Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Süßstoffhaltige „Diät-Getränke“ steigern ischämische Schlaganfälle, koronare Herzerkrankung und Gesamtsterblichkeit


Bochum, 26. Februar 2019:

Am 14. Februar 2019 erschien online in der Zeitschrift „Stroke“ (1) das Ergebnis von 82.000 Frauen der Women´s Health Initiative Observational Study: Das Risiko für tödliche und nicht-tödliche Schlaganfälle war um 23% höher bei den Frauen, die angaben, vergleichsweise am meisten süßstoffhaltigen Diätgetränke konsumiert zu haben: Diese berichteten über zwei oder mehr künstlich gesüßte Getränke pro Tag, im Unterschied zur niedrigsten Gruppe über keines oder weniger als eines pro Woche. Zusätzlich zu schon bekannten, ähnlichen Assoziationen (s.u.) wurde jetzt neu beschrieben, dass  die Gruppe mit dem höchsten Konsum von „Diätgetränken“ ein um 81% höheres Risiko für SAO (Small Artery Occlusions =  Verschlüsse kleiner Arterien) in den Gehirngefäßen hatte. Auf die Wichtigkeit dieser Verschlüsse der keinen Arterien (SAO) für die Schlaganfälle unter künstlichen Süßstoffen wies die Erstautorin der Studie,  Yasmin Mossavar-Ramani vom Albert Einstein-College of Medicine in New York City besonders hin.

Die 82.000 Teilnehmerinnen an der Studie waren 50-79 Jahre alt und wurden von 1993-1998 rekrutiert. Drei Jahre nach der Eingangsuntersuchung fand eine körperliche Überprüfung mit Blutabnahmen statt. Sie hatten einen Fragebogen auszufüllen und anzugeben, wie viel künstlich gesüßte Getränke sie in den vorangegangenen drei Monaten konsumiert hatten (wie etwa Diet Coke (Cola light) oder  Diät-Fruchtgetränke in 12-Unzen-Dosen). Eingeteilt wurde in neun Kategorien, von „nie“ bis zu „6x täglich“. Die Rasse/Ethnizität und der Body Mass Index wurden berücksichtigt. Erfaßt wurde ebenfalls der Konsum von mit Zucker gesüßten Getränken, welcher aber nicht mit den untersuchten Ereignissen assoziiert war (1).

Schon 2017 war an 4.400 Teilnehmern der Framingham Heart Study Offspring Cohort (mit meist weißen Männern und Frauen) eine Assoziation zwischen hohem Konsum von Getränken mit künstlichem Süssstoff und dem Risiko für Demenz und kardiovaskulären Ereignissen einschließlich Schlaganfall berichtet worden (2). In dieser prospektiven Kohortenstudie waren mit Zucker gesüßte Getränke auch nicht mit Schlaganfall oder Demenz assoziiert. Matthew P. Pase, der führende Autor dieser Untersuchung betonte, dass dieser Befund aber „keine Evidenz dafür sei, dass zuckergesüßte Getränke sicher seien“.

Bereits in einer früheren Untersuchung an Teilnehmern der Women´s Health Initiative Study hatte man einen um 30% gesteigerten Anstieg kardiovaskulärer Ereignisse und der Gesamtmortalität bei den Teilnehmerinnen gefunden, die täglich zwei oder mehr „Diät-Getränke“ konsumieret hatten (3). Allerdings liegen zwischenzeitlich auch gegenteilige Resultate vor. Insofern kommt der neuen Studie an 82.000 Frauen eine besondere Bedeutung zu. In einem begleitenden Kommentar zur Arbeit von Mossavar-Ramahni et al. weisen Hannah Gardener und Mitchell S.V. Elkind (4) darauf hin, dass erst 2018 die American Heart Association den Rat gegeben habe, kurzfristig zuckergesüßte Getränke durch niedrigkalorische einschließlich solcher mit künstlichen Süßstoffen zu ersetzen, um die Kalorienaufnahme und das Körpergewicht zu reduzieren. Die neuen Befunde sprechen dieser Empfehlung entgegen.

Kommentar

Der Referent propagiert seit seiner Jugend vehement, nur Leitungswasser zu trinken, welches man am Besten in Glasflaschen abfüllen und vor allem in der wärmeren Jahreszeit in den Kühlschrank stellen könne. Erfreulicherweise konnte er an seinen  Studien- und Wirkungsorten in Graz, Stockholm, Wien, Ulm, Gießen und Bochum immer Leitungswasser von guter bis ausgezeichneter Qualität trinken. Die einzige Ausnahme war während seiner Studienzeit 1959/60 in Bonn, wo das Wasser von den Alliierten Besatzungsbehörden stark chloriert war und daher kaum genießbare war. Der Krankenhaushygieniker und Umweltmediziner Prof. Franz Daschner  propagierte und initiierte in Freiburg schon vor langer Zeit, an den Kliniken nur Leitungswasser zur Verfügung zu stellen, welches man auf den Stationen selbst mit Kohlensäure versehen konnte, wenn  man das wollte. Auch in Pflegeheimen etwa in Sachsen traf der Referent  auf solche Vorrichtungen. Wenn ich an meiner Bochumer Klinik den ständigen An- und  Abtransport von vollen und leeren Wasserflaschen sehe, frage ich mich, ob das wirklich nötig ist. Aber die Qualität eines Krankenhauses wird heute von vielen Patienten nicht immer nur an der medizinischen Leistung, sondern auch am Essen und Trinken beurteilt.

Helmut Schatz

Literatur

(1) Yasmin Mossavar-Rahmani et al.: Artificial sweetened beverages and stroke, coronary heart disease, and all-cause mortality in the Women´s Health Initiative.
Originally published 14 Feb 2019. Stroke. 2019. 50:555-562

(2) Matthew P. Pase et al.: Sugar- and artificial sweetened beverages and the risks of incident stroke and dementia.
Originally published 20 Apr 2017. Stroke. 2017. 48:1139-1146

(3) Ankur Vyas et al.: Diet drink consumption and the risk of cardiovascular events: A report from the Women’s Health Initiative.
Published online 17 Dec 2014. J Gen Intern Med. 2015. 30(4): 462-468

(4) Hannah Gardener, Mitchell S.V. Elkind: Artificial sweeteners, real risks.
Stroke.2019. 50: 549-551

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Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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