Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Vitamin D bei postmenopausalen Frauen für die Muskelkraft nachteilig


Bochum, 5. Oktober 2018:

Auf dem Jahrestreffen 2018 der Amerikanischen Gesellschaft für Knochen-  und Mineralstoff-Forschung (ASBMR) in Montreal berichteten Lise Sophie Bislev et al. aus Aarhus, Dänemark (1) vor 2 Tagen  über eine Plazebo-kontrollierte Studie an 81 gesunden postmenopausalen Frauen mit Vitamin D – Spiegeln  <50 nmol/l / <20 mg/dl und sekundärem Hyperparathyreoidismus (PTH >6.9 pmol/l / 65 pg/ml). Täglich 2800 IE Vitamin D3 über drei Monate im Winter verschlechterten signifikant die Muskelkraft ebenso wie die körperliche Aktivität.

Ergebnisse im Detail: Vitamin D  vs. Plazebo: Maximale Handgriff-Stärke: -9% (-15% bis -3%,  p<0.01), Kniebeugung: -13 (-24 bis -2%,  p=0.02) und Time Up to Go Test (TUG): 4.4% (0.1% bis 8.6%, p<0.05).  Die Verschlechterung der körperlichen Aktivität wurde nach einer Skala über einen Fragebogen erfasst.  Die posturale Stabilität und die Ergebnisse des Repeated Chair Stand Test (RCT) wurden durch Vitamin D 3 nicht hingegen nicht verändert, ebenso nicht die fettfreie Körpermasse.

Die Erstautorin interpretierte ihre Resultate in dem Sinne, dass man bei Vitamin D –Spiegeln <50 nmol/l / <20 ng/dl (einer „suboptimalen Vitamin D – Konzentration“ nach dem Robert-Koch-Institut bzw. einer „insufficiency“ gemäß dem Institute of Medicine,  IOM) „nicht so hohe Vitamin D –Dosen wie 2800 IE täglich“ geben solle. Sie wies darauf hin, dass eine sehr hoch dosierte, intermittierende  Vitamin D – Gabe ein bekannter Risikofaktor für Stürze sei. Im DGE-Blog wurde am 16. Januar 2016 über eine derartige Untersuchung berichtet (2). Die jetzige Arbeit sei wohl die erste, die einen nachteiligen Effekt auch täglicher Vitamin D –Zufuhr in einer höheren, wenn auch nicht sehr hohen Dosis aufzeigte.

Kommentar 

Wenn es sich auch um die nur kleine Zahl von 81 gesunden postmenopausalen Frauen gehandelt hat und Vitamin D nur 3 Monate über den Winter gegeben wurde, so fügt sich diese Arbeit in das Bild ein, welches sich zunehmend aus den randomisiert-kontrollierten Studien mit Vitamin D ergibt. Man wird die beiden großen Outcomes-Untersuchungen VITAL in den USA und die D-Health Study in Australien abwarten müssen, um die Fragen beantworten zu können, ob bzw. welche  Bedeutung dem Vitamin D bei den sehr zahlreichen  Krankheitsbildern zukommt, für die  heute von vielen nach wie vor ein positiver Effekt postuliert, erwartet oder erhofft wird.

Helmut Schatz

Literatur

(1) Lise Sofie Bislev et a.: Three months of vitamin D3, 2800 IU/d has an unfavourable effect on muscle strength and physical performance in vitamin D insufficient, hyperparathyroid women – a randomized placebo controlled trial.
2018 Annual Meeting of the American Society of Bone and Mineral Research, Montreal, Abstract FRI-1118

(2) Helmut Schatz: Hochdosiertes Vitamin D verbessert nicht die neuromuskuläre Funktion und führt zu mehr Stürzen.
DGE-Blog vom 16. Januar 2016

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Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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3 Antworten auf Vitamin D bei postmenopausalen Frauen für die Muskelkraft nachteilig

  1. Lieber Herr Professor Schatz!

    Man könnte auch einem Verdurstenden in der Wüste ein Schnapsgläschen Wasser geben und dann fragen, ob er nun wieder 30 km laufen kann. Nach Ihrer Sicht der Dinge (analog der Interpretation dieser maßlos dilettantischen „Vitamin-D-Studie“) wird wahrscheinlich rauskommen, dass das Schnapsglas nicht geholfen hat und dann ist die Interpretation, Wasser hilft offensichtlich nicht gegen Durst.
    Nun hat sich auch bei Ihnen wohl in langen Jahren die Erkenntnis durchgesetzt, dass es in diesem Fall doch das Wasser ist, was hilft, nur muss man dem Menschen in der Wüste über einen gewissen Zeitraum erstmal drei bis fünf Liter zuführen, bis das System seine Arbeit wieder aufnimmt!

    Wenn ich Menschen, die sich mit Vitamin D Spiegeln unter 20 ng/ml im absoluten Mangel befinden, nur einen Krümel Vitamin D gebe und offensichtlich (weil das in keiner Studie passiert!) hier keine Cofaktoren wie Magnesium und Vitamin K2 dazu gebe, muss ich mich doch nicht wundern, dass sich der Körper erstmal von seinem Vitamin D Mangel erholen muss, bevor er zu neuen Hochleistungen anderer Art loslegen kann.
    Auch in der Homöopathie gibt es den Begriff der Erstverschlimmerung!

