Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Wahrheitsfindung in der Wissenschaft


Ein kardiologischer Blick über den endokrinologischen Tellerrand

Bochum, 16. April 2020:

Professor Jürgen Barmeyer, emeritierter Kardiologe am Bergmannsheil Bochum schickt mir einige seiner Gedanken zur Wahrheitsfindung in der Wissenschaft, die ich mit seinem Einverständnis hier auszugsweise wiedergeben darf:

***

„Der größte Feind des Wissens ist nicht Unwissenheit –  es ist die Illusion, wissend zu sein“.
(Stephen Hawking,  1942 – 2018)

In Freiburg im Breisgau kann man am Kollegiengebäude der Universität lesen:

„Die Wahrheit wird euch frei machen“.

Doch was ist Wahrheit ? (das fragte schon Pontius Pilatus). Während der Freiheitsbegriff noch recht gut umfasst werden kann, entzieht sich das Abstractum „Wahrheit“ einer allseits befriedigenden, generell gültigen Definition und bleibt begrifflich verschwommen. Eine absolute Wahrheit ist dem Menschen nicht zugänglich, auch nicht in den Wissenschaften mit ihrem hohen Wahrheitsanspruch. Auch Wissenschaft ist stets nur das Suchen nach der Wahrheit. Man kommt gelegentlich in Wahrheitsnähe, erreicht sie aber nicht (1).

 I. Wahrheitssuche nach Wahrheitsmodellen

  • Die Wahrheit, die man spürt oder fühlt, z.B: bei der Erkenntnis einer tödlichen Erkrankung wie Krebs.
  • Die Wahrheit, die man durch den eigenen Verstand erwirbt, z.B. durch die Gesetz der Mathematik.
  • Die Wahrheit, die der Mensch technisch oder naturwissenschaftlich durch wiederholte Experimente mit stets gleichem Ergebnis gewinnt.
  • Die Wahrheit mit der geringsten Authentizität, die dem Menschen über die Ratio nicht zugänglich ist, aus Träumen, Orakeln, Spiritualität, Spiritismus, Astrologie, heiligen Büchern – und Statistiken (!)

Die Philosophie hat mehrere Theorien für Wahrheitsfindung erarbeitet. Die vier für die Wissenschaft bedeutsamen Modelle werden hier dargestellt:

  1. Kohärenz-Theorie (Thomas von Aquin, Lit.2): Es gilt als wahr, wenn große Übereinstimmung (Parallelität) von subjektiver Erkenntnis und objektivem Sachverhalt festgetellt wird. Beispiel: Viele Studien haben eine Übereinstimmung von erhöhtem Cholesterinwert (subjektive Erkenntnis) und Atherosklerose (objektivem Sachverhalt festgestellt. Damit wird die Aussage als wahr angesehen: „Cholesterin fördert die Atherosklerose-Entstehung“. Heute nennt man das eine „Assoziation“. Wegen der großen Unsicherheit der wahren Erkenntnis sprechen viele Wissenschaftler daher heute nicht mehr von Wahrheit, sondern von Modellen.
  2. Utilitaristische Theorie (Thomas S. Kuhn, Lit. 3): Wahrheit setzt sich durch, wenn sie sich durch größere Nützlichkeit bewährt hat. Wahrheit entsteht weder durch Verifikation des Neuen, noch durch Falsifikation des Älteren. Sie entsteht durch Ablösung eines Modells, wenn sich gegenüber dem alten Wahrheitsparadigma die größere Nützlichkeit der neuen Wahrheit offenbart. Beispiel: Kardiologische Leitlinien besagen, dass bei Brustschmerzen und erhöhtem hochsensitivem Troponin kritische koronarogene Stenosen vorliegen und sofort katheterisiert werden soll. Die höhere wissenschaftliche und ökonomische Nützlichkeit hat dazu geführt, eine eher konservativ-abwartende Therapie aufzugeben, obwohl Brustschmerzen mit Troponinerhöhung häufig auch nicht- koronarogen vorkommen, z.B. bei Pneumonie oder COPD u.a.. So zeigen etwa ein Drittel aller Notfallkoronarangiographien unauffällige Koronararterien. Kommentar: Die rein utilitaristische Wahrheitsfindung ist somit in der Wissenschaft in Teilen ethisch zumindest fragwürdig.
  3. Diskurstheorie (Lit. 4) und ) Soziologische Theorien (Gustave de Bon 1912, Lit.5).

Diese beiden Kapitel beschäftigen sich nicht mit der Medizin, sondern  mit der Frage, ob der Klimawandel anthropogen ist, ob es ein „Anthropogenic Global Warming (AGW)“ gibt. Professor Barmeyer verneint diese  Frage auf  Grund seiner detaillierten Betrachtungen und Analysen der Daten und Statistiken (s.u.).

