Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Testosterongabe an ältere Männer mit nachgewiesenem Testosteronmangel: Kein kardiovaskulärer Schaden, sondern von Nutzen


Bochum, 27. September 2018:

Im März 2015 wurde auf Weisung der Amerikanischen Arzneibehörde (FDA) in die Beipackzettel von Testosteronpräparaten ein Hinweis über ein „möglicherweise erhöhtes kardiovaskuläres (CV) Risiko“ aufgenommen. Warnungen wurden auch von der Europäischen  (EMA) und der kanadischen Fachbehörde ausgesprochen. Im DGE-Blog wurde mehrfach über die widersprüchlichen Berichte zu dieser Thematik berichtet, unter anderem am 11. März 2017 (1).

Jetzt erschien in Clinical Endocrinology eine Analyse von Martin Miner et al.  (2) über die in jüngerer Zeit erschienenen Studien zur Testosterongabe an Männer ab dem 65. Lebensjahr mit nachgewiesenem Testosteronmangel ohne bekannte Ätiologie („Altershypogonadismus“). Diese berücksichtigte 12 klinische und 11 Observationsstudien. Die Klinischen Studien betrafen 790 Männer ab 65 Jahre nach 1 Jahr Behandlung mit Testosteron-Gel oder Plazebo.

Ergebnisse: Unter Testosteron waren sexuelle Aktivität und Sexualverlangen, körperliche Aktivität und Stimmung besser. Im Testosteron-Arm traten 9 ernste CV Ereignisse (MACE) auf, 16 im Plazebo-Arm. Keine der klinischen Studien berichtete eine Erhöhung von MACE unter Testosteron. Ein RCT über 3 Jahre fand keinen Unterschied in der Arteriosklerose der Karotiden. Mehrere große Observationsstudien berichteten über verminderte CV Ereignisse unter Testosteron, einschließlich einer, in der eine mit zunehmender Dauer der Testosterongabe progressive Verminderung des CV und Mortalitäts-Risiko berichtete. Männer, bei denen sich die erniedrigten Testosteronspiegel unter Hormongabe normalisierten,  wiesen ein vermindertes Risiko für Herzinfarkt und Tod auf im Vergleich zu denen, bei welchen die Testosteronspiegel trotz Therapie erniedrigt blieben.

Kommentar

Diese Analyse von Untersuchungen aus der jüngeren Zeit spricht dafür, dass bei indizierter Testosteronzufuhr an ältere Männer  kein erhöhtes CV Risiko besteht.  Wenn deren erniedrigter Testosteronspiegel  normalisiert werden konnte, fand sich sogar ein CV Vorteil gegenüber Personen mit nicht normalisiertem Hormonspiegel. Darüber hinaus bestanden Vorteile für die Lebensqualität. Eine Testosterongabe ohne vorherige Spiegelmessung an ältere Männer nur bei unspezifischen Symptomen wird in Deutschland wohl kaum durchgeführt.

In welchem Ausmaß  dies in den USA heute noch erfolgt,  so wie noch vor einiger Zeit in „Low T“ – Kliniken,  entzieht sich der Kenntnis des Referenten.

Helmut Schatz

Literatur

(1) Helmut Schatz: Testosteron bei älteren Männern mit niedrigem Hormonspiegel für Knochen und Anämie günstig, keine Wirkung auf Gedächtnisschwäche. Herz/Kreislauf-Effekte: widersprüchliche Resultate.
DGE-Blogbeitrag vom 11. März 2017

(2) Martin Miner et al.: The state of testosterone therapy since the FDA´s 2015 labelling changes.
Clinical Endocrinology 2018. 89(1):2-10

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Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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2 Antworten auf Testosterongabe an ältere Männer mit nachgewiesenem Testosteronmangel: Kein kardiovaskulärer Schaden, sondern von Nutzen

  1. Kraass Schmerztherapeut sagt:

    Es ist schon erstaunlich, dass je nach Analysemethodik von Studien bzw. entsprechende Metaanalysen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Zur Zeit also sind Testosterongaben relativ „ungefährlich“ bzw. sogar nützlich.
    Langzeitstudien auch zur Veränderung der Prostata wurden weniger betrachtet. Der Mechanismus (auch des Rückganges) des Testosteronspiegels ist nach wie vor fast unverstanden.

  2. Helmut Schatz sagt:

    Sehr geehrter Schmerztherapeut, in der Tat sind die Ansichten und Studienaussagen über Nutzen oder Schaden einer Testosterongabe an Männer ab dem 65. Lebensjahr mit niedrigem, sonst unerklärlichem Testosteronspiegel widersprüchlich. Im DGE-Blog vom 17. März 2017 wurde über die sieben „TTrials“ berichtet, die das Institute of Medicine (IOM) 2004 gefordert hatte und die von den National Institutes of Health (NIH) initiiert wurden. Diese 7 Studien umfassten den Zeitraum von 2004-2016. In der vorliegenden Arbeit wird über 12 klinische Studien und 11 Observationsstudien aus jüngerer Zeit bis 2017 berichtet.. Ob hier mehr auf exakte Einschlusskriterien geachtet wurde und ob andere Analysenmethoden verwendet wurden, entzieht sich meiner Kenntnis, ist aber zu vermuten. Jedenfalls lag es mir auch daran, darauf hinzuweisen, Testosteron nicht als „Lifestyle drug“ bei älteren Männern anzusehen und schon gar nicht zum Doping zu verwenden, wie ich es selbst in meiner Praxis erlebte, in die ein Fitness-Studio- Besucher mit der Bitte kam, ihm jetzt Wachstumshormon „zum Muskelaufbau“ zu verschreiben, da auf das bisher verwendete, im Umfeld des Fitness-Studios erworbene Testosteron seine Hoden geschrumpft waren. Zum Prostatakarzinom: Ich untersuche alle meine Patienten, die Testosteron bekommen sollen, vorher rektal, mit transabdominellem Ultraschall und PSA-Bestimmung. Dann schicke ich sie zum Urologen für weiterführende Ausschlussdiagnostik wie transrektalen Ultraschall und nochmalige PSA-Kontrolle.

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