Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Die digitalisierte Medizin im Buch „App vom Arzt“


– Rezension eines KIinikers und niedergelassenen Arztes –

Bochum, 3. Oktober 2016:

Die rasante Entwicklung der digitalisierten Medizin von Klinik- und Praxisinformationssystemen über die Gesundheitskarte zu Telemedizin und Mobile Health bis hin zu Sensorik, Robotik und „Big Data“ war ein Hauptthema, welches Prof. Gerd Hasenfuß, Göttingen als Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin in seinem Vortrag während des 122. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin in Mannheim im April 2016 behandelte (1). Er stellte die schon bestehenden Einrichtungen und zukünftigen Entwicklungen einschliesslich der Datenschutzproblematik sehr ausgewogen aus der Sicht eines täglich am Patienten tätigen Klinikers dar. Er wies darauf hin, dass „Apple, Google und die sozialen Netzwerke den Gesundheitsmarkt entdeckt haben und weitreichenden Einfluss auf die Medizin nehmen werden“. Er sagte: „Wir Ärzte müssen die digitale Medizin mitgestalten, um das große Potenzial dieser Entwicklung aus fachlicher Sicht für den Patienten nutzbar zu machen und Schaden durch fehlendes medizinisches Sachwissen zu verhindern“.

Jetzt erscheint das Büchlein von 137 Seiten Umfang  „App vom Arzt“, verfasst von einem Politiker und zwei weiteren Autoren,  die beide in Unternehmen auf dem Gesundheitsmarkt tätig sind (2). Ursprünglich hatten sie Medizin und betriebswirtschaftliche Fächer studiert und waren auch anfangs klinisch tätig. Das Buch wendet sich an  Patienten und  die Gesamtbevölkerung, ist allgemeinverständlich geschrieben und gibt einen faszinierenden Über- und Ausblick auf das weite und vielschichtige Gebiet der digitalisierten Medizin. Der Referent hat daraus manches gelernt, was er vorher im Detail nicht so genau gewusst oder auch nicht gekannt hatte.

Das Buch  stellt die Thematik aus der Sicht des Gesundheitsmarktes dar. Es beginnt mit einer –berechtigten – Schelte für  die Kollegen, die  mit „abstrusen Argumenten“ versuchen würden, den Patienten Einblick in die Krankenakte zu verwehren, aber auch Kritik an den Patienten, die zu den „Bremsern“ einer Gesundheitskarte gehören (3). Eine Armada von Patientenorganisationen „blase munter in das Horn des drohenden gläsernen Patienten“. Die „Halbgötter in Weiss“ hätten „Angst, die alleinige Herrschaft über Diagnosen, Krankheitsverläufe und Medikationspläne zu verlieren“. Abgesehen davon, dass ab 1. 10. 2016  Ärzte auf Verlangen der Patienten, also in einer durchaus vernünftigen Form, Medikationspläne zu erstellen und auszuhändigen haben, gewinnt man den Eindruck, dass die „Halbgötter in Weiss“ durch einen neuen Allmächtigen,  den „Gott der digitalen Medizin mit seinen Big Data“ ersetzt werden sollen. Das Berufsbild des Arztes wird sich freilich grundlegend ändern müssen. Der Arzt muss sich, wie es Gerd Hasenfuß ausführte, in heute noch kaum vorstellbaren Maße mit der digitalen Medizin auseinanderzusetzen, einschliesslich der heute schon breit verwendeten Apps. Diese sind jedoch, wie fast alles im Internet, von sehr unterschiedlicher Qualität und Brauchbarkeit. Als „offline-Arzt“  – so wird er  im Buch bezeichnet –  dürfte er schwerlich durch einen Kollegen nur mit „online-Sprechstunden“ ersetzbar sein. Es wird vorgeschlagen, dass deutsche Patienten einen Spezialisten online etwa in Australien  konsultieren sollen. Der Referent hat sich selbst vor einigen Jahren das Röntgenbild des frakturierten Schultergelenks seiner mit dem Rad gestürzten, in Australien famulierenden Tochter mailen lassen, es mit seinem damaligen Bochumer Unfallchirurgen, Professor Gert Muhr besprochen und dessen Meinung wenige Minuten später zurückgemailt.  Das geht in der Unfallchirurgie also sehr gut, weniger oder gar nicht bei komplexeren internistischen Krankheitsbildern.  Und die Medizin wird nicht auf der ganzen Welt gleichzuschalten sein, weder in der Diagnostik noch in der Therapie, trotz aller Clouds mit den Daten von vielen Millionen Menschen. Im Abschnitt über die personalisierte Medizin  wird auf die Fortschritte in der genetischen Analytik eingegangen. Ethnien und unterschiedliche Umweltbedingungen sind aber auch zu berücksichtigen und Epigenetik wird eine Rolle spielen. Ob das alles etwa der Super-Computer „Dr. Watson“ von IBM (4) schaffen wird?  Die Datensicherheit EU- oder gar weltweit sicherzustellen wird sich nicht realisieren lassen. Ob das für  „hochgesicherte private Gesundheits-Clouds“  von einzelnen Patienten wirklich garantiert werden kann (4,5)?

