Bochum, 5. Juni 2026
In den letzten Jahren konnte man kaum ein Fachblatt und auch keine Allgemeinzeitung aufschlagen oder das TV einschalten, ohne einen oft in sehr hohen Tönen lobenden Bericht lesen, sehen oder hören zu können, etwa vom „Deutschen Vitamin D-Papst“, einem Nuklearmediziner und Ernährungswissenschaftler. Um diese Vitamin D-Befürworter ist es still geworden.
Was bleibt vom Hype um das „Sonnenhormon“, wenn man die harten Fakten betrachtet, wie es Dr. med. Hans Gross in seinem Coliquio-Artikel am 8. Dezember 2025 im Internet getan hat? Zu Beginn seines Beitrags schreibt Dr. Gross knapp: „Bei gesunden Erwachsenen ist eine Supplementierung von Vitamin D …. nicht angezeigt“. Und er fährt fort:
Vitamin D – Das Wichtigste in Kürze
- Screening (Wen testen?)
- Gesunde & beschwerdefreie Erwachsene (18–60 J.): Kein Screening. Es gibt keine Evidenz für einen Nutzen außer gering gegen Erkältung.
- Indikation: Nur bei manifester Osteoporose, Malabsorptionsstörungen oder schweren Leber-/Nierenerkrankungen.
- Substitution (Wer profitiert?)
- Pflegeheim & Hochbetagte: Substitution ist essenziell zur Sturz- und Frakturprophylaxe.
- Risikogruppen: Menschen mit dunklem Hauttyp, reine „Indoor-Arbeiter“ oder bei konsequenter Verhüllung.
- Gesunde Population: Kein präventiver Nutzen bezüglich Krebs, Herzinfarkt oder Frakturen nachweisbar.
- Dosierung & Strategie
- Täglich statt Bolus: Tägliche Gaben sind wirksamer (Infektschutz) und sicherer als monatliche Hochdosis-Gaben.
- Empirisch („Blind“): Bei Pflegeheimbewohnern sind 1.000 I.E. täglich ohne vorheriges Labor sicher und evidenzbasiert.
- Warnhinweis
- Vorsicht vor Hochdosis-Trends: Gefahr von Hyperkalzämie, Nierenverkalkung und paradoxer Zunahme der Sturzneigung.
- Ernährung: Bedarf ist kaum über Nahrung zu decken (außer durch fetten Seefisch).
Eigentlich ein Hormon: Streng genommen handelt es sich bei „Vitamin D“ gar nicht um ein Vitamin, sondern um eine Hormonvorstufe. Der Körper bildet es in der Haut unter UVB-Strahlung selbst, bevor es in Leber und Nieren zum aktiven Calcitriol umgewandelt wird. Dieses Hormon steuert nicht nur den Calcium- und Knochenstoffwechsel, sondern dockt auch an Rezeptoren in fast allen Organen an, darunter auch in Immunzellen. Ein Mangel an Vitamin D hat also enorme Relevanz. Aber taugt es auch zur Prophylaxe?
Ende des Hypes?: Vitamin D galt vielen als die geheime Waffe gegen andere respiratorische Infekte. …. In einer Metaanalyse wurden die Daten von über 60.000 Teilnehmern aus 46 randomisierten kontrollierten Studien (RCTs) ausgewertet. Das Ergebnis ist ernüchternd: In der Gesamtbetrachtung senkte eine Supplementierung das Risiko für akute Atemwegsinfektionen (ARI) statistisch nicht signifikant (Odds Ratio 0,94; 95 % CI 0,88–1,00). Dies trifft allerdings nicht zu, wenn die Betroffenen das Vitamin nicht in Form einer sonst üblichen Stoßtherapie (zum Beispiel einmal monatlich), sondern täglich in geringer Dosis einnehmen. Dann lässt sich eine durchschnittliche Risikominderung für akute respiratorische Infekte um 26 % nachweisen (OR 0,84).
Kein Allheilmittel: Die begrenzte Wirkung wird noch deutlicher, wenn man die Ergebnisse der VITAL-Studie (Vitamin D und Omega-3 Trial) hinzuzieht. Mit über 25.000 Teilnehmern ist sie eine der größten randomisierten Studien zu diesem Thema. Es wurde untersucht, ob die tägliche Gabe von 2.000 I. E. Vitamin D₃ bei generell gesunden Männern (ab 50 Jahren) und Frauen (ab 55 Jahren) schwere Erkrankungen verhindern kann. Doch weder die Inzidenz von invasiven Krebserkrankungen noch das Auftreten schwerer kardiovaskulärer Ereignisse (Herzinfarkt, Schlaganfall) konnten signifikant gesenkt werden.
Frakturprophylaxe: Für die Praxis besonders überraschend ist, dass selbst der klassische Nutzen für die Knochengesundheit bei gesunden älteren Menschen ohne manifesten Mangel nicht gegeben ist. Eine Subanalyse der VITAL-Daten zeigte, dass die Supplementierung in dieser großen Kohorte das Risiko für Knochenbrüche (Hüftfrakturen, Wirbelkörperfrakturen oder totale Frakturen) nicht senkte – und zwar völlig unabhängig vom Ausgangsspiegel oder der Einnahme von Kalzium.