II. Wahrheitssuche nach Zahlen (Statistik)

Jeder weiß, dass Zahlen, wenn sie vor allem statistisch ermittelt werden, nicht immer die Wahrheit sagen. Beispiel: Welche Stadt hat die höchste Diebstahls- und Betrugsquote?  Man denkt an Rio oder New York. Weit gefehlt: es ist Vatikan-Stadt. Die Deliktanzahl, dividiert durch die Einwohnerzahl, ergibt die Kriminalitätsrate. Jährlich besuchen ~18 Millionen den Vatikan, davon begehen viele Delikte. Teilt man deren Anzahl durch die 500 Einwohner des Vatikans, erhält man dessen „Kriminalitätsrate“.

Barmeyer untersucht speziell die Statistiken zum Klimawandel und widerspricht der Aussage vieler, dass dieser anthropogen sei (s.o).

Epikrise:

  1. Wahrheitstheorien helfen zur Wahrheitsfindung in der Wissenschaft nicht weiter. Parallelitäten zweier Größen bedeuten nicht, dass zwischen beiden Grössen eine korrelative Beziehung besteht. Heute ist allgemein akzeptiert, dass solche Assoziationen zwar hypothesengenerierend sind, aber keine Kausalität belegen.
  2. Die größere Nützlichkeit eines Modells bedeutet keineswegs, dass das Modell einen höheren Wahrheitsgehalt besitzt.
  3. Noch so intensiver Diskurs führt auch in der Wissenschaft keineswegs näher an die Wahrheit heran.
  4. Wahrheit auf Grund von induzierter Massenentscheidung ist in der Wissenschaft nicht akzeptabel.
  5. Wahrheitssuche durch statistische Zahlen kann auch in der Wissenschaft manipulatorisch sein.
  6. Es gibt keine absolute Wahrheit in der Wissenschaft.
  7. Wahrheit entspringt auch in der Wissenschaft einem subjektivem Willensakt.

Jürgen Barmeyer, Bochum

***

Text auszugsweise wiedergegeben und geringfügig kommentiert vom Referenten (H.S.)

Literatur

(1) K. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. I – II, Taschenbuchausgabe München 1975

(2) W. Reinhard: Unsere Lügengesellschaft, Murrmann Verlag 2006, Seite 122

(3) Th.S. Kuhn: Die strukturwissenschaftliche Revolution, Frankfurt 1976

(4) W. Reinhard: Unsere Lügengesellschaft, Murrmann Verlag 2006, Seite 123

(5) G. Le Bon: Psychologie der Massen. Kröner Verlag 1982

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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11 Antworten auf Wahrheitsfindung in der Wissenschaft

  1. Helmut Schatz sagt:

    Hanns Hatt, geboren 1947 in Illertissen, deutscher Biologe und Mediziner, war ordentlicher Professor für Physiologie an der Medizinischen Fakultät sowie Lehrstuhlinhaber für Zellphysiologie an der Ruhr-Universität Bochum. Seit 2015 ist er Präsident der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften. In der Zeitschrift „Academia“ des Deutschen Cartellverbandes, Heft 2/2020, 113. Jahrgang, Seite 8-11 schreibt er über „Das Streben nach Wahrheit“. Er nimmt eine kritische Haltung gegen eigene und fremde Ergebnisse ein:

    „Die Wissenschaft soll eine möglichst präzise, zweckfreie, eindeutige, transparente, objektive, überprüfbare und reproduzierbare Beschreibung des Analysierten liefern. Wissenschaft ist nicht im Besitz der Wahrheit, aber sie strebt danach. Sie soll deshalb immer eine kritische Haltung gegen eigene wie fremde Ergebnisse einnehmen“.

  2. Univ.-Prof. Dr. med. Klaus Ehrenberger, Wien sagt:

    Naturwissenschaften haben das Ziel, Charakteristika unmittelbarer Erlebnisse zu erkennen, als Erkenntnisse zu kategorisieren und in Denkmodelle zu giessen.
    Diese Denkmodelle sind kenntnisreiche, praxisgerecht aufbereitete Meinungen, die nicht mit Wahrheitsansprüchen überfrachtet werden sollten.

  3. Dr.techn.Helmut Kiendl sagt:

    Bei den einzelnen Wissenschaftszweigen kommt die Mathematik der Wahrheitssuche noch am nächsten. Als kleines Beispiel der höheren Mathematik möge hier die Anwendung des Eulerschen Satzes dienen: e hoch ix =
    cosx plus i mal sinx. Wenn man nun für x gleich pi=3,1416.. einsetzt, erhält man minus 1. Es ist faszinierend, daß 2 irrationale Zahlen (e und pi) und eine definierte Größe ( i ) eine rationale Zahl ergeben…Und nebenbei trifft es auch noch die Wahrheit.
    Ich habe schon den Eindruck, daß durch die vielen, unterschiedlichen Emissionen der Mensch Anteil an einer Klimaveränderung hat. Die weltweit dominante Haltung zur außergewöhnlichen Wirkung des anthropogen erzeugten CO2 kann ich hingegen nicht teilen. Dafür werden wissenschaftlich fundierte und nachvollziehbare Argumente vorgelegt. Vertreter der anderen Seite haben nur statistische Werte und Korrelationen von CO2 und globaler Temperatur zu bieten. Mir fehlen hier seriöse Nachweise auf wissenschaftlicher Basis.