Auf den Menschen  als  Persönlichkeit mit seiner Psyche geht das Kapitel „Das virtuelle Sprechzimmer wird eingerichtet“ ein. So wie die Dampfmaschine gegen den Menschen gewonnen habe, werde auch der Computer gewinnen, wenn es um Diagnostik und Therapie geht. Dies wird wohl zutreffen. Dann steht aber der für uns heutige Ärzte so wichtige Passus: „Wenn es aber um das hohe Gut des Vertrauens, der Empathie und der Menschlichkeit geht, wird der Mensch gewinnen. Ein Mensch wird dem Patienten eine für ihn schreckliche, lebensverändernde Botschaft natürlich viel einfühlsamer übermitteln als jede Maschine, und danach auch die Begleitung auf dem Weg durch die Behandlung und im schlimmsten Fall bis zum Abschied besser übernehmen als das beste Expertensystem der Welt“. Diesem Satz wird jeder Arzt voll zustimmen. Anschliessend stellen die Autoren aber die Frage, „ob dieser Mensch ein Arzt sein muss. Wer weiss, was Krankenschwestern,  Krankenpfleger,  Seelsorger heute bereits leisten, wird diesen sicherlich zutrauen, auch hier die Wünsche eines Patienten zu erfüllen“.

Bleiben dann nur noch  „Dr. Watson“,  virtuelle Ärzte und für die Empathie Assistenzpersonen und Seelsorger ? Schöne Neue Welt !

Helmut Schatz

Literatur:

(1) Gerd Hasenfuß: Einladung des Vorsitzenden der DGIM 2017/16. Programmheft des 122. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin e.V., 9.-12. April 2016, Seite 8-9.

(2) Jens Span, Markus Müschenich, Jörg F. Debatin: App vom Arzt. Besssere Gesundheit durch digitale Medizin. Freiburg im Breisgau, Verlag Herder 2016

(3) Helmut Schatz: Ärztliche Schweigepflicht, Gesundheitskarte und Edward Snowden.
DGE-Blogbeitrag vom 22. Juli 2013

(4) Helmut Schatz: Soll ‚Dr. Watson‘, der Super-Diagnosecomputer von IBM, unser Kollege werden?
DGE-Blogbeitrag vom 27. März 2014

(5) Helmut Schatz: Patientendaten: Keine Handelsware.
DGE-Blogbeitrag vom 24. August 2013

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Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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7 Antworten auf Die digitalisierte Medizin im Buch „App vom Arzt“

  1. Medicus sagt:

    Eines sollten die Ärzte beherzigen oder sich zumindest bemühen: in entscheidenden Lebenssituationen, aber auch sonst im Umgang mit Partienten mehr Empathie zu zeigen. Ist diese auch eine persöliche Eigenschaft und im Grunde nicht „erlernbar“, so sollte man dennoch den Patienten negativen Botschaften nicht sachlich-nüchtern „wie ein Computer“ mitzuteilen. Leider erlebt man solch ein (un-)ärztliches Verhalten immer wieder.

  2. Franzi sagt:

    Dr. Watson wird die menschliche Zuwendung mit Gestik, Mimik und den so wichtigen Hautkontakt in existentiellen Krisen auch zukünftig nicht ersetzen können. Ärzte lernen heute, bei lebensbedrohlichen Erkrankungen, Patienten/Patientinnen individuell dosiert an die Wahrheit heranzuführen. Auch die Pflegepersonen und Sellsorger werden dahingehend geschult.
    Der Mensch ist für diese Situationen digital nicht zu ersetzen.

