Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Werden ältere und alte Menschen bei uns diskriminiert?


Bochum, 17.10.2019:

Die heute 67-jährige amerikanische Aktivistin Ashton Applewhite hatte vor etwa 3 Jahren in einem Vortrag vor den Vereinten Nationen auf ein immer wichtiger werdendes Thema hingewiesen: Personen oder Gruppen werden bei uns heute auf Grund ihres Alters diskriminiert. In einem Interview mit der Zeitung Welt am Sonntag kompakt vom 5./6. Oktober 2019 (1), die ich auf der Zugsfahrt zur DGE-Vorstandssitzung in Berlin las,  erwähnte  Frau Applewhite, dass sie erlebt hätte, wie jemand bei einer Veranstaltung  sagte: „Diese Software ist so einfach, dass meine Großmutter sie benutzen konnte“. Keiner im Saal habe mit einer Wimper gezuckt“.  Ashton Appleton fuhr fort: „Ersetzen Sie das Wort „Großmutter“  durch „Frau“ oder „schwarze Person“ und stellen Sie sich vor, was los gewesen wäre. Man hätte Sie aus dem der Stadt gejagt“.

Sie betonte: „Es ist meine Mission, das zu ändern und auch das Alter zum Kriterium der Diversität zu machen. Ich glaube, dass es viele junge Menschen gibt, die ältere Menschen als „zombieartige Kreaturen“ betrachten, die eine Bedrohung darstellen. Die Medien können solche Vorstellungen verstärken. So in der amerikanischen Presse immer wieder von einem „grauen Tsunami“ zu lesen. Eine grauenvolle Metapher, die unbegründete Ängste schürt, statt die Herausforderungen zu benennen oder nach Chancen zu suchen, die mit der demographischen Entwicklung einhergehen“.

Kommentar

Der Referent (H.S.) hätte vermutlich bei der Zitierung der „Großmutter“ auch nicht mit den Wimpern gezuckt. Ältere und alte Menschen sind ja, wie insbesondere wir Ärzte in unseren Praxen oder im Krankenhaus immer wieder sehen, des öfteren schon recht zerebralsklerotisch oder auch dement. Die griffigen Vergleiche von Frau Ashton haben ihn jedoch sehr nachdenklich gemacht.

In manchen Kulturen, etwa Südost-Asiens, sieht man das Alter völlig anders. Bei einem Besuch einer Gruppe von Professorinnen und Professoren der Medizinischen Fakultät der Tongji-Universität Shanghai, einer Partneruniversität unserer Bochumer Ruhr-Universität, stand hinter den Namen  der teilnehmenden chinesischen Personen in Klammern stets deren Alter, auch bei den Professorinnen. In China ist das Alter ein hochgeachteter Zustand.  So hat es der Referent  bei seinen akademischen Besuchen in China zumindest noch vor einigen Jahren kennengelernt. Dort bekam er zu hören, wenn ein jüngerer Mensch sein Alter nannte: „Auch Sie werden noch ein ruhmreiches Alter erreichen“.

Helmut Schatz

Literatur

(1) Heiko Zwirner, Interview mit Ashton Whiteapple (mit der Überschrift): „Älter werden: Mit dem Alter wird der Sex für viele besser. Vor allem für Frauen“.
Welt am Sonntag kompakt vom 5./6. Oktober 2019.

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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5 Antworten auf Werden ältere und alte Menschen bei uns diskriminiert?

  1. Alte Frau sagt:

    Ein Blog, der zum Nachdenken anregt. Ich hätte vermutlich auch nicht „mit der Wimper gezuckt“. Der Vergleich von „Großmutter“ mit „Frau“ oder einem „Schwarzen“ ist zwar fürs Erste ungewöhnlich, trifft aber den Kern der Aussage, die Frau Applewhite machen wollte.

  2. Frau P. sagt:

    Ich sehe keine Diskriminierung (54 J. alt). Wenn etwas kinderleicht oder so leicht ist, dass Großmutter es bedienen kann, ist es für mich Ermutigung und Erleichterung zugleich. Je älter ich werde, um so weniger interessiere ich mich für Computer, Technik und Co. Mit zunehmendem Alter verlagern sich Interessen und Prioritäten, weniger ist oft mehr… In der Ruhe liegt die Kraft. Und Großmutter ist weise genug, sich nicht stundenlang mit unverständlichen Gebrauchsanweisungen, Benutzerhandbüchern und Co. herumquälen zu wollen… Da gibt es schönere Dinge, mit denen man seine kostbare und endliche Zeit vertreiben kann. Man müsste sich eventuell noch fragen, kann oder will Großmutter etwas nicht bedienen… Ich sehe keine Diskriminierung.

    • Lisa S sagt:

      Sehr geehrte Frau P,

      das Problem mit Diskriminierung ist, dass die Menschen, die sie nicht betrifft sie meist nicht sehen oder auf irgendeine Weise erklären möchten. Das ist wie mit den Blondinen im Herrenwitz, die nicht einparken können. Die Erklärung lautet dann, dass die mangelnde Einpark-Kompetenz von Blondinen ja eine Tatsache sei bzw. dass mangelnde Einpark-Kompetenz ja jetzt auch nicht schlimm ist.
      Es ist schön, dass ihre Großmutter mit ihrem Leben besseres anzufangen weiß, als auf dem Smartphone zu spielen. Nicht schön ist es, dass junge eingebildete Schnösel ihr allein aufgrund ihres Alters jegliche technische Kompetenzen absprechen. Wenn sie das tun, dann ist das höchstwahrscheinlich nicht einmal böse Absicht: Es entspricht einfach ihrer Wahrnehmung. Genau das ist Diskriminierung: Das Menschen sich aufgrund subjektiver Wahrnehmungen oder Hörensagen ein Pauschalurteil über bestimmte gesellschaftliche Gruppen bilden, das die Angehörigen dieser Gruppe benachteiligt. mfg

      • Frau P. sagt:

        Sehr geehrte Frau Lisa S.

        vielen Dank für Ihre Rückmeldung. Eine Altersdiskriminerung vermag ich immer noch nicht erkennen. Eher würde/könnte ich eine Diskriminierung des Geschlechts vermuten. Was ist mit Großvater, wird ihm die technische Kompetenz wohlmöglich grundsätzlich zugetraut… ?

        • Lisa S. sagt:

          Sehr geehrter Frau P,

          oh ja, das Geschlecht spielt hier sicher auch eine wichtige Rolle, da stimme ich Ihnen zu.

          Aber angenommen, ein Unternehmen sucht einen Programmierer, der ein innovatives Software-Projekt umsetzen soll. Ein 35-jähriger und ein 55-jähriger Mann bewerben sich um die Stelle. Beide haben dieselben Kompetenzen. Ich fürchte die Wahl würde nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen auf den jüngeren fallen: Innovationskraft und Originalität sind meiner Wahrnehmung nach Eigenschaften, die man eher jungen Leuten zutraut (da nehme ich mich selbst nicht raus). Das ist ebenfalls Diskriminierung.

          Ich glaube, es ist wichtig, solche Hinweise ernst zu nehmen und das eigene Verhalten vielleicht ab und an in Frage zu stellen. Ich zumindest werde in Zukunft darauf achten, Senioren nicht als technisch inkompetent zu verurteilen. Es sei denn, sie haben bewiesen, dass sie es sind ;)

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