit Ärzten aus vielen Ländern in Boston, Taipeh, Kapstadt usw.
    Vor 3 Jahren wurde, von ihr organisiert, in der Kreuzkirche in Dresden gespielt. Und was sagte ein zuhörender Dresdner Berufsmusiker, witzig gemeint, aber nicht sehr taktvoll: „Wenn ihr Ärzte so behandelt wie ihr spielt, würde ich nicht als Patient zu Euch kommen“.

  6. Beppo sagt:

    Das war nicht nett, aber trifft, was ich eigentlich sagen woltle. Mir ging es weniger um Musik, sondern um die Frage der Professionalität. Es ist doch anzunehmen, dass Ärzte besser behandeln, als sie Geige spielen. Und ich besser Geige spiel(t)e, als ich Medizin betreiben könnte. Fachfremd studieren dürfen und sollten wir alle. Und das kann sogar sehr erfolgreich sein, wenn man die Grenzen beachtet. Ich fand im Nachlass meines Urgroßvaters, der Schriftsteller war, vor Jahren Dokumente, die enorme Bedeutung haben für die Literaturwissenschaft. Im Herbst veröffentliche ich, habe mich aber gehütet, germanistischen Sachverstand vorzugeben.

    Das Buch ihres Kollegen wird mich interessieren, da ich mich mal mit Hölderlin befasst habe. Nach der eigenen traurigen Erfahrung mit Hirnforschung ist mir gut vorstellbar, auch Hölderlin habe eine autoimmune Erkrankung gehabt. Über die Auswirkungen auf das Gehirn wusste man bis vor kurzem ja fast gar nichts. Zeit für eine neue These?

  7. Helmut Schatz sagt:

    Medizin soll professionell sein (manche gehen dennoch zu Wunderheilern oder bevorzugen spezielle Heilpraktiker). Musik ist aber nicht (nur) für „Professionelle“ da, sondern für Alle. Der Interpret trägt nur zu einem Drittel zu ihrem flüchtigen Erleben bei. Zuerst ist es der Komponist, der sein Werk oft ganz anders empfunden hat als der Interpret es wiedergibt. Und das dritte Element ist die Wahrnehmung durch den Zuhörer (siehe meine Blogs zur Musik, was etwa Mozart oder Schubert zur Interpretation ihrer Werke sagten: „….herabgehudelt…“, oder „….wie Stoßvögel auf die Tasten…“ ). Insofern kann man die Professionalität eines Arztes wohl
    nicht mit der in der Musikwiedergabe vergleichen.

  8. Beppo sagt:

    Da hinkt einiges, lustigerweise auf der medizinischen Seite. Auch Medizin ist für alle da, auch Medizin bedient sich vorgegebener Texte, auch Mediziner gehen um mit dem Wissen, und Mediziner sind mehr als ich auf die Wahrnehmung des Patienten angewiesen.

    Der Musiker, wenn er kann, dazu gehört eben das Können, schafft die Verknüpfung zwischen Werk, Zuhörer , Geschichte. Er darf entscheiden, eine Interpretation setzt aber Verstehen, Einordnen, Hören voraus. Was z. B. Werktreue ist, ist eine richtig schwierige Frage. Ob Musik einen Menschen tief anrühren kann, hängt z. B. ab von der Intonation. Flüchtig ist die Arbeit des Musikers nie gewesen, Musik kann das Leben erschüttern.

    Musikwiedergabe erfordert höchstes Können. Dass nicht jeder Zuhörer dies braucht, ist ein ander DIng, so wie auch Patienten glücklich sind beim Heilpraktiker. Den Dilettantismus kritischer zu sehen, könnte wegführen vom EIndruck einer Flüchtigkeit? https://books.google.de/books?id=xD8kDwAAQBAJ&pg=PA2

  9. Melanie Engbert sagt:

    Nach diesem Zwiegespräch zwischen der Geigerin Beppo und dem Mediziner Prof. Dr. Schatz wage ich ein paar simple Gedanken: Das Studium generale mag einer veralteten Institution entsprungen sein, entspricht aber genau dem „Blick über den Tellerrand“, der meines Erachtens für einen „guten“ Arzt unverzichtbar ist. Damit ist nicht gemeint, die Schulbank dafür zu drücken, sondern – wie schon erwähnt – neugierig zu sein auf Dinge, die nicht zur Spezialausbildung gehören. Somit hat man als Patient die Chance, als individuelle Peron wahrgenommen und nicht auf Herz oder Niere reduziert zu werden.

  10. Beppo sagt:

    @Melanie Engbert

    Beppo hat ja die Geige verloren wegen Fehldiagnosen. Ich glaube kaum, das Humboldtsche Bildungsmodell hätte daran was geändert, das moderne Stu..Ge.auch nicht. Der eine Arzt, der mich fast gerettet hätte, immerhin tippte er richtig auf eine Autoimmunkrankheit, war auch Kammermusikpartner. Ein Internist, ein wunderbarer Arzt, ein ziemlich guter Kontrabassist. Was er anderen voraus hat, ist ganz simpel: mich jahrelang gekannt zu haben vor der Erkrankung, und ein freundliches Gemüt. Das ist heute nicht ersetzbar durch Bildung. Bildung zu Humboldts Zeiten war halt nicht per Click verfügbar, heute schon. Ein Ehrenamt würde jetzt eher nutzen. Und endlich mehr Zeit, plus Abschaffung der Therapie-Standards.

    Für Forschung dagegen ist mir vorstellbar, ein zweiter Blick könne das Verstehen schärfen. Gepflogenheiten sind verschieden, das merkte Geiger Beppo im Rentnerstudium Jura. Aber ach was, unsere wunderbare Welt macht Spaß, und Neugier ist schon Sinn genug.

  11. Beppo sagt:

    Lieber Professor Schatz,
    Sie machen Furore mit der Aussage zur Professionalität des Arztes und Musikers, man staunt. Ich nicht, ich kenne das von Ärzten. Aber da ich eben zum 8. Mal gefragt wurde, was zum Musikstudium dazugehört, hier in Kürze verraten :

    Bei mir ohne pädagogischen Teil. Im Hauptfach Geige Grundstudium 10 Semester, Reifeprüfung nochmal 4. Dazu kamen( vor der Zeit der Bachelor) Examensfächer je 6 Semester = Musikwissenschaft, Musikgeschichte, Tonsatz, Formenlehre, Werkanalyse, Kompositionslehre, Generalbassspiel, Gehörbildung, Nebenfach Klavier. Pflichtfächer, aber nicht im Examen= Akustik, Instrumentenkunde, Neue Musik, Korrepetition, Kammermusik, Orchester.

    2 Stunden Üben von früher Kindheit an, in der Jugend 3-4 Stunden neben der Schule. Muss auch erwähnt sein beim Vergleich. Na, gibt wohl einen kleinen Einblick, so wie eben auch ein Studium Generale Einblicke gibt in fernere Denkwelten.
    Kurve zum Thema gekriegt, hurra. Und nix für ungut, liebe Ärzte!

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