Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

T4 – Abkürzung für „Thyroxin“, aber auch für „Tiergartenstraße 4“, die Tötungsaktion der Nationalsozialisten


Bochum, 2. September 2018:

Alle Endokrinologen und Ärzte und viele Patienten verstehen unter dem Kürzel „T4“ wohl nur Thyroxin, das Schilddrüsenhormon, das  sowohl bei uns als auch in den USA zu den meistverordneten Medikamenten zählt (1,2). Nur wenige dürften wissen, dass T4 auch die Tötungsaktion der Nationalsozialisten für psychisch Kranke sowie Menschen mit „nicht lebenswertem Leben“,  insbesondere auch schwer behinderter („missgebildeter“) Kinder bedeutet. T4 steht für „Tiergartenstraße 4“, den Sitz der Zentrale  für die „Euthanasie“-Aktion der Nationalsozialisten in Berlin. Der von den Nazis für die Tötungen missbrauchte Begriff  Euthanasie stammt aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich „schöner Tod“. Auf dem Gebiet des damaligen Deutschen Reiches wurden sechs Tötungsanstalten etabliert, in Hadamar, Grafeneck, Bernburg, Sonnenstein, Brandenburg und in Hartheim (Österreich).

Der Referent besuchte  Hartheim während seiner Donaureise von Passau bis Wien im August 2018 (3). In dieser Anstalt wurden von 1940 bis 1941 im Rahmen der „T4-Aktion“ etwa 30.000 Menschen gezielt in Gaskammern unter Verwendung von Kohlenmonoxid getötet (in den Konzentrationslagern wurde Zyklon B verwendet, ein ursprünglich als Schädlingsbekämpfungsmittel entwickelter Blausäure abgebender Giftstoff). Die Leichen wurden verbrannt. Im Rahmen der von der „Kanzlei des Führers“ („KdF“) organisierten „Aktion T4“ wurden ab Oktober 1939 alle Patientinnen und Patienten der Psychiatrischen Anstalten im Deutschen Reich durch Meldebögen erfasst, auf deren Grundlage lokale Gutachter die Selektion für die „Euthanasie“ vornahmen. Diese Patienten wurden in eine der sechs Tötungsanstalten gebracht.

Abbildung 1 und 2: Beschreibungen des Aufnahmeraums und der Gaskammer in der heutigen Gedenkstätte Hartheim (Fotos: Helmut Schatz)

Den Dokumentationen in den Räumen von Hartheim musste der Referent entnehmen, dass er während seines Medizinstudiums  bei einem der mit Namen und Titel genannten Gutachter im Jahre 1962 an der Grazer Universität sein Examen aus Neurologie und Psychiatrie abgelegt hat. Die T4-Aktion wurde auf vielfältige Proteste hin, unter anderem des Münsteraner Kardinals von Galen, offiziell beendet. Anschließend wurden in Hartheim unter der Bezeichnung  „Aktion 14f13“ weiterhin Tötungen, als „Sonderbehandlung“ bezeichnet, von Personen wie etwa von Häftlingen aus dem nahe gelegenen Konzentrationslager Mauthausen vorgenommen, sowie als „wilde Euthanasie“ in vielen Krankenhäusern und Anstalten des Deutschen Reiches Tötungen bis Kriegsende fortgesetzt.

Kommentar

Heute wird kaum ein Mensch verstehen, wie es zu solch schrecklichen Vorgängen kommen konnte. Dennoch fanden sie unter Mitwirkung auch von (SS-) Ärzten statt, und in der Bevölkerung wurden sie von vielen stillschweigend akzeptiert. Im Museum auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden wurde ein Video vorgeführt, auf dem ein Überlebender dieser Zeit schildert, wie sein Vater für das Vorgehen der Nazis  „zur Gesund- und Reinerhaltung der Rasse“ Verständnis zeigte. Er sagte seinem Sohn, als dieser mit Entsetzen Kenntnis von den Vorgängen in den Tötungsanstalten und den Konzentrationslagern bekommen hatte: „Wer ein gutes Omelett essen möchte, muss die Eierschale zerschlagen“ (4).

Eine der Tafeln in Hartheim betrachtet aus historischer Perspektive die Situation der Menschen, die dort in der NS-Zeit getötet wurden.

