Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

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Verbotener Plastik-Weichmacher im Urin bei ~60% von 250 Kindergartenkindern und bei ~30% von Erwachsenen nachgewiesen


Bochum, 7. Februar 2024:

Dr. rer. nat. Holger Koch vom Institut für Prävention und Arbeitsmedizin (IPA) der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, Institut der Ruhr-Universität Bochum und sein  Team gehören seit langen zu den weltweit Führenden in der Erforschung von schädigenden Stoffen aus der Umwelt auf den Menschen, so auch der Phthalate. Das sind Plastik-Weichmacher, die das  Hormonsystem stören und  somit zu den  „Endokrinen Disruptoren“ (ED) zählen (1). Phthalate schädigen unter anderem das männliche Reproduktionssystem, auch schon während der Schwangerschaft, wenn bei der werdenden Mutter größere Phthalat-Mengen im Körper zirkulieren. Das von Holger Koch et al. in größerer  Quantität im Urin nachgewiesene Mono-n-Hexyl-Phthalat (MnHexP)entsteht im Körper, wenn dieser das Phthalat Di-n-Hexyl-Phthalat (DnHexP) verstoffwechselt. Letzteres ist bereits seit 2013 in der Europäischen Union verboten. Im Biomonitoring-Labor des IPA können mittlerweile  20 bekannte Phthalate bzw. deren insgesamt mehr als 40 spezifische Abbauprodukte im Urin des Menschen nachgewiesen werden.

Woher der jetzt bei so vielen im Urin nachgewiesene, etwa 5x stärker schädigende Phthalat-Metabolit stammt, ist nicht bekannt. Es wird zurzeit intensiv recherchiert, woher es kommen könnte. Auch in Dänemark wurden beträchtliche Mengen des MnHexP  im Urin dort lebender Menschen gefunden. Aus der Luft oder aus dem Trinkwasser stammt es wohl nicht. Früher wurden Infusionsbestecke mit Phthalat weichgemacht,  was  mittlerweile verboten ist. Phthalate verwendete man auch zur  Plastik-Innenauskleidung von Konservendosen.  Das nachgewiesene Phthalat könnte aus Plastikflaschen sowie Verbundplastik für Getränke und Lebensmittel, und auch aus Kinderspielzeug  aus Plastik,  was seit 2005 verboten ist, stammen. Da die Urin-Konzentrationen des MnHexP im Sommer höher waren als zu anderen Jahreszeiten, vermutet man als mögliche Quelle Sonnencremes. Dies sollte aber zum jetzigen Zeitpunkt nicht dazu führen, Kinder mithilfe von Sonnenschutzmitteln nicht mehr vor einem Sonnenbrand zu schützen.

In den deutschen Allgemeinmedien wurden die Bochumer Phthalat-Befunde breit diskutiert, so in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) auf der Titelseite und  nochmals in ganzseitig auf Seite 2 dieser Ausgabe (siehe oben).

Ich diskutierte mit Holger Koch, dessen  Labor im Nachbargebäude zu meinem Emeritus-Dienstzimmer im Bochumer Klinikum liegt, die Befunde. Er  hat den Blog auch dankenswerter Weise durchgesehen und nach einigen Modifikationen approbiert. Holger Koch hat bereits 2010 auf dem 53. Symposium der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) in Leipzig zum Thema „Krankmachende Stoffe aus der Umwelt“, so Bisphenol-A und Phthalate gesprochen (siehe DGE-Pressemitteilung von Februar 2010 (2).

In der Folgezeit wurden im DGE-Blog zahlreiche Arbeiten über Endokrine Disruptoren gepostet (siehe die Anreisser zu einigen der Blogbeiträgeunten).

Phthalate in Kosmetika und Diabetes
Bochum, 16. April 2012: Am 12. April erschien eine schwedische Studie, die einen Zusammenhang von Phthalat-Metaboliten im Blut und Diabetes gefunden hat. Diese stammen möglicherweise aus wohlriechenden Kosmetika wie z.B. Hautcremes. In einer Pressemitteilung der DGE vom 19.3.2010 wurde bereits über Phthalate berichtet und unter dem Titel „Hormonerkrankungen durch Weichmacher“ auf genitale Fehlbildungen oder Unfruchtbarkeit bei Männern hingewiesen. Eine EU-Verordnung forderte daher im Jahre 2010 die Kenntlichmachung von Phthalaten in Medizinprodukten wie z.B. Plastikinfusionsschläuchen…

Frühes Menopausenalter assoziiert mit ‚Endokrinen Disruptoren‘ aus der Umwelt
Frauen, die gegenüber Stoffen aus der Umwelt mit bekannt schädigendem Einfluss auf das Hormonsystem, sogenannten Endokrinen Disruptoren (ED), exponiert waren, erlebten die Menopause früher als Nichtexponierte. Dies wurde auf der 68. Jahrestagung der Amerikanischen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin (ASRM) am 22. Oktober 2012 in San Diego berichtet…

