Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Bitte beachten Sie den Haftungsausschluss für medizinische Themen.

Primärer Hyperaldosteronismus – Schneller Weg zur Diagnose: der Aldosteron/Renin-Quotient


München, 27. März 2019:

Häufig bekommt man zu hören: „Ich würde ja gerne meine Patienten auf Conn-Syndrom untersuchen, aber die Leitlinien empfehlen ein Absetzen/eine Umstellung der Blutdruckmedikamente: das kann ich meinen Patienten nicht zumuten!“, oder „Jetzt screene ich schon jahrelang, habe aber noch nie einen Patienten mit Conn-Syndrom gefunden!“. Stimmt das?

Die häufigste heilbare Form des Bluthochdrucks ist der primärer Hyperaldosteronismus (Conn-Syndrom). 6% der Hypertoniker in der Allgemeinarztpraxis, 12% der Hypertoniker beim Facharzt, 20% der therapieresistenten Hypertoniker und 40% der hypokaliämischen Hypertoniker haben ein Conn-Syndrom (1). Für Deutschland gehen Hochrechnungen von bis zu 1.8 Millionen Betroffenen aus. Davon haben 400.000 eine einseitige Erkrankung, die durch Schlüssellochchirurgie heilbar ist. Aber nur etwa 1.000 Patienten werden pro Jahr in Deutschland diagnostiziert. Patienten mit Conn-Syndrom haben häufig einen schlecht mit konventionellen Blutdruckmitteln behandelbaren Bluthochdruck und weisen häufig schwerwiegende Ko-Morbiditäten wie Vorhofflimmern, Herzinsuffizienz, Myokardinfarkt, Schlaganfall oder Niereninsuffizienz auf. Diese Komplikationen sind beim Conn-Syndrom wesentlich häufiger als bei essentiellen Blutdruckkranken. Auch die Lebensqualität ist deutlich reduziert, Ängstlichkeit und Depressivität sind stark verbreitet.

Die Endocrine Society Practice Guideline 2016 empfiehlt ein Screening bei einer erhöhten Prä-Testwahrscheinlichkeit für ein Conn-Syndrom. Patienten mit erhöhter Prä-Testwahrscheinlichkeit sind u.a.:

– hypokaliämische Hypertonie

– therapieresistente Hypertonie

– Nebennierenzufallstumor

– Obstruktive Schlafapnoe

– Grad 2 und Grad 3 Hypertonie

Nach einer 2017 publizierten Erhebung in Italien und Deutschland werden nur etwa 7% der at-risk-Hypertoniker auf ein Conn-Syndrom gescreent (2). Wie ist diese Diskrepanz zwischen hoher Prävalenz und niedriger Diagnoserate zu erklären? Hier spielt wohl die weiterhin unzureichende Bekanntheit des Krankheitsbildes eine relevante Rolle. Aber auch die diagnostischen Hürden werden als gravierend  wahrgenommen und dürften in der klinischen Praxis einen wesentlichen Faktor darstellen.

Eine aktuelle Übersichtsarbeit von Schilbach, Junnila und Bidlingmaier (3) in der Zeitschrift Experimental and Clinical Endocrinology and Diabetes beschäftigt sich mit den Fakten zum Screening mittels des Aldosteron/Renin-Quotienten (ARQ). Dem zufolge handelt sich um einen überaus sensitiven Hormontest. Die Autoren gehen in ihrem bemerkenswert vollständigen Artikel auf relevante Aspekte der Physiologie des ARQ, seine biologische Variabilität und seine analytische Präzision ein. Hierzu zählen auch die mannigfaltigen Einflüsse von Blutdruckmedikamenten. Wenig bekannt ist hierbei, dass diese Störeinflüsse zwar die Test-Spezifität beeinflussen, aber nicht die Test-Sensitivität. Dementsprechend gibt es falsch-positive, aber kaum falsch-negative Testergebnisse.