– Separierung: Die Psychiatrie entstand im 18.Jahrhundert als medizinische Disziplin:  Im Wiener Allgemeinen Krankenhaus steht der „Narrenturm“, die weltweit erste Psychiatrische Klinik, errichtet 1784. Der runde, klobige Bau befand sich direkt vor dem Fenster des Dienstzimmers des Referenten an der 2. Medizinischen Universitätsklinik Wien. Der Narrenturm ist Ausdruck der neuen  Einordnung von abnormen psychischen Besonderheiten und Abarten als Krankheit. Durch die Unterbringung dieser Patienten in psychiatrischen Anstalten wurden sie aber gleichzeitig von der Allgemeinheit separiert. Ebenso wurden Menschen mit  Fehl- („Miss“-) -bildungen oft schon als Kinder in „Behinderten-Anstalten“, mancherorts offiziell auch als „Krüppelanstalten“ bezeichnet,  von der Allgemeinheit abgesondert.

– Tötung: In der NS-Zeit ging man über die Separierung dieser Menschen hinaus den schrecklichen und abscheulichen Weg ihrer Tötung.

– Inklusion: Seit einigen Jahren versucht man jetzt, die Separierung dieser Menschen von der Allgemeinheit zu vermeiden und strebt deren  „Inklusion“ an. Dies gilt  sowohl für Schulklassen als  auch für Jugendgruppen. Im Thalia-Theater in Hamburg etwa sah der Referent in einer normalen Aufführung eines Theaterstücks eine Ballett-Einlage, getanzt von Menschen mit Trisomie 21 („Mongolismus“). Bei der Inklusion sollten beide Gruppen profitieren,  sowohl die  Menschen ohne wie auch die mit besonderenen Bedürfnissen („Behinderungen“). In Deutschland wie auch in anderen Ländern gibt es zur Zeit eine zunehmende Diskussion, ob man die existierenden Sonderschulen – und auch die Förderstufen – nicht doch besser beibehalten solle, wobei die Menschen sorgfältig zu differenzieren  sind, die dafür in Frage kommen.

Der Themenkreis rund um Tod und Leben („lebenswertes Leben“) ist sehr weit, man denke an die Problematik des  assistierten und des aktiven Suizids (5,6),  an den artifiziellen Abort, im weiteren Sinne  an die schon lange existierende Fruchtwasserdiagnostik und neuere Methoden mit ihren Konsequenzen und in jüngster Zeit an die Diskussionen über die  Präimplantationsdiagnostik, in Zukunft wohl auch über die technischen Möglichkeiten mit totipotenten  Stammzellen (unbefruchteten  Eizellen) sowie das Klonen von Menschen mit den daraus entstehenden Problemen.

Es ist zu hoffen, dass in Zukunft nie wieder ein Staat unserer Erde, offiziell und so perfekt organisiert, solche schrecklichen und verabscheuungswürdigen Praktiken des Tötens von Menschen vornehmen wird wie sie in der NS-Zeit erfolgten.

Helmut Schatz

Literatur

(1) Helmut Schatz: Zwei Medikamente für Hormon- und Stoffwechselerkrankungen Spitzenreiter in der Verschreibungsstatistik – die große Bedeutung der Endokrinologie in der Medizin.
DGE-Blogbeitrag vom 4. November 2013

(2) Helmut Schatz: L-Thyroxin das meistverschriebene Medikament des letzten Jahres in den USA.
DGE-Blogbeitrag vom 16. Juni 2014

(3) T4-Tötungsanstalt Hartheim, Oberösterreich. Gedenkort T4.
https://www.gedenkort-t4.eu

(4) Ulrich Chaussy: Obersalzberg – Vom Bergbauerndorf zum Führersperrgebiet – Zeitzeugen berichten. Video des Instituts für Zeitgeschichte, München-Berlin

(5) Helmut Schatz: „Selbstmord-Tourismus“ in die Schweiz stark gestiegen.
DGE-Blogbeitrag vom 23. August 2014

(6) Helmut Schatz: ‚Das Leben zu erhalten, die Gesundheit zu schützen und wiederherzustellen, Leiden zu lindern und Sterbenden Beistand leisten‘.
DGE-Blogbeitrag vom 1. Januar 2015

Bitte kommentieren Sie diesen Beitrag!

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit verschlagwortet. Permalink.