Über die Nahrung?
Damit ist der Bedarf kaum zu decken. Nennenswerte Mengen finden sich fast ausschließlich in fettem Seefisch wie Lachs oder Hering. Man müsste täglich mindestens zehn Hühnereier verzehren, um auf die nötige Dosis zu kommen. Ein echter Mangel führt klassischerweise zu Rachitis bei Kindern oder Osteomalazie bei Erwachsenen. Aber auch unspezifische Symptome wie schnelle Erschöpfung, Müdigkeit oder depressive Verstimmungen können auf ein Defizit hindeuten.
Wer ist gefährdet? Nicht jeder antriebslose Patient leidet automatisch unter einem Vitamin-D-Mangel, wie die VITAL-Daten nahelegen. Die DGE benennt hier klare Risikogruppen, die wir im Blick haben müssen. Dazu zählen vor allem Senioren, da die Fähigkeit der Haut, Vitamin D zu synthetisieren, mit zunehmendem Alter drastisch abnimmt. Ein 70-Jähriger bildet bei gleicher Sonnenexposition nur einen Bruchteil dessen, was die Haut eines 20-Jährigen leistet.
Auch Menschen mit dunklerer Hautpigmentierung sind in unseren Breitengraden gefährdet, da das Melanin die UV-Strahlung abschirmt. …. Wer den ganzen Tag im Büro sitzt („Indoor-Generation”) oder aus kulturellen Gründen verhüllende Kleidung trägt, bekommt schlicht zu wenig UV-Licht ab.
Gezieltes Screening: Ein Massenscreening auf Vitamin-D-Mangel ist trotzdem, darin sind sich die Experten einig, unsinnig. Für gesunde Erwachsene zwischen 18 und 60 Jahren gibt es keine Indikation zur generellen Spiegelbestimmung oder Supplementierung. Dies bestätigte 2021 auch die einflussreiche US Preventive Services Task Force (USPSTF). In ihrem Statement stellten die US-Experten fest, dass die Evidenz schlicht nicht ausreicht, um bei asymptomatischen Erwachsenen einen Nutzen des Screenings gegenüber den Kosten und möglichen Schäden zu belegen. Die These, wir hätten tendenziell alle einen behandlungsbedürftigen Mangel, ist wissenschaftlich nicht haltbar. Ein Laborscreening gehört demnach zur Routine nur bei manifesten Osteoporoseerkrankungen, Malabsorptionsstörungen sowie schweren Leber- und Nierenerkrankungen.
Gefährliche Überdosierung: Eine große Studie aus Neuseeland von Scragg et al. zeigte eindrucksvoll, dass „viel“ eben nicht „viel hilft“: Über 5.000 ältere Teilnehmer erhielten hier monatlich eine Hochdosis von 100.000 I. E. oder Placebo. Das Ergebnis war ernüchternd: Die „Hammer-Dosis“ verhinderte weder Stürze noch Frakturen besser als das Placebo. Im Gegenteil: Es gibt Hinweise aus anderen Studien, dass eine Überdosierung das Sturzrisiko paradoxerweise sogar erhöhen könnte.
Vor den im Internet oft propagierten Hochdosis-Therapien muss daher gewarnt werden. Zu hohe Spiegel können zu Hyperkalzämie sowie zu Gefäß- und Nierenverkalkungen führen. Die beliebten Bolusgaben (z. B. einmal monatlich oder quartalsweise) zeigen kaum Schutzwirkung. Die DGE bestätigt diese Sichtweise. Tägliche Gaben sind also der Bolus-Applikation deutlich überlegen.
Sonderfall Pflegeheim: Hausärzte sollten einen ganz speziellen Fokus auf Heimbewohner und hochbetagte, immobile Patienten legen. In dieser Gruppe ist die Prävalenz eines schweren Mangels extrem hoch. Diese Patienten kommen kaum noch an die Sonne und ihre Haut kann Vitamin D nur noch eingeschränkt selbst synthetisieren. Die Ergebnisse der VITAL- oder USPSTF-Daten (die an gesunden, mobilen Erwachsenen erhoben wurden) greifen hier nicht: Diese Hochrisikogruppe profitiert nachweislich.
Blind substituieren? Ja, aber nur in einem klar definierten Setting, nämlich bei Heimbewohnern und schweren Pflegefällen. Eine Supplementierung mit 1.000 Einheiten täglich kann auch ohne vorherige, teure Laborkontrolle erfolgen. Das Risiko einer Überdosierung ist bei dieser Dosis vernachlässigbar, während der Nutzen für die Muskulatur und die Sturzprophylaxe in dieser spezifischen Klientel belegt ist. Nur wenn konkrete Erkrankungen wie eine ausgeprägte Osteoporose vorliegen oder Zweifel an der Resorption bestehen, ist eine Spiegelbestimmung bei Pflegefällen sinnvoll.
