Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Wirkmechanismus von Resveratrol in Rotweinextrakt aufgeklärt – können wir wirklich 150 Jahre alt werden?


Bochum, 21. März 2013:
Die Kontroverse, ob der in Traubenschalen und in Rotwein vorkommende Naturstoff Resveratrol imstande ist, das Sirtuin-Enzym SIRT1 eigenständig zu aktivieren, konnte jetzt in zwei zeitgleich erschienenen Veröffentlichungen gelöst werden (1, 2). Die Entdeckung hilft, eine lang anhaltende Debatte zu klären, ob Resveratrol und andere Sirtuin-aktivierende Substanzen (STACs) in der Lage sind, Sirtuine direkt zu aktivieren. Sirtuine wirken altersbedingten Krankheiten entgegen und ihre lebensverlängernde Wirkung wurde sowohl bei Fadenwürmern und bei Drosophila als auch bei Säugetierzellen gezeigt (3). Sirtuine wirken oxydativem Stress entgegen und führen entartete Zellen in den Zelltod.

Wissenschaftler der Harvard Universität in Boston um den Genetiker David Sinclair berichteten in der Zeitschrift „Science“ vom 8. März 2013, dass SIRT1 tatsächlich direkt durch Resveratrol und andere STACs aktiviert werden kann, aber nur unter ganz bestimmten Bedingungen. SIRT1 wird über einen allosterischen Mechanismus aktiviert, der chemisch unterschiedlichen STACs gemeinsam ist. “Es gibt in SIRT1 eine kritische Aminosäure, welche die Aktivierung des Proteins durch kleine Moleküle vermittelt – sowohl im Laborversuch als auch im lebenden Organismus“, erklärte David Sinclair. “Diese Aminosäure ist für die Aktivierung von SIRT1 durch jede der 118 von uns getesteten STACs – Resveratrol eingeschlossen – erforderlich“.

Sinclair hat mit seiner Arbeitsgruppe synthetische Versionen von Resveratrol entwickelt und die Rechte dafür an das Pharmaunternehmen GlaxoSmithKline vergeben. Er ist der Meinung, dass diese neuen Wirkstoffe dem Menschen eine Lebensdauer von 150 Jahren verschaffen könnten.

Auch eine Arbeitsgruppe an der Universität Bayreuth unter der Leitung von Prof. Dr. Clemens Steegborn, in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Mike Schutkowski an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, berichtete im Fachmagazin „Aging“, dass Resveratrol das Enzym SIRT1 direkt aktivieren kann. Dabei sind die Art und der Grad der Aktivierung aber von den Strukturen der Proteine abhängig, auf die das SIRT1 einwirkt. Die Forscher testeten mehr als 6.800 verschiedene Fragmente menschlicher Proteine, die eine Acetylgruppe enthalten und sich als „Angriffspunkte“ für Sirtuine eignen. Unter dem Einfluss von Resveratrol griff SIRT1 vergleichsweise wenige Proteinfragmente verstärkt an, um die Acetylgruppen abzuspalten. Es gibt sogar Peptide, auf die SIRT1 deshalb keine desacetylierende Wirkung hat, weil das Resveratrol dies verhindert. Und bei den meisten Proteinfragmenten konnte überhaupt kein nennenswerter Einfluss des Resveratrols auf SIRT1festgestellt werden. „Massenspektrometrische Untersuchungen haben diese überraschenden, mit Peptidarrays erzielten Erkenntnisse bestätigt“, erklärt Steegborn. „Zusammenfassend hat sich die aktivierende Wirkung des Resveratrols als abhängig von der Zielproteinsequenz erwiesen. Die Unterschiede zwischen den über 6.800 getesteten Proteinfragmenten ist in den darin enthaltenen Aminosäuren und deren spezieller Abfolge begründet.“ Steegborn ist zuversichtlich, dass es künftig möglich sein wird, SIRT1 zielgenau so zu aktivieren, dass daraus spezielle Wirkungen auf Stoffwechsel- und Alterungsprozesse in lebenden Organismen resultieren.

Kommentar des Referenten

Bisher war sich die biochemische Forschung uneins, ob Resveratrol imstande ist, SIRT1 zu aktivieren. Hinzu kam vor etwa einem Jahr die Feststellung, dass Dr. Dipak K. Das von der Connecticut Universität Dutzende von Publikationen gefälscht hatte, die eine günstige Wirkung von Resveratrol auf das Herz belegen sollten (4). Die Fälschungen von Dr. Das brachte das Fachgebiet zwar in Misskredit, da aber auch andere Wissenschaftler über die gesundheitsfördernde und lebensverlängernde Wirkung von Resveratrol berichteten, war damit nicht gesagt, dass eine gesundheitsfördernde Wirkung von Resveratrol grundsätzlich in Frage gestellt werden muss. Es fehlten aber Hinweise zum genauen Wirkmechanismus der SIRT1-Aktivierung. In den beiden jetzt veröffentlichten Studien wird zum einen gezeigt, dass der Angriffspunkt zur Aktivierung von SIRT1 durch Resveratrol und durch andere STACs eine einzige Aminosäure im SIRT1-Molekül ist. Ob SIRT1 unter dem Einfluss von Resveratrol eine gesteigerte Aktivität entwickelt, hängt zum anderen auch davon ab, mit welchen Proteinen es in Verbindung gebracht wird. Die Wissenschaftler, die bei früheren Experimenten zu entgegengesetzten Ergebnissen gelangt sind, haben also nicht falsch gemessen, sondern mit unterschiedlichen Zielproteinen gearbeitet. Viertausend synthetische Wirkstoffe hat GlaxoSmithKline mittlerweile dargestellt, die alle 100 mal wirksamer sind als ein Glas Rotwein. Die drei besten dieser Wirkstoffe werden zurzeit in klinischen Studien getestet.

Klaus-D. Döhler

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Literatur

1. B.P. Hubbard et al.: Evidence for a common mechanism of SIRT1 regulation by allosteric activators.
Science, 2013. 339(6124):1216-1219

2. M. Lakshminarasimhan et al.: SIRT1 activation by resveratrol is substrate sequence‐selective. Aging, 2013. 5 (3), Vorveröffentlichung online

3. H.Y. Cohen et al.:Caloric restriction promotes mammalian cell survival by inducing the SIRT1 deacetylase.
Science 2004. 305: 390–392.

4. H. Schatz: Betrugsskandal: Resveratrol aus Rotwein soll das Herz schützen.
DGE-Blog Beitrag vom 2. Februar 2012

Autor:
Prof. Dr. Klaus-D. Döhler
Curatis Pharma GmbH
Karl-Wiechert-Allee 76
30625 Hannover
Tel.: 0511-5458749
Fax: 0511-5458750
Email: Klaus-Doehler@gmx.de

Publiziert am von Prof. Klaus Döhler
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Eine Antwort auf Wirkmechanismus von Resveratrol in Rotweinextrakt aufgeklärt – können wir wirklich 150 Jahre alt werden?

  1. Harro sagt:

    Nicht jeder möchte so alt werden – dazu ein lustiges Video!

    https://www.dropbox.com/s/9w8gdxe72ynb5a9/Arztbesuch.wmv?m

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