7 Antworten auf T4 – Abkürzung für „Thyroxin“, aber auch für „Tiergartenstraße 4“, die Tötungsaktion der Nationalsozialisten

  1. Klaus Heyer sagt:

    T4 ist auch die Bezeichnung für den modernsten der russischen Kampfpanzer. Der T4 wurde seit 2010 entwickelt und nach Einschätzung des britischen Geheimdienstes soll er heute allen NATO-Panzern weit überlegen sein (Focus vom 14. Dezember 2017).

  2. Horst Auer sagt:

    Na ja, Wikipedia kennt noch einige weitere Bedeutungen:
    https://de.wikipedia.org/wiki/T4

  3. Helmut Schatz sagt:

    In den Diskussionen über obigen Beitrag fiel mir auf, dass viele die Tötungsanstalten nicht deutlich von den Konzentrationslagern (KZ´s) unterschieden. Die sechs genannten Anstalten dienten ausschließlich zur Tötung von psychisch Kranken und Schwerbehinderten. Diese wurden zuvor von „Gutachtern“ selektioniert, zu denen auch der Professor gehörte, bei dem ich 1962 meine Prüfung ablegte. Sie wurden nach der Selektion in die Anstalten gebracht, wo sie sofort nach Ankunft getötet wurden (siehe Abbildung 1 des Beitrags). Die „T4 – Aktion“ zur unmittelbaren Tötung in den Jahren 1940-1941 wurde auf heftige Proteste hin beendet. In den KZ´s hingegen wurden die Insassen in der Regel in Baracken untergebracht und zu schweren Arbeiten wir etwa in den Granitsteinbrüchen in Mauthausen und Umgebung herangezogen, bei der sie oft entkräftet verstarben, verhungerten oder durch Zyklon B-Vergasung, Erschießen oder Erhängen umgebracht und verbrannt wurden.

  4. Beppo sagt:

    Ich bin überrascht über diesen Artikel, aber danke dafür ganz besonders. Doch, ich hatte schon gelesen von der Aktion T4, die Großmutter eines guten Freundes wurde in Bernburg ermordet. Sie war Mutter von acht Kindern, und heute würde man ihr vermutlich eine Depression diagnostizieren.
    Danke für das Wachhalten!

  5. Arne Jensen sagt:

    Grauenvoll, unvorstellbar, aber wahr!

    Ins NS-Euthanasieprogramm verstrickt: Der Mediziner Werner Catel (Stellungnahme des Senats vom 14.11.2006)

    Lange wurde darüber diskutiert, wie mit der nationalsozialistischen Vergangenheit des ehemaligen Leiters der Kinderklinik, Professor Werner Catel, umgegangen werden sollte. Am 14. November 2006 hat sich der Senat auf einen gemeinsamen Text geeinigt, der neben dem Professorenporträt im Flur der Klinik hängen soll:

    „Professor Dr. med. Werner Catel war 1933-1945 Direktor der Universitäts-Kinderklinik Leipzig. In den Kriegsjahren 1939-1945 war er einer der drei Gutachter im „Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leidens“, der Tarnorganisation für die systematische Tötung von Tausenden schwer geschädigter Kinder und Jugendlichen („Kindereuthanasie“). Unter dem Deckmantel der Humanität („Leidminderung“) wurden dort die Meldung und Vernichtung „unwerten Lebens“ gerechtfertigt.

    Nach dem Krieg wurde Catel als „entlastet“ eingestuft. Zwei Strafverfahren gegen ihn wurden eingestellt: Das Landgericht Hamburg hat 1949 die Eröffnung des Hauptverfahrens abgelehnt, da es nicht erkennen konnte, dass die „Verkürzung lebensunwerten Lebens eine Maßnahme genannt werden [könne], welche den allgemeinen Sittengesetz widerstreite“. Das zweite Verfahren wurde 1964 vom Landgericht Hannover „außer Verfolgung“ gesetzt, weil Catel der Überzeugung gewesen sei, das Beste für die betroffenen Kinder zu tun, Totschlag, im Gegensatz zu Mord, aber nach 15 Jahren verjährt sei.

    1954 wurde Catel nach Kiel berufen, 1960 trat er auf Druck der Öffentlichkeit zurück.

    Catel wurde als engagierter klinischer Lehrer wahrgenommen, war Verfasser mehrerer Monographien über Übernahrung und Tuberkulose, Herausgeber von Werken über Pädiatrische Differentialdiagnostik und Kinderkrankenpflege.