Dies bedeutet, auf die obigen Zitate zurückkommend: Patienten mit erhöhter Prä-Testwahrscheinlichkeit (s.o.) sollten auf ein Conn-Syndrom gescreent werden. Falls Betablocker, Thiaziddiuretika, ACE-Hemmer oder Angiotensin-Rezeptor-Blocker nicht abgesetzt werden können, kann das Screening auch ohne Medikamentenumstellung erfolgen. Wenn der ARQ auch unter Fortführung dieser hypotensiven Therapie  pathologisch ist und das Plasma-Aldosteron im oberen Normbereich liegt, ist ein Conn-Syndrom so wahrscheinlich, dass die nächsten Schritte zur Diagnose (Bestätigungstest, Subtypdifferenzierung) direkt eingeleitet werden können.  (Ausnahme: Schleifendiuretika könnten  problematisch sein,  da sie eine starke Reninstimulation auslösen können).

Was aber ist mit dem jahrelangen erfolglosen Screenen auf Conn-Syndrom, wie ist dies zu erklären? Auch hierzu geben Schilbach et al. wichtige Antworten (3): den betroffenen ärztlichen  Kolleginnen und Kollegen ist eine sorgfältige Überprüfung der Cut-offs der verwendeten Assays zu empfehlen. Es gibt eine Reihe von diagnostischen Stolpersteinen, die zu falsch-negativen Werten führen können. An erster Stelle ist an falsche Cut-offs zu denken, die sich im Labor aus fehlerhaften Annahmen bei der Berechnung des Quotienten ergeben. Die Aldosteronkonzentrationen können z.B. in pg/ml, ng/dl, pmol/L oder nmol/L angegeben werden, Renin kann als Aktivität oder Konzentration gemessen werden. Je nach Kombination ergeben sich sehr unterschiedliche Cut-offs des ARQ mit unterschiedlichen Einheiten. Ist der Cut-off fehlerhaft zu hoch angesetzt, nimmt die eigentlich hohe Sensitivität des ARQs dramatisch ab. Deshalb gilt: Sorgfältige Überprüfung der Einheiten und Umrechnungsfaktoren ist  erste Endokrinologen-Pflicht!

Publiziert am von Prof. Martin Reincke
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , verschlagwortet. Permalink.

14 Antworten auf Primärer Hyperaldosteronismus – Schneller Weg zur Diagnose: der Aldosteron/Renin-Quotient

  1. Dr.Ingrid Gierth-Groneberg sagt:

    Sehr geehrter Herr Professor Reinke, seit 30 Jahren morgens 200/100 RR beim Aufwachen,seit Mai 2018 eplerenon, danach besser,
    aber weiter Hochdruck Spitzen tagsüber.
    Bisher kein Labortest trotz Verdacht auf conn-syndrom.
    Bin 86 Jahre, HNO- Ärztin und nehme eplerenon 25 mg 2-0 -0,Atacand 16mg 1-1-0,Pradaxa 110mg 1-0-1bei Vorhofflimmern ,Metropolol retard 0-0-1wegen AV Blocks 1. Grades,Nifedipin T. b.Bedarf.
    Nach schweren Stürzen und Angst vor Apoplex bin ich sehr beeinträchtigt psychisch und geh unsicher
    Vielen Dank und freundliche Grüße! Ingrid Gierth-Groneberg

  2. Prof. Martin Reincke sagt:

    Sehr geehrte Frau Dr. Gierth-Gronenberg, da Eplerenon eine kurze Halbwertszeit hat, muss es 2 oder 3 mal täglich genommen werden bei Conn-Syndrom, also z.B. 25 -0 – 0 – 25 mg oder 25 -25 – 0 – 25 mg.

    Dann haben Sie hoffentlich auch morgens bessere RR-Werte.

    Spirnolakton hat eine lange Halbwertszeit und ist deshalb bei stark schwankenden RR Werten häufig sehr hilfreich. Ist auch laut ESH Leitlinien 2018 Medikament der Wahl bei therapieresistenter Hypertonie, wenn eine 3er-Kombination von ACE Hemmer, Calcium-AG und Diuretikum allein nicht hilfreich ist.
    Mit freundlichen Grüßen Ihr Martin Reincke

  3. Miriam sagt:

    Ich habe einen Quotienten von 15, cut off in meinem Labor 11,5. Ist dies als Hyperaldosterinismus zu werten?