  3. Dr. Otto sagt:

    Der Politiker Jens Span sollte sich, statt im Buch für CAD -Herzen zu plädieren, für eine Widerspruchsregelung der Organspende einsetzen und statt über Probleme der Trennung von ambulanter und stationärer Medizin zu diskutieren für eine Beseitigung dieser in Deutschland etablierten unsinnigen Situation sorgen.

  4. Helmut Schatz sagt:

    Eine differenziert-kritische Betrachtung der digitalen Medizin und von „Big Data“ findet sich mit der Forderung nach einer Datenethik im Deutschen Ärzteblatt vom 7. Oktober 2016, Jahrgang 113, Heft 40, Seite A1749. Der Kommentar zu diesem Thema von Hardy Müller und Silja Samerski wird im Inhaltsverzeichnis folgendermassen zusammengefasst: „Den grossen Playern wie Google oder Apple sollte man nicht das Feld der Digitalisierung auf dem Gesundheitsmarkt überlassen“. Prof. Gerd Hasenfuss hatte sich in gleicher Richtung geäussert: „Wir Ärzte müssen die digitale Medizin mitgestalten, um das große Potenzial dieser Entwicklung aus fachlicher Sicht für den Patienten nutzbar zu machen und Schaden durch fehlendes medizinisches Sachwissen zu verhindern“.

  5. Helmut Schatz sagt:

    Am 25. Oktober 2016 schrieb Bob Wachter in „KQED Science“ einen Artikel mit der Überschrift: „Has Technology Ruined the Radiology Profession ?“ Darin schildert er die heutige Verbreitung des Picture Archiving and Communications System (PACS). Er führt aus, dass bald die meisten Röntgenbilder automatisch besser und schneller interpretiert werden würden als von Radiologen, die dann, wie er meint, nur mehr Rechnungen zu schreiben brauchten, ohne Leistung zu erbringen. Heutige Computertomographen werden bereits mit Software verkauft, die beispielsweise besser als jeder Radiologe Rundherde in der Lunge oder Dickdarmpolypen erkennen könnten. Jedem Internisten sind schon seit Jahrzehnten die automatischen EKG-Befundungen bekannt, die meist recht gut, wenn auch nicht immer fehlerfrei sind. Zu meiner aktiven Zeit als Klinikchef habe ich meine Mitarbeiter immer angehalten, die EKGs mit abgedecktem automatischen Befund zu beurteilen. Wenn die Technisierung auch weitergehen wird, der Beruf des Arztes wird wohl kaum verschwinden. Kranke Menschen würden sonst in noch stärkerem Masse Heilpraktiker oder gar Wunderheiler aufsuchen. Der Mensch wird sich nicht wesentlich ändern.

    • Dr. Carsten Schaper sagt:

      „Postfaktisch“ ist das Wort des Jahres 2016 gemäss der Gesellschaft für deutsche Sprache. Nach ihr gehe es in politischen und gesellschaftlichen Dikussionen zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten. Das trifft sehr oft auch auf den kranken Menschen zu. Dieser hört dann weniger auf den „Allmächtigen Gott mit seinen Big Data“ und „Dr. Watson“ als vielmehr auf manche Heilpraktiker, Wunderheiler und andere mit irrationalen, „postfaktischen“ Versprechungen. Der Lasch-Schüler hat Recht: Ein Arzt sollte beides in einer Person sein: Doktor und Onkel Doktor.

  6. Ein Lasch-Schüler sagt:

    Der verstorbene Giessener Professor Hans-Gotthard Lasch pflegte nicht „streng wissenschaftlich“ entscheidende Ärzte zu fragen: „Wollen Sie Doktor oder Onkel Doktor sein?“. In den Augen vieler von uns nach jahrzehntelanger Berufserfahrung war das eine falsche Fragestellung. Man muss beides sein, Doktor und „Onkel Doktor“, welcher den Patienten „ganzheitlich“ betreut. Helmut Schatz hat im letzten Satz seines Kommentars vom 27.10.2016 völlig recht. Wir Ärzte sollten die Betreung kranker Menschen weder „Dr. Watson“ noch den Heilpraktikern etwa mit Magnet-, Resoanztherapie u.ä. oder praktizierenden Psychologen überlassen, die Coaching, Trancetherapie und ähnliches anbieten.

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