Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

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Unbehandelter primärer Hyperparathyreoidismus (pHPT) führt vermehrt zu Knochenbrüchen, Herzkreislaufereignissen und Tod


Bochum, 5. Juli 2022:

Am 4. September 2015 wurde im DGE-Blog von einem Kollegen die Frage gestellt (1),  wie man bei einem Primären Hyperparathyreoidismus mit nur gering bis mäßiger Kalzium-Erhöhung vorgehen solle: Operation? Medikamente? Kontrollieren und abwarten? Jetzt erschien vor 2 Tagen im JAMA Network Open  zu diesem Thema eine große, retrospektive Kohortenstudie an >16.000 schwedischen Krankenhaus-Patienten mit unbehandeltem pHPT aus den Jahren 2006-2017, mittleres Alter 67.5 Jahre , 78.2% Frauen (2). Man fand ein im Vergleich zu gematchten Kontrollpersonen erhöhtes Frakturrisiko für die Hüfte von 51%, für Knochenbrüche insgesamt von 39%, für Herzkreislaufereignisse von 45%, und auch für Todesfälle. Nach Parathyreoidektomie lagen die Risiken der Patienten, die dann operiert wurden,  vergleichsweise niedriger.

Die Prävalenz eines pHPT wurde in der Allgemeinbevölkerung der  USA bei 0.86% gefunden, bei schwedischen postmenopausalen Frauen bei 3.4%.  Der Verlauf ist bei älteren Erwachsenen lange asymptomatisch, die Diagnose wird bei ihnen i.d.R. daher nur  durch bei Routineuntersuchungen erhöht gefundene Werte für Kalzium und Parathormon gestellt. Internationale Leitlinien beziehen Herzkreislauferkrankungen nicht in die Kriterien für eine Parathyreoidektomie (PTX) ein, wenn in einigen Studien auch eine erhöhte Inzidenz dieser Erkrankungen beschrieben wurde.

Kommentar

Die Autoren weisen darauf hin, dass ihre Studie wohl die größte zu diesem Thema sei.  Wenn auch der Einfluß eines primärem Hyperparathyreoidismus auf den Kalkgehalt der Knochen schon jedem Medizinstudenten geläufig ist, sei der Beweis, d.h. die Evidenz eines erhöhten Risikos für  Hüftfrakturen nicht in Studien belegt, oder zumindest sind die Studien widersprüchlich. Die American Association of Endocrine Surgeons empfiehlt in ihren Leitlinien eine PTX nur bei Patienten mit Symptomen, einem Kalziumgehalt  von mehr als 1mg/dl über dem oberen Referenzbereich, bei Nierensteinen, bei Osteoporose oder Fragilitätsknochenbrüchen. Das erhöht gefundene Risiko für Herzkreislauferkrankungen sei bisher wenig beachtet worden oder sei überhaupt vielfach nicht bekannt. Insgesamt sprechen die schwedischen Studienresultate für Vorteile der Parathyreoidektomie.

Helmut Schatz

Literatur

(1) Helmut Schatz: Primärer Hyperparathyreoidismus mit gering bis mäßiger Kalzium-Erhöhung: Operation? Medikamente? Kontrollieren und abwarten?
Endokrinologisches Diskussionsforum im DGE-Blog vom 4. September 2015

(2) Kristian F. Axelsson et al.: Analysis of Comorbidities, Clinical Outcomes, and Parathyroidectomy in Adults With Primary Hyperparathyroidism.
JAMA Netw Open. 2022; 5(6):e2215396. Doi:10.1001/jamanetworkopen.2022.15396

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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