    Mit freundlichen Grüßen

  4. Prof. Martin Reincke sagt:

    Sehr geehrte Fragerin,

    ein positiver Screeningtest ist ein erster Hinweis auf das Vorliegen eines Conn-Syndroms.

    Allerdings muss die Blutdruckmedikation und andere Medikamente (zB ‚Pille‘, Hormontherapie) bei der Bewertung berücksichtigt werden. Dies müssen Sie mit Ihrer behandelnden Ärztin/Arzt besprechen.

    Mit freundlichen Grüßen Ihr M. Reincke

  5. Christina sagt:

    Sehr geehrter Herr Professor Reinke,

    ich, 38 Jahre und weiblich, habe einen sehr schwer einstellbaren Blutdruck, seit ich Anfang dreißig bin. Die Ärzte haben bisher immer nur die Tablettendosis erhöht, was zu starken Nebenwirkungen geführt hat. Zuletzt war ich auf 10mg Ramipril und 20mg Lercanidipin und sollte noch Indapamid dazunehmen, was ich aber gar nicht mehr vertragen habe. Ich war so schlapp und müde und kurzatmig das ich keinen Sport mehr machen konnte und in einem halben Jahr 15 kg zugenommen habe. Vorher hatte ich Normalgewicht.

    Nun wurde ich endlich zum Hochdruckspezialisten überwiesen und mein Hausarzt hat mir noch den ARQ abgenommen. Auf dem Laborblatt ist ein Quotient von 37,5 ausgewiesen neben dem Hinweis, dass ab einem Wert von 20 der Verdacht auf PHA im Raum steht, was weiter untersucht werden sollte. Mein neuer Arzt allerdings weigert sich bisher mit dem Hinweis, das Conn-Syndrom sei sehr selten. Was für Argumente kann ich hier noch anbringen?
    Beste Grüße
    C…

  6. Martin Reincke sagt:

    Sehr geehrte Fragerin,
    der Quotient ist erhöht, und damit besteht ein Anfangsverdacht auf einen primären Hyperaldosteronismus (PA), den man auch abklären sollte.
    Das Conn-Syndrom ist häufig (2 Mio Patienten in Deutschland) und zumeist nicht diagnostiziert. Nach Schätzungen wird nur 1 Promille aller Conn-Patienten /Jahr diagnostiziert. Wenn wir so weiter machen, könnte es also bis zu 1000 Jahre dauern, bis alle Patienten, welche aktuell ein Conn-Syndrom haben, auch diagnostiziert wurden.

    Pragmatisch kann man auch so vorgehen, bei erhöhtem Quotienten Spironolakton 25-50 mg einzunehmen. Das senkt bei Conn-Syndrom sehr erfolgreich und nebenwirkungsarm den Blutdruck.

    MFG Ihr Martin Reincke

  7. Christina sagt:

    Sehr geehrter Herr Reincke,

    vielen Dank für diese schnelle Antwort. Das motiviert mich sehr, bei der Diagnosestellung am Ball zu bleiben und nicht nachzulassen. Vielen Dank dafür!

    Beste Grüße
    C.

  8. Andrea sagt:

    Sehr geehrter Herr Prof. Reincke,
    bei mir wurde zum ersten Mal der ARQ im Jahr 2019 überprüft, da sich damals wiederkehrende Bluthochdruckkrisen abzeichneten. Zu diesem Zeitpunkt lag der Wert bei 23,5 (mit Soll bei 20). Ein Jahr später lag der Wert bereits bei 60. Seit Dezember 2020 nehme ich Aldactone 25 und Ebrantil 30 morgens und bei Spitzen – die leider immer noch auftreten.
    Nun sollte ein anderer operativer Eingriff bei mir vorgenommen werden – diese lehnte die Anästhesisten aber mit der Begründung ab, dass erst die Ursache der Blutdruckkrisen geklärt werden solle. Weder MRT noch CT haben Ergebnisse gebracht, bis auf eine kleine Zyste an der Niere links.
    Was kann ich machen, um die Ursache rauszufinden. Zwei Endokrinologen haben mir gesagt es sei bei mir alles ok. Nur mein Hausarzt kam damals auf die Idee, den ARQ abzuklären.
    Ich habe die DKD in Wiesbaden angeschrieben. Gibt es sonst noch eine Möglichkeit?

