Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Glucagon-like peptide-2 (GLP-2)-Analog Tedoglutide zur Behandlung des Kurzdarmsyndroms jetzt auch in den USA zugelassen


Bochum, 23. Februar 2013: Die Amerikanische Arzneibehörde (FDA) hat am 21. Dezember 2012 das GLP-2-Analog Tedoglutide der Firma Takeda zur Therapie des Kurzdarmsyndroms zugelassen (1). Neben Somatotropin und Glutamin ist es jetzt das dritte von der FDA approbierte Medikament zur Behandlung dieses Krankheitsbildes. Die Europäische Behörde (EMA) hatte Tedoglutide schon am 30. August 2012 genehmigt, für die Länder der Europäischen Union wird es von der Firma Nycomed vermarktet (2). Der Handelsname in Europa ist Revestive®, in den USA Gattex™.

Endokrinologen ist im Unterschied zu den Analoga des Darmhormons GLP-1, dem Exenatid, Liraglutid, Lixisenatid und Albiglutid (3) die therapeutische Verwendung des rekombinanten GLP-2-Analogs Tedoglutide nicht so geläufig wie den Gastroenterologen (4). Beim Kurzdarmsyndrom handelt es sich um ein seltenes Krankheitsbild. Tedoglutide hat deshalb auch den Status einer „orphan drug“ erhalten. Es steigert bei täglicher s.c. Injektion (0.05 mg/kg) die intestinale Absorption durch Erhöhung des Blutflusses in und aus dem Darm, Verzögerung der Passagezeit für die Nahrung und Senkung der die Absorption störenden Säuresekretion des Magens. Tierexperimentell wurde darüber hinaus eine Stimulierung des Zellwachstums in der Darmwand gezeigt. In zwei Phase III-Studien diente eine mindestens 20%ige Verringerung des wöchentlichen Volumens der parenteralen Ernährung nach 20 bzw. 24 Wochen als Erfolgsmaß. Dies wurde bei 64 bzw. 63 % der Patienten erzielt, im Vergleich zu Placebo mit 6 bzw. 30%. Das Wochenvolumen nahm unter Tedoglutide um 2.5 bzw. 4.4 Liter ab, unter Placebo um 0.9 bzw. 2.3 Liter.

Tedoglutide besitzt erhebliche Nebenwirkungen wie abdominelle Schmerzen, Blähungen, Übelkeit oder auch Schwellungen an der Injektionsstelle. Die Hauptbedenken bestehen wegen möglicher Karzinomförderung, weshalb eine Kontraindikation bei Vorliegen oder Vermutung einer Krebserkrankung oder bei durchgemachtem Magen-, Darm- oder Leberkrebs in den letzten 5 Jahren besteht. Vor Therapie muß koloskopiert werden, allfällige Dickdarmpolypen sind abzutragen. Die FDA-Zulassung wurde mit der Auflage einer mindestens 10 Jahre langen Nachbeobachtungsstudie erteilt. Die Behandlung sollte nur unter Aufsicht eines mit dem Krankheitsbild besonders erfahrenen Arztes erfolgen.

Kommentar des Referenten

Jeder, der wie auch der Referent über längere Zeit Patienten mit Kurzdarmsyndrom ambulant mitbetreut hat, wird diese neue Therapiemöglichkeit durch das GLP-2-Analog Tedoglutide begrüßen müssen, bei allen bereits bekannten Nebenwirkungen und potentiellen Risiken. Es bleibt abzuwarten, ob bzw. welche unerwarteten, nicht vorhersehbaren Wirkungen – im positiven wie im negativen Sinne – unter der Langzeitanwendung von Tedoglutide auftreten werden.

Helmut Schatz

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Literatur

(1) Marc Crane: FDA approves tedoglutide to treat short bowel syndrome
Medscape. Dec.21, 2012.
http://www.medscape.com/viewarticle/776558_print

(2) European Medicines Agency: Revestive – Tedoglutide.
www.ema.europa.eu

(3) Helmut Schatz: Degludec-Insulin jetzt auch in der Europäischen Union zugelassen, die GLP-1-Analoga Lixisenatid und Albiglutid vor der Approbation.
DGE-Blog-Beitrag vom 23.1.2013

(4) Palle Bekker Jeppesen: Teduglutide, a novel glucagon-like peptide 2 analog, in the treatment of patients with short bowel syndrome
Therap. Adv. Gastroenterol. 2012; 5(3):159–71.
doi:10.1177/1756283X11436318. PMC 3342570. PMID 22570676.

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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