Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Zum Jahreswechsel


Bochum, Silvester und Neujahr 2020/21

Das Jahr 2020 war geprägt von der Corona-Pandemie. Unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel bezeichnete diese als die größte Katastrophe seit dem Zusammenbruch 1945, größer als alle Finanz-,  Flüchtlings- oder politischen Krisen der letzten Jahrzehnte. Die Welt erkennt jetzt, dass es noch Wichtigeres als das gibt.  Die Gesundheit ist wohl eines der, oder das höchste Gut,  sowohl die körperliche als auch die psychische. Und da sehen wir Ärzte uns gefordert und stehen mit an vorderster Front.

Der Verein Deutsche Sprache (VDS), ein „Weltweites Netz der Deutschen Sprache“,  kürt seit 2010 stets die „Schlagzeile des Jahres“ in Presseorganen. Im Jahre 2020 fielen von sehr zahlreichen Bewerbungen Platz 1 und 2 auf  Titel, die sich – verständlicherweise – mit COVID-19,  der Corona-Pandemie befassten. Der 3. Platz wurde für ein Gender-Thema vergeben.

Platz 1
Forschung und Leere

Diese Schlagzeile wählte die Funke-Mediengruppe für einen Bericht über die aktuelle Hochschulsituation. Sie erschien erstmals in der Westfälischen Rundschau vom 22. 4. 2020, später auch in anderen ihrer Zeitungen wie der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (siehe Abbildung). Der Bericht handelte von den leeren Hörsälen und den Schwierigkeiten des digitalen Unterrichts. In der Universitätsmedizin haben wir freilich drei Komponenten: über die Forschung und Lehre hinaus die Krankenversorgung. Und da gab es weiß Gott keine Leere in unseren Kliniken und Krankenhäusern!

Platz 2
Oberammer GAU
(Augsburger Allgemeine vom 20. März 2020)

Corona-bedingt wurden die Oberammergauer Passionsspiele verschoben. Der in der Schlagzeile angesprochene GAU, der „Grösste Anzunehmende Unfall“,  bezog sich auf die Passionsspiele. Über die lokale Situation hinaus mag man einen GAU auch für die zwei Komponenten der religiösen Aufführungen sehen: für die Kirchen mit nur dünn zu besetzenden Bankreihen  und für die Einkünfte professioneller Künstler.

Platz 3
Krieg der Sterne
(Wiener Zeitung vom 14. Januar 2020)

Thema war das Gendern mit den Gender-Sternchen an der Universität Wien.

In Deutschland wird dieses Sternchen von der Gesellschaft für Deutsche Sprache auch empfohlen (Professor*innen); der Großbuchstabe im Wortinneren (ProfessorInnnen ), der Schrägstrich (Professor/innen), der Gender-Gap (Professor_innen oder der Doppelpunkt (Professor:innen)  finden aber auch Gebrauch. Und den Vogel schien die Universität Leipzig 2011 abgeschossen zu haben: Breit wurde in der Allgemeinpresse berichtet – Anfragen dazu kamen auch aus Russland und Vietnam -, dass in einer Neufassung ihrer Grundordnung weibliche Bezeichnungen zu gebrauchen seien. Das würde bedeuten, der Referent wäre  der „Herr Professorin Schatz“. In einer Fußnote dazu  hieß es jedoch: „In dieser Ordnung gelten grammatisch feminine Personenbezeichnungen gleichermaßen für Personen männlichen und weiblichen Geschlechts. Männer können die Amts- und Funktionsbezeichnungen dieser Ordnung in grammatikalisch maskuliner Form führen“.

Dazu ein Silvesterscherz:

Die geschlechtsneutrale Sprache bleibt ein sensibles Thema. Dies gilt auch, von vielen in Deutschland kaum so wahrgenommen, für ein Lied, dass wir zu Weihnachten singen, für „Stille Nacht, heilige Nacht“.  Würde der Dichter Josef Mohr nicht aus Salzburg, sondern etwa aus Hamburg oder Berlin stammen, könnte es sein, dass wir singen würden:

Stille Nacht, heilige Nacht
alles schläft, einsam wacht
nur das traute, hochheilige Paar
holder Junge im lockigen Haar
schlafe in himmlischer Ruh
schlafe in himmlischer Ruh !

Das Jesuskind war doch männlichen Geschlechts!  Männliche Babys und Kinder werden also  in Bayern und Österreich gendergerecht als Bub oder Knabe bezeichnet, in nördlicheren Regionen Deutschlands jedoch  als Junge. Sind denn weibliche Babys und kleine Mädchen nicht auch junge Menschen?  Falls der Text so lauten würde, so müsste man, dem heutigen Zeitgeist entsprechend,  solch ein „nördlichen“ Stille-Nacht – Lied gendergerecht ändern. Der österreichischen Ministerin Rauch-Kallat ist es ja auch schon vor über zwei Jahrzehnten gelungen, den Text der österreichischen Bundeshymne, der von der renommierten Lyrikerin Paula von Preradovic stammt, umzuformulieren. Jetzt singt man in Österreich nicht mehr „…Heimat bist Du großer Söhne, Volk begnadet für das Schöne…, sondern „…Heimat großer Töchter, Söhne…“

Ein Prosit Neujahr !
(Zu Silvester darf man ja wohl einen Sektkorken  knallen lassen)

Helmut Schatz

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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4 Antworten auf Zum Jahreswechsel

  1. Helmut Schatz sagt:

    Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) hat „Corona-Pandemie“ zum Wort des Jahres 2020 gekürt. Die Jury gab folgende Begründung: „Der Begriff steht sprachlich nicht nur für die schwerste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg, sondern auch für eine Vielzahl neuer Wortbildungen. Platz zwei: Lock-down, Platz drei: Verschwörungserzählung“.

  2. Jörg Gromoll sagt:

    Lieber Helmut,

    Vielen Dank für Deine Gedanken zum Jahreswechsel und den jährlichn Ausführungen zu den nich-christlichen Religionen. Schön dass es Menschen wie Dich gibt, die über den Tellerand hinwegblicken und eine Einordung der alltäglichen Problem in einem anderen Licht erscheinen lassen.

    Alles Gute für Dich und ich bin aquf die Blogs 2021 gespannt.

  3. Helmut Schatz sagt:

    Danke, lieber Jörg, für Dein „Alt-Präsidiales“ Lob! Morgen oder übermorgen soll ein „heisser“ Blog über Corona und die praktische Medizin „vor Ort“ kommen. Herzlich Helmut.

  4. Helmut Schatz sagt:

    „Corona-Diktatur“ und „Rückführungspatenschaften“ sind die zwei von der Jury der Sprachkritischen Aktion in Darmstadt gekürten „Unwörter des Jahres“ 2020. Selbst ernannte Querdenker und Propagandisten gebrauchten das erste, um regierungspolitische Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie zu diskreditieren. Mit dem zweiten, eher selten gebrauchten Unwort sei zynisch ein neuer Mechanismus der der EU-Migrationspolitik bezeichnet worden.

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