    Vielen Dank vorab.

    MfG Andrea

  9. Hallo, ich bin 38 Jahre alt und habe einen neu aufgefallen Hypertonus mit 160/95 – 210/120 Werten, bisher ohne Therapie.
    Mein Arq ist 51,7 bei einem Termin von nur 1,1 und einem Aldosteron von nur 5,7 ( nach Anruf im Labor konnte ein Rechenfehler ausgeschlossen werden, das Aldosteron müsste ×10 genommen werden).
    Ist Hier vielleicht ein Messfehler schuld? Warum sollte Tenin unterdrückt sein bei so niedrig normalem Aldosteronwert?
    Ich nehme Venlafaxin 75mg, Hyrimoz, Ibuprofen (400b.B, Pregabalin wegen neu aufgetretenen Polyneuropathie, Pantozol, bis zur Hormonabnahme noch Leflunomid 15mg).
    Und habe unregelmäßig Ostrogengel genutzt.
    Sollte die Messung wiederholt oder der Quotient ernst genommen und ein Bestätigungstest gemacht werden?

    Vielen Dank für Ihren Rat
    Mit freundlichen Grüßen
    J.H.

  10. P.s., Cut off in dem Labor war 19

  11. Martin Reincke sagt:

    Sehr geehrte Frau Hodzic,

    am wahrscheinlichsten ist ein Niedrig-Renin-Bluthochdruck, eine Sonderform des Salz-sensitiven Bluthochdrucks.

    Aber es ist sehr schwierig, Laborwerte zu kommentieren, ohne das die Einheiten, der jeweilige Assay und die dazu gehörende Präanalytik (z.B. Serum-Kalium, Blutdruckmedikamente, Hormontherapie, Tageszeit/Körperposition) bekannt sind.

    Mit freundlichen Grüßen Ihr M. Reincke

  12. Hallo, Herr Reinecke,

    Der Quotient würde nun nocals bestimmt.
    Diesmal lag das Aldosteron bei über 200, das Rein weiter bei 1,1, der Quotient in einem anderen Labor nun also auch stark erhöht bei 189.
    Ich habe jetzt niedrig dosiert mit Alda tone angefangen und hoffe, es wird helfen. Habe übrigens auch eine Mixed Fiber Polyneuropathie und Gelenkschmerzen.
    Kann das irgendwie zusammenhängen?

  13. Achso: bisher habe ich keine Antihypertensives genommen und eine Therapie mit Östrogen über 2 Wochen pausiert, die Abnahme ist im Sitzen mit vorheriger Ruhe ohne Anstrengung in den Morgenstunden abgenommen.

    Mfg

  14. Martin Reincke sagt:

    Sehr geehrte Frau Hodzic, ich denke, Sie haben mit diesem pathologischen ARR gute Gründe, sich einem Zentrum zur weiteren Abklärung (z.B. Bestätigungstest) vorzustellen, da sollte auch die fachärztlich-endokrinologische Beratung erfolgen. Ich hoffe, dies hilft Ihnen weiter.
    Mit freundlichen Grüßen Ihr Martin. Reincke

Bitte kommentieren Sie diesen Beitrag!

- Kommentare sind auf 1000 Zeichen beschränkt. Bei Umgehen dieser Regelung durch mehrere aufeinanderfolgende Kommentare werden diese gelöscht.
- Wir schätzen eine wissenschaftlich-sachliche Diskussion.
- Bei erbetenen 'Fernberatungen' hat der Leser zu entscheiden, inwieweit er seine persönlichen Daten öffentlich bekanntgeben möchte (Datenschutz!)

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

 Verbleibende Zeichenanzahl

Mit dem Absenden des Formulars erklären Sie sich mit der Verarbeitung der übermittelten Daten einverstanden. Details hierzu finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.