Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Anatomie ohne Klinik ist tot. Klinik ohne Anatomie ist tödlich!


Die Körperspende an anatomische Institute – einst und jetzt

Graz, 22. Juli 2017, im Sommerloch ein „Blick über den Tellerrand“:

Vor einigen Tagen besuchte ich in meiner Heimat- und Studentenstadt Graz das neugebaute vorklinische Institutsgebäude, in welchem auch die Anatomie untergebracht ist. Im Unterschied zum vorherigen Gebäude, in welchem sich auch die Anatomie von Prof. Anton Hafferl befand, dessen Werk „Topographische Anatomie“ jahrzehntelang  das Standard-Lehrbuch im deutschsprachigen Raum war, nimmt die Anatomie darin jetzt einen viel kleineren Raum ein. Über dem Eingang steht der wohl allen Medizinern – und auch manchen ihrer Kritiker! – bekannte Spruch des Heidelberger Anatomen und Physiologen Friedrich Tiedemann (1781-1861):

„Ärzte ohne Anatomie sind Maulwürfen gleich: sie arbeiten im Dunkeln und ihrer Hände Tagewerk sind Erdhügel“.

Viel weniger Ärzten dürfte hingegen der Ausspruch eines Anatomen des 20. Jahrhunderts bekannt sein, den man beim Verlassen des Instituts über der Tür lesen kann:

„Anatomie ohne Klinik ist tot. Klinik ohne Anatomie ist tödlich“.

Er stammt von Werner Platzer, einem gebürtigen Steirer aus Frauenthal, der nach einer Zeit  am Wiener Institut den seit 1968 freien Lehrstuhl für Anatomie in Innsbruck übernahm und bis 1998 innehatte. Werner Platzer  begründete 1975  den „Taschenatlas der Anatomie“, dessen einzelne Bände bis heute in vielen Auflagen in 16 Sprachen erschienen sind. Er war auch  bei der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Gletschermumie „Ötzi“ beteiligt. Dass Klinik ohne Anatomie tödlich sei, bezieht sich wohl in erster Linie auf die chirurgischen Fächer, wenn auch für die konservativen Disziplinen anatomische Kenntnisse nötig sind.

Nach Werner Platzer übernahm  erstmals eine Frau,  Helga Fritsch die Innsbrucker Anatomie, die 2013 als Rektorin der vor einiger Zeit gegründeten Medizinischen Universität Innsbruck inauguriert wurde. Helga Fritsch ist übrigens die Ehefrau unseres DGE-Mitglieds Harald Klein, welcher der Nachfolger des Referenten an der Bochumer Klinik ist.

Die Universität Innsbruck wurde 1672 von Kaiser Leopold I. gegründet. Bald wurde das weithin bekannte anatomische Museum Innsbruck etabliert. Am wichtigsten für den Unterricht in Anatomie waren und sind die Körper Verstorbener. Im 17. Jahrhundert war es unbekannt, seinen eigenen Körper einer Universität für Ausbildungs- und wissenschaftliche Zwecke zu vermachen. Auch wurde das Sezieren von Leichen oder Teilen davon weithin als gottlos empfunden. Die einzige Möglichkeit für einen Anatomen, an Leichen zu gelangen war es, über den Scharfrichter die Leichen Hingerichteter zu erhalten, die sonst verbrannt wurden. So richtete die Medizinische Fakultät an Herzog Karl von Lothringen, den damaligen Gubernator von Tirol folgendes Bittschreiben:  „Wann nun aber die allhiesige Facultas medica um Überlassung des Subjektes zur Anatomie und zur Herstellung eines Skelettes gehorsamst gebeten, so wollen hochgnädige fürstliche Durchlaucht auf das Gesuch und einige zugunsten des Verurteilten eingelaufene Interventionen die Strafe der Combustion (Verbrennung) aus herzoglichen Gnaden nachsehen und den Corpus nach vollbrachter Decollation (Enthauptung) erwähnter Fakultät zum erbetenen Zweck ausfolgen lassen“ (1).

Heute ist dies einfacher: Auf der Homepage etwa der Medizinischen Universität Innsbruck (1) kann man sogar über das Internet seinen Leichnam zur Verfügung stellen. Man klickt „Letztwillige Verfügung/Körperspende“ an,  füllt die erforderlichen Rubriken auf dem Antragsformular aus und schickt dieses unterschrieben an das Sekretariat des Innsbrucker Instituts für Anatomie. Auch an  anderen medizinischen Fakultäten kann man den Instituten seine Leiche vermachen. Übrigens bekam der „Plastinator“ Gunther von Hagens für seine „Körperwelten“ ein Überangebot an Körpern.

Helmut Schatz

Literatur

Sektion für klinisch-funktionelle Anatomie der Medizinischen Universität Innsbruck: anatomie-innsbruck.at

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Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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