Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

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Wie verändert sich die Zeitwahrnehmung im Lebensablauf?


Forschungen im Rahmen des EU-Projekts „ChronoPilot“ 

Graz, 17. August 2026, im Sommerloch ein Blick an den Tellerrand

Während der diesjährigen Sommerurlaubstage in meiner Heimatstadt

Graz erfuhr ich, dass an der dortigen Karl-Franzens-Universität eine Dissertantin der Philosophischen Fakultät über die Zeitwahrnehmung arbeitet, ein mir bis dahin nicht vertrautes Thema. Dieses wird im Rahmen eines   EU-Projekts europaweit, in Deutschland auch in Gießen (1, 2) und Chemnitz (3) erforscht. Von der Grazer Dissertantin sollen die Änderungen in der Zeitwahrnehmung im Lebensablauf von Ärzten, Medizinischem Assistenzpersonal und Patienten sowie die Einflussfaktoren darauf insbesondere nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben in Interviews von Betroffenengruppen erforscht werden.

An der Justus-Liebig- Universität Gießen laufen schon jahrelang Studien im Rahmen von „ChronoPilot“: So publizierten im Jahre 2026 Martin Hebart, Professur für Computorial Cognitive Neuroscience and Quantitative Psychiatry, Katharina Dobs vom Institut für Informatik und als Erstautor L.E. van Dyck, alle von der Universität Gießen, über die Vorgänge im Gehirn im Allgemeinen und bei der Zeitwahrnehmung (1).

Lange hatte man angenommen, dass es im menschlichen Gehirn klar abgegrenzte Spezialgebiete für die Wahrnehmung gibt, etwa für Gesichter, Körper oder Orte. Die Gießener Studie zeigt nun: Diese spezialisierten Regionen sind vielseitiger als bisher angenommen. Sie verarbeiten gleichzeitig mehrere Arten von Bildinformationen, die sich flexibel kombinieren lassen. Man analysierte einen großen Datensatz funktioneller MRT-Aufnahmen zur natürlichen Bildwahrnehmung. Damit lässt sich messen, welche Bereiche des Gehirns aktiv werden, wenn Menschen bestimmte Aufgaben erledigen. In der Studie betrachteten die Versuchspersonen eine große Vielfalt von Alltagsbildern, während ihre Hirnaktivität aufgezeichnet wurde. Man suchte dann nach wiederkehrenden Aktivitätsmustern im Gehirn. Dabei identifizierte man mehrere Dimensionen der Bildverarbeitung, also grundlegende Bildeigenschaften wie das Vorkommen von Personen, Gesichtern oder Händen, oder ob eine Szene drinnen oder draußen spielt. Das Ergebnis lässt sich, wie die Autoren schreiben, mit dem Bild einer Meereslandschaft vergleichen: Bislang sah man vor allem einzelne Inseln aus dem Wasser ragen, die bekannten spezialisierten Regionen des Gehirns. Die neue Studie taucht gleichsam unter die Wasseroberfläche und lässt eine viel komplexere Landschaft erkennen. „Dieselben Dimensionen ziehen sich als zusammenhängende Muster über weite Teile des visuellen Systems und verbinden somit die ‚Inseln‘ miteinander“, sagt Erstautor Leonard van Dyck (1). „Das visuelle System ist offenbar nicht in streng getrennte Bereiche aufgeteilt. Selbst Bereiche, die bisher als hochgradig spezialisiert galten, tragen also vermutlich weit mehr zur Bildverarbeitung bei als nur zu ihrer bevorzugten Kategorie.“

In Weiterführung dieser anatomisch-funktionellen Gehirnstudien im Rahmen des ChronoPilot-Projekts schreibt Prof. Knut Drewing von der „Arbeitsgemeinschaft Haptische und Multisensorische Wahrnehmung“ über die Zeitwahrnehmung (2):  „Während sich im Stau die Sekunden und Minuten wie Kaugummi zu dehnen scheinen, vergehen ausgerechnet die schönsten Momente wie im Flug. Gleichzeitig fühlen Menschen sich gerade im Job oft unter Zeitdruck. Mit der Tatsache, dass wir die Zeit je nach Situation unterschiedlich wahrnehmen, beschäftigt sich …. auch ein Team aus der Wahrnehmungspsychologie der Justus-Liebig-Universität Gießen. Die Forschenden möchten die Zeitwahrnehmung eines Menschen über äußere Messungen erkennen und in die gewünschte Richtung verändern. Erstmalig soll damit die subjektive Zeitwahrnehmung als veränderbarer Faktor in der technologischen Anwendung etabliert werden. 

Dafür stehen eine Vielzahl an Mechanismen zur Verfügung, die in der Wahrnehmungspsychologie bereits bekannt sind: …Musik, Lichtblitze, Vibrationen auf der Haut oder das Betrachten von bewegten Gegenstände …. Solche Sinneseindrücke lassen sich etwa durch Kopfhörer, eine Virtual-Reality-Brille, in Kleidungsstücke integrierte Motoren oder die Betrachtung von beweglichen Robotergruppen künstlich generieren. Mithilfe von Künstlicher Intelligenz könnte es also möglich sein, dass Kleidungstechnologie oder Roboter autonom auf gestresste oder gelangweilte Menschen (etwa im Arbeitsumfeld) reagieren. ……  Im Rahmen des Forschungsprojekts ChronoPilot wird am Standort Gießen unter anderem Kleidung entwickelt, die durch Vibration oder Wärme Mechanismen der Zeitwahrnehmung anspricht, ohne dass das Sehen oder Hören gestört wird. Getestet wird in dem Projekt auch, wie Roboter sich in ihren Bewegungen anpassen können, wenn sie mittels Künstlicher Intelligenz (KI) feststellen, dass menschliche Kolleginnen oder Kollegen wahlweise gestresst oder gelangweilt sind. Die Roboter, die in Konstanz entwickelt werden, waren kürzlich für Experimente „zu Besuch“ an der Gießener Universität. Die bisherigen wahrnehmungspsychologischen Experimente legen nahe, dass die menschliche Zeitwahrnehmung tatsächlich mit der Hilfe von Sinneseindrücken verändert werden kann“ (2).

Das Ergebnis der Untersuchungen der Dissertantin in Graz zur Zeitwahrnehmung von Menschen im medizinischen Bereich wird für uns Ärzte gewiss interessant sein. Der Referent (H.S.) durchlebte selbst sehr unterschiedliche Tätigkeitsbereiche, von einem Bauingenieur- und Architekturstudium an der Technischen Hochschule Graz bis zur Klinikdirektion an der Ruhr-Universität Bochum, und nach der Pensionierung noch Sprechstunden in einer Privatpraxis. Dies hatte gewiss auch Einfluss auf seine Zeitwahrnehmung.

Helmut Schatz

Literatur:

(1) Van Dyck, L.E., Hebart, M.N., Dobs, K., 2026: Multidimensional feature tuning in category-selective areas of human visual cortex.
Journal of Neuroscience. https://doi.org/10.1523/(JNEUROSCI.0038-262026

(2) Knut Drewing: Die Geschwindigkeit der Zeit verändern.
https://www.chronopilot.eu/ – Projekt homepage

(3) Matthias Fejes: Warum die Zeit manchmal schleicht und manchmal rast. Pressestelle der Crossmedia-Redaktion. 2026.
Technische Universität Chemnitz https://www.tu-chemnitz.de/tu/pressestelle/aktuell/8926

Posted on by Prof. Helmut Schatz
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