  4. Helmut Schatz sagt:

    Was ist wahr? Bei uns sagt man: „Jedes Ding hat zwei Seiten: Hegel kommentiert eine gegenteilige Meinung übrigens gerne auf schwäbisch: „Isch auch wahr“. Und für Chinesen hat jedes Ding drei Seiten. Eine die Du siehst, eine die ich sehe, und eine,die wir beide nicht sehen.

  5. Stefan S. sagt:

    Danke für den Beitrag. Finde es gut, auch einmal Grundsätzliches zu reflektieren.

  6. Jean Pütz sagt:

    Die Wahrheitsfindung ist gerade in Demokratien ein Problem. Viel größer ist es in autoritären Systemen, wo die Wahrheit beliebig manipuliert wird, etwa bei Trump, Erdogan, Bolsonaro, Putin oder Xi Yinping. Hitler, Stalin und Mao Tse Tung sowie Pol Pot in Kambodscha haben diese in verbrecherischer Weise bis zum Exzess manipuliert. Dass wir uns überhaupt mit dem Kriterium Wahrheit beschäftigen dürfen, verdanken wir unserer noch freien Gesellschaft, die allerdings der Vernunft der Fakten, wie durch Natur, Technik, aber auch der Logik der Mathematik unterworfen ist. Jedes Wissen von noch so begnadeten Wissenschaftlern ist relativ. In der heutigen Zeit wird man zwangsläufig zu einem tiefgründigen Spezialisten, der Nebenwirkungen und Risiken ausgliedert. Wie gut hatten es da noch die großen Wissenschaftler der Vergangenheit, die uns die Aufklärung beschert haben wie etwa Galiläi, Kepler, Kant, Alexander von Humboldt oder Leibniz. Sie waren noch in der Lage, Zusammenhänge zu erkennen.

  7. Mag. Monika Reiter sagt:

    Der Meinung von Jean Pütz kann man sich voll und ganz anschließen. Durch die Informationsflut wird es zunehmend schwerer, sich eigene Meinungen zu bilden und andererseits die annähernd richtige „Wahrheit“ zu finden. Was heute „wahr“ ist, kann sich morgen schon wieder als unwahr herausstellen. Das Wichtigste in dieser Zeit, wo durch die Digitalisierung „Informationen“ ununterbrochen ins Netz gestellt werden und alle Menschen erreichen, ist es notwendig, kritisch zu bleiben und solche Botschaften genau zu hinterfragen. Kindern sollte ein Kritisches Denken gelehrt und auf ihrem Lebensweg mitgegeben werden, damit sie als zukünftige Gestalter der Gesellschaft, autoritäre Systeme erkennen und ablehnen.

  8. Dr. Ing. Klaus Heyer sagt:

    Am besten gefällt mir Hawkings Definition zum Wissen und über die Wahrheit. Hat Barmeyer das bedacht, wenn er den anthropogenen Klimawandel klar verneint? Ich bin da sehr gespalten. Das Wahnsinnsbevölkerungswachstum – Verdopplung der Erdbevölkerung seit etwa 1975 – hat Einfluss auf die momentane Umwelt und auch auf die Atmosphäre. Unbestreitbar ist die Vergasung nennenswerter Bodenschätze durch Industrie, Waldrodung usw., Ausdünstung von Mensch und Vieh, die unsere Lufthülle besonders mit CO2 und CH4 anreichern. Das hat sich verstärkt in wenigen Jahrhunderten. Unser Wissen, unsere Beobachtung, Datensammlung und Auswertung basiert auf einem kurzen Zeitraum im Vergleich zum Erdalter, eine Momentaufnahme. Deshalb meine Zweifel. Warm- und Kaltzeiten in langen Intervallen hat es oft gegeben. Warum, dafür gibt es versuchte Erklärungen, Menschen gab es nicht. Eine eindeutige Aussage hinsichtlich anthropogenen Klimawandels gibt es nicht, getreu Hawking zum Wissen. Wahrheit ist relativ.

  9. Melanie Engbert sagt:

    Der Aussage Hawkings über das Wissen möchte ich die positiv formulierte Erkenntnis von Sokrates gegenüberstellen:“ ICH WEISS, dass ich nichts weiß.“ Damit ist der Anfang gemacht, Informationen wachsam und kritisch aufzunehmen. Ob man angesichts der heutigen Flut von Informationen jedoch in der Lage sein kann zu erkennen, ob ein Sachverhalt objektiv und möglichst vollständig dargestellt wird, bezweifle ich. Ein Restrisiko, einem Fake aufgesessen zu sein, bleibt, und darunter leidet die Suche nach der Wahrheit – vom Finden der Wahrheit ganz zu schweigen.

  10. Helmut Schatz sagt:

    „Wissenschaft ist Irrtum auf dem letzten Stand gebracht“ , sagte einmal Linus Pauling, einer der nur vier Träger von zwei Nobelpreisen, für Chemie und für Frieden)

  11. Mungo sagt:

    Diderot sagte: Der erste Schritt zur Wahrheit ist der Zweifel.

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