Fazit:
Vitamin D ist kein Wundermittel gegen Pandemien und ersetzt keine Impfung. Die aktuelle Lancet-Metaanalyse und die großen VITAL-Daten haben den Hype auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Für die breite, gesunde Bevölkerung ist die Vitamin-D-Prophylaxe eher wirkungslos. Auch ein Screening wird hier von der USPSTF nicht empfohlen. Für Risikogruppen wie Hochbetagte, Pflegebedürftige und Menschen mit dunklem Hauttyp ist die Substitution dagegen essenziell.
DGE-Beitrag nach dem modifizierten Artikel von
Dr. med. Horst Gross
Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin. Horst Groß studierte Publizistik und Medizin und kam so zu seiner Nebentätigkeit als schreibender Arzt.
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Kommentar von Helmut Schatz:
Der Referent (H.S.) freut sich, dass sich seine Meinung zu Vitamin D, die er seit vielen Jahren im DGE-Blog vertritt und für die er nicht selten heftig kritisiert, ja sogar beschimpft wurde (wie z.B.: „Schatz ist ein Lügner“) weitestgehend mit dem Beitrag von Dr. Horst Groß deckt.
H.S. kennt jedoch viele Kolleginnen und Kollegen, die anderer Meinung sind, etwa auch Zahnmediziner.
Bitte äußern Sie Ihre Ansicht zu Vitamin D!
Lieber Herr Professor, Sie schreiben, ein generelles Screening sei nicht zu empfehlen für „gesunde Erwachsene zwischen 18 und 60 Jahren“. Aber was ist, wenn ein wirklich kerngesunder sportlicher Mann von 35 Jahren trotzdem einen Zufallsbefund mit eindeutiigem Vitamin-D-Mangel hat, und dies nicht im Winter? Wie groß ist der Anteil von Gesunden, die nicht nur im Winter einen Mangel haben? Ist es dann ein vertretbarer Kollateralschaden, auch dann, wenn erwähnter kerngesunder Erwachsene Autoimmunität in der Familie, also ein evtl. genetisches Risiko dafür hat und Autoimmunkranke bekanntlich zum Mangel neigen ( wobei man nicht weiß, was zuerst war, Henne oder Ei – begünstigt ein Mangel Autoimmunität oder verursacht Autoimmunität einen Mangel)? Stichwort Prävention – ist nun das Einsparen ein stärkeres Argument?
Der Bolus-Gabe ist weiterhin Gang und Gäbe unter Ärzten. Warum spricht sich nicht herum, dass sie das lassen sollten?
Danke für Ihre Meinung!
Liebe Frau Hoppsala! Lesen Sie meinen DGE-Blogbeitrag vom 4. Mai 2026 über den Referenzbereich, der oft nicht korrekt „Normalbereich“ genannt wird.Das gilt natürlich auch für die Vitamin D -Werte. Wenn jemand – aus welchem Grund auch immer, z. B. „kerngesund aber Autoimmunerkrankungen in der Familie – 1000 IE Vit.D nehmen möchte, kann er dies tun. Ein Einzelfall ist aber kein Argument für eine teure Maßnahme für die gesamte Bevölkerung. Wenn in Studien auch 1x täglich 1000 IE Vit.D besser als intermittierende Bolusgaben ist, die Compliance (Therapietreue) ist zumeist bei Bolusgaben besser, und somit immer noch besser als tägliche Gaben, mit denen man dann irgendwann doch aufhört.
Lieber Herr Professor, danke für Ihre Antwort! – Sicher sind Einzelfälle kein Argument für Allgemeinmaßnahmen. Auf der anderen Seite wird Prävention großgeschrieben – auf dem Papier, denn sie wäre, konsequent angewendet, auch kostensparend, wohl auch beim Vitamin D und Autoimmunerkrankungen. Wenn AI-Krankheiten auf dem Vormarsch sind (das sind sie) und wenn die Forschung immerhin eine Korrelation zwischen Vitamin-D-Mangel und Autoimmunerkrankungen erkennt, dann ist das, was ich als Beispiel oben nannte, kein Einzelfall. Wäre es dann nicht sinnvoll, bei der Anamnese beim Hausarzt die Frage nach AI-Krankheiten zu stellen und falls die Antwort positiv ist, eine eine einzige Erstkontrolle des Vitamin-D-Standes im Sinne einer Prävention vorzunehmen? Gibt es keinen Mittelweg zwischen Rundumschlag-Kontrolle für alle und keinerlei Kontrolle? — Zu Bolus und Compliance: Leider haben Sie recht, aber wozu die Warnung vor Bolus, wenn diese Gaben doch weiter flächendenkend erfolgen …
Wie meist im Leben ist der Mittelweg sinnvoll, der Kompromiss (wie übrigens auch in der Politik): Bei familiär gehäuften Autoimmunerkrankungen (so insbesondere bei der AIP I und II, aber auch wenn nicht so ausgeprägt) Vit.D messen und bei Erniedrigung supplementieren. Ja, das ist die „personalisierte Medizin“, die heute allgemein propagiert wird.