Endokrine Disruptoren: Störungen des Hormonsystems durch 800 verschiedene chemische Substanzen bekannt oder vermutet
Bochum, 12. März 2013: Die Vereinten Nationen und die Weltgesundheitsorganisation fordern in ihrem Gemeinsamen Bericht 2012 (1) für chemische Substanzen, die das Hormonsystem schädigen können, 1. bessere Tests, 2. mehr Forschung, 3. umfangreichere Berichterstattung und Information sowie 4. vermehrte Kooperation und Informationsaustausch unter den Wissenschaftlern…

Fünf Tipps zur Vermeidung von Chemikalien, die das Hormonsystem stören
Bochum, 18. Februar 2020: Endokrine Disruptoren, welche in das Hormonsystem und den Stoffwechsel eingreifen, werden seit über einem Jahrzehnt zunehmend beachtet und untersucht. Vor einigen Tagen wurde im DGE-Blog über eine Publikation zu Parabene in Kosmetika berichtet, welches zu Übergewicht von Kindern führen könnte. Die wichtigsten 2 der 5 Tipps: 1. Keine beschichteten Pfannen, sondern solche aus Gusseisen und rostfreiem Stahl. 2. Wohnräume gut lüften und feuchte Mopps verwenden…

Tipps des Referenten:

Im Jahre 2013 antwortete der Referent (H.S.) auf die vielen Anfragen von Journalisten/Medien auf die Frage, was man der Allgemeinbevölkerung  bei  über 800 das Hormonsystem möglicherweise störenden Substanzen empfehlen  sollte:  „So natürlich wie möglich leben, naturnah essen und trinken. So wenig wie möglich Fertigkost oder  in Plastik Verpacktes, statt Konserven besser Frisches vom Markt, frisches Leitungswasser und Getränke nicht aus Plastikflaschen oder Verbundpackungen. Nicht alle nur erdenklichen Kosmetika auf die Haut auftragen oder Sprays verwenden“ (3).

Ein weiteres Argument gegen die Verwendung von Plastikflaschen erschien kürzlich in den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS). Mit Hilfe einer neuen Mikroskopier-Technik konnten US-Forscher nachweisen, dass sich in 1 Liter Trinkwasser aus Plastikflaschen bis zu 100.000 Nanoplastikmoleküle befinden. Diese können aufgrund ihres geringen Durchmessers in den Blutkreislauf, in Zellen und in das Gehirn eindringen, was toxische Auswirkungen auf den Organismus hat und der Gesundheit schaden könnte (4, 5).

Helmut Schatz

Literatur

(1) Institut für Prävention und Arbeitsmedizin, Bochum: Pressemitteilung. 12. Februar 2024

(2) Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie: Krankmachende Stoffe aus der Umwelt. Pressemitteilung, Februar 2010

(3) Helmut Schatz: Endokrine Disruptoren: Störungen des Hormonsystems durch 800 verschiedene chemische Substanzen bekannt oder vermutet.
DGE-Blogbeitrag vom 12. März 1913

(4) Stéphanie Lavaud: Vorsicht vor Plastik-Wasserflaschen: Forscher entdecken bislang unbekannte Kontamination mit Nanoplastik. Medscape – 31. Jan 2024

(5) N. Qian et al.: PNAS (online) 8. Januar 2024

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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Eine Antwort auf Verbotener Plastik-Weichmacher im Urin bei ~60% von 250 Kindergartenkindern und bei ~30% von Erwachsenen nachgewiesen

  1. WAZ-Leserin sagt:

    WAZ-Leserin: Der DGE-Blog berichtet bereits am 7. 2.2024 über Phthalate unbekannter Herkunft im Urin von Kindern wie damals auch in der WAZ abgedruckt (s.o.). Lt. WAZ vom 22.2.24 wurde jetzt erst im Düsseldorfer Landtag darüber breit und heftig diskutiert und der zuständigen NRW-Behörde vorgeworfen, eine Mitteilung an die Öffentlichkeit darüber zu lange unterlassen zu haben Die DGE- Blogs sind also auf dem neuesten Stand und immer hochaktuell! So auch der warnende Hinweis auf die schädlichen, in Körperorgane eindringenden Nanoplastik-Teilchen etwa aus Plastik-Getränkeflaschen usw. (zusätzlich zu der schon länger bekannten Mikroplastik, s.o.) Dieser neue Befund aus den USA wurde erstmals am 8.1.2024 online publiziert. In unseren deutschen Medien habe ich darüber noch nichts gehört, gesehen oder gelesen.

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