    Die Verantwortlichen der Kinderklinik, die Medizinische Fakultät und die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel verurteilen Catels Mittäterschaft an der „Kindereuthanasie“. Die Berufung auf einen Lehrstuhl der Kieler Universität ist nicht zu rechtfertigen, wenn auch offen bleiben muss, inwieweit damals den Berufenden die Verstrickung Catels in die „NS-Kindereuthanasie“ bekannt war. Es gehört zu den elementaren ethischen Grundsätzen des Arztberufes, menschliches Leben zu schützen und nicht zu töten.“

    Literaturangaben

    Petersen, Hans-Christian / Zankel, Sönke: „Ein exzellenter Kinderarzt, wenn man von den Euthanasie-Dingen mal absieht“ – Werner Catel und die Vergangenheitspolitik der Universität Kiel, in: Hans Werner Prahl / Hans-Christian Petersen / Sönke Zankel (Hrsg.): Die Uni-Formierung des Geistes. Universität Kiel un der Nationalsozialismus, Band 2, Kiel 2007, S. 133-178.

    Andree, Christian: Die Universitätskinderklinik der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, 1906-2006: Eine medizinhistorische Studie zum hundertjährigen Bestehen. Kiel 2006 [S. 171-208 zu „Werner Catel (1894-1981). Seine Verstrickungen in das Kindereuthanasie-Programm der Nationalsozialisten. Gedanken, Taten und Folgen“].

    Zuständig für die Pflege dieser Seite: Pressestelle der Universität ► presse@uv.uni-kiel.de

  6. kern sagt:

    man kann es kaum glauben, aber bereits im alter von sieben jahren wurde ich gegen kriegsende über die gräueltaten an den juden aufgeklärt. später habe ich meine kenntnisse durch augenzeugen und literatur ergänzt. selbstverständlich mußten die verantwortlichen für diese vernichtungspolitik vor gericht gestellt werden. nun gibt es aber bald keine überlebenden dieser zeit mehr. und trotzdem wird intensiv weiter über diese zeit berichtet – in der meinung, derart unfassbare vorkommnisse in der zukunft vermeiden zu können. ich halte nichts von dieser vorgehensweise, da der mensch in vielen belangen nicht lernfähig ist. so hat der zweite weltkrieg trotz der abschreckenden wirkung des ersten weltkriegs bereits nach ca.20 jahren begonnen und pogrome gegen juden fanden auch nach dem zweiten weltkrieg in östlichen ländern statt. ich befürchte bei einem zu starken engagement der presse beim holocaust eher eine „befeuerung“ antijüdischer einstellung. man soll die historischen vorkommnisse in den schulen lehren…und dabei belassen.

  7. Helmut Schatz sagt:

    Liebe/r Frau/Herr Kern,
    im Kommentar zu meinem obigen Blogbeitrag habe ich am 4. 9. 2018 versucht klarzumachen, was der prinzipielle Unterschied zwischen den sechs Anstalten zur sofortigen Tötung psychisch kranker und schwer behinderter Menschen (Kinder), als „Euthanasie“ bezeichnet, und den KZ´s war: In den KZ´s wurden schrecklichen Taten an Juden (Holocaust), an Sinti und Roma, Christen, Kommunisten Sozialisten und an anderen Menschen, die das NS-Regime ablehnten begangen; im Endeffekt bestand wenig Unterschied zu den sechs „Euthanasie-Anstalten“. In diesen wurde aber unter dem rein medizinischen Aspekt eines „nicht lebenswerten Lebens“ sofort getötet. Die Selektion nahmen Ärzte vor, so mein späterer Prüfer aus Neurologie und Psychiatrie in Graz, Prof. Hans Bertha, damals Privatdozent, 1938 habilitiert für „Rassenkunde und Vererbung“, sowie, geschildert von Prof. Dr. med. Arne Jensen, der Leipziger Pädiater Prof. Werner Catel.

    Pogrome und Verfolgungen anderer Gruppen von Menschen, Hexenverbrennungen, Vertreibungen oft mit Todesfolge und die (Fast-) Ausrottung ganzer Völkerscharen gab es schon immer und wird es, wie Sie richtig schreiben, wohl auch weiterhin geben, so schrecklich dies ist. Warum ich aber den“T4-Beitrag“ in den „MEDIZINISCHEN KURZNACHRICHEN“ gebracht habe war der ausschließlich medizinische Aspekt der T4-Aktion zur Tötung.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Mit dem Absenden des Formulars erklären Sie sich mit der Verarbeitung der übermittelten Daten einverstanden. Details hierzu finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.