    Wenn wir vom Vitamin D Service (www.VitaminDService.de) mit Patienten arbeiten, die so niedrige Vitamin D Spiegel haben, was ja von Ihrer Fachgruppe als völlig normal dargestellt wird, dann versuchen wir sie schnellstmöglich unter Begleitung der Cofaktoren auf mindestens 60 ng/ml hochzufahren. Dann geht es den Patienten erstaunlich schnell wieder richtig gut, was Sie sich auf unserer Website unter der Rubrik „Erfahrungsberichte“ oder der „Ärzte“-Rubrik mit Fallberichten mal selber ansehen dürfen.

    Und dann müssen Sie mir auch mal erklären, wie ich Probanden, die an einem Vitamin D Mangel UND an Hypoparthyreoidismus leiden, als gesund bezeichnen kann? Ein Hypoparathyreoidismus ist meines Wissens eine Stoffwechsellage, die längerfristig in eine Osteoporose führt. Erst Vitamin D Spiegel von mindestens 32,5 ng/ml führen zu einem ausgeglichenen Calciumstoffwechsel und einem normalem Parathormonspiegel. Diese Tatsache sollte doch gerade unter Endokrinologen bekannt sein.
    Deswegen ist es mir auch völlig unerklärlich, wie Sie verschmitzt lächelnd in allen Interviews mit der deutschen Presse behaupten können, man müsse kein Vitamin D substituieren und ein Spiegel von 20 ng/ml sei völlig ausreichend! Ein gleichzeitig veranlasstes PTH würde Sie Lügen strafen!

    Und weil doppelt bekanntlich besser hält, wird dieser Brief gleich nochmal im BLOG des Vitamin D Service veröffentlicht! Sie waren da in letzter Zeit schon öfter im Gespräch.

    Mit freundlichen Grüßen,

    Gabriele Rendtel-Wassmann
    Apotheke zum Stift, 12107 Berlin
    Vitamin D Service, Dr. Raimund von Helden

    • Frau P. sagt:

      Sehr geehrte Frau Rendtel-Wassmann,

      als Osteoporose-Patientin interessiert mich das Vitamin K2. Ich habe noch keine Informationen gefunden, die mich langfristig überzeugen und damit veranlassen konnten, dauerhaft zu Vitamin D noch Vitamin K2 einzunehmen.

      Ich habe in einem Labor meinen Vitamin K1/K2-Status bestimmen lassen – hier die Ergebnisse:

      Vitamin K1 (Phyllochinon): 712 ng/l (90-2100)

      Vitamin K2 (Menachinon-4): < 100 ng/l
      Ohne Substitution und aufgrund geringer HWZ, Werte i.d.R. unter der Nachweisgrenze

      Vitamin K2 (Menachinon-7): 168 ng/l
      Kommentar: Ohne Substitution Werte i.d.R. < 500 ng/l

      Was könnte es rechtfertigen, ein Vitamin K2 Präparat einzunehmen. Dieses Thema beschäftigt mich öfters…

      Vielen Dank.

  2. Helmut Schatz sagt:

    Sehr geehrte Frau Rendtel-Wassmann,
    Ihr Vergleich mit Schnapsglas Wasser an einen Erschöpften in der Wüste ist ja sehr nett und plakativ, nur liegt er völlig daneben. Einige Punkte zu Ihrem Text:.1.) Wir leben im Zeitalter der Evidenzbasierten Medizin, die sich heute auf Outcome-Studien stützen muß, nicht auf „Surrogartparameter“, zu denen beispielsweise das HbA1c, der Cholesterinspiegel, und eben auch der Vitamin D-Spiegel zählen. Die großen Outcome- Studien laufen noch (VITAL in USA, D-Health in Australien), die kleineren, die jetzt publiziert werden, einschließlich von Cochrane-Analysen, sind seit einigen Jahren – zumindest für nicht muskuloskelettale Effekte – so gut wie durchgehend negativ . Assoziationsstudien („Störche-Geburtenrate“) sind nur hypothesengenerierend und müssen durch RCT´s bewiesen oder widerlegt werden. 2.) Ein Vitamin D -Spiegel unter 20 ng/ml ist doch kein „absoluter Mangel“, wie Sie schreiben, sondern nach dem Robert-Koch-Institut eine „suboptimale Vitamin D -Versorgung“, nach dem IOM eine „insufficiency“ und keine „deficiency“, bei der man nach IOM ohne Symptome nichts machen muß. Nach dem Robert-Koch- Institut ist erst ein Spiegel unter 10-12.5 ng/ ml ein „moderater Mangel“ und unter 5 ng/ml ein „schwerer Mangel“. 3.) Sie verwechseln in Ihrem Text den Hypoparathyreoidismus“ mit dem (sekundären) Hyperparathyreoidismus. Sehr lieb, dass Sie mein Lächeln als „verschmitzt“ empfinden, das freut mich!

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