Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Ein Nobelpreis für ‚Medizin‘?


Bochum, 9. Oktober 2013

Der aus Göttingen stammende Thomas Südhoff (Stanford Universität Palo Alto) und die zwei US-Amerikaner James E. Rothman (Yale Universität) und Randy Schekman (Universität von Kalifornien Berkeley) erhielten den Nobelpreis 2013 für „Physiologie oder Medizin“ für ihre Untersuchungen zu den Transportvorgängen von Hormonen und anderen Zellprodukten innerhalb und zwischen Zellen sowie von deren Steuerungsmechanismen.

Schekman untersuchte Hefezellen und fand, dass bestimmte Mutationen der Transport von Vesikeln innerhalb der Zelle blockieren. Rothman zeigte mit biochemischen Versuchen an homogenisierten Säugetierzellen, dass der richtige Transport der Vesikel durch Proteine an der Vesikeloberfläche gewährleistet wird, von denen eines sich nach Art eines Reissverschlusses an spezifische Proteine der Zielmembran bindet. Dadurch gelangen die Vesikel an ihren Bestimmungsort. Südhoff schliesslich demonstrierte an Nervenzellen, dass diese Prozesse die Freisetzung von Neurotransmittern in den Synapsenspalt bewirken und dass sie durch Kalziumjonen gesteuert werden.

Kommentar

Diese Resultate geben faszinierende Einblicke in die Art und Weise, wie Zellprodukte transportiert werden. Sie klären die Mechanismen von Prozessen auf, deren Existenz man schon seit Jahrzehnten aufgrund histologischer und autoradiographischer Ergebnissen annimmt. In vielen Berichten der Laienpresse wird Diabetes als Erkrankung angeführt, für die sich ein Nutzen aus den neuen Erkenntnissen ergeben könnte. Deshalb hier einiges dazu: Die Abbildung unten zeigt ein Schema des Insulintransportweges innerhalb der Betazellen nach A. Renold aus dem Jahre 1970. Man erkennt die Vesikel, gefüllt mit Insulin verschiedener Reifegrade, welche nach damaliger Nomenklatur entlang Transportschienen, den Mikrotubuli (mt) an die Zelloberfläche wandern und dort mit ihr verschmelzen. Auf einen Glukosereiz platzt diese Verbindungsstelle und Insulin wird in die Blutbahn abgegeben. Dass Kalzium bei dieser Insulinabgabe beteiligt ist, weiß man ebenfalls schon lange. Bei der Zuckerkrankheit lässt sich die Störung der Insulinabgabe erfreulicherweise durch Medikamente wie etwa Sulfonylharnstoffe und andere Substanzen überwinden. Es ist zu hoffen, dass sich aus den neuen, durch den Nobelpreis für “Physiologie oder Medizin“ des Jahres 2013 auch für die praktische Medizin und die Patienten neue Präventions- und Behandlungsmöglichkeiten ergeben werden. Ob dies allerdings, wie die Laienpresse vermutet, beim Diabetes der Fall sein wird, sei dahingestellt.

Alfred Nobel hat in seinem Testament vom 27. November 1895 Preise für Physik, Chemie, Physiologie oder Medizin, Literatur und Friedensbemühungen gestiftet. Im schwedischen Originaltext heißt es, den Preis solle erhalten „den som har gjort den vigtigaste upptäckt inom fysiologiens eller medicinens domän“ („der die wichtigste Entdeckung auf dem Gebiete der Physiologie oder Medizin gemacht hat“). Diesen Preis vergibt das Karolinska Institut in Stockholm. Der Referent kennt aus seiner einjährigen Tätigkeit in Stockholm 1963/64 die damalige Situation am Karolinska Institutet und am daneben gelegenen Karolinska Sjukhuset, dem Klinikum. Sie entsprach den an deutschen und österreichischen Universitäten üblichen (Nicht-) Beziehungen und Interaktionen zwischen „vorklinischen“ Instituten und Kliniken. Sieht man die Liste der Nobelpreisträger für „Physiologie oder Medizin“ der letzten Jahrzehnte durch, so erkennt man unschwer, dass nur relativ wenige Kliniker ausgezeichnet wurden. Meist waren es Grundlagenwissenschaftler. Diese stehen mit ihrer Thematik den Mitgliedern des Nobelkomitees am Karolinska Institutet gedanklich und oft auch persönlich wohl näher als klinisch tätige Mediziner. Vielleicht sollte der Preis getrennt werden. Wenn ein Biochemiker, Physiologe oder Biologe den Nobelpreis bekommt, sollte dieser nicht vereinfacht und werbewirksam als „Medizin-Nobelpreis“ bezeichnet werden. Oder brauchen wir Ärzte ein neues Selbstverständnis? Als im Jahre 2012 der Nobelpreis für „Physiologie oder Medizin“ an zwei Bioingenieure, John Gurdon und Shinya Yamanaka vergeben wurde, schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 8. Oktober 2012, daran könne man „die lange Vorgeschichte einer neuen Medizin studieren, die aus der Heilkunst endgültig einen Reparaturbetrieb werden und die Ärzte zu Humaningenieuren mutieren lässt“.

Helmut Schatz

nobelpreis-medizin

Abbildung: Insulintransport in Vesikeln innerhalb der Betazelle.
mt = microtubules. 1 = Aufplatzen der mit der Betazellmembran verschmolzenen Vesikel und Freisetzung des Insulins in die Blutkapillaren auf einen Sekretionsreiz hin
Nach A. Renold 1970, aus: H. Schatz, Insulin: Biosynthese und Sekretion, Thieme, Stuttgart-New York 1976

Bitte kommentieren Sie diesen Beitrag (nach unten scrollen!)

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Permalink.

7 Antworten auf Ein Nobelpreis für ‚Medizin‘?

  1. Strumpf sagt:

    Dem Kommentator ist voll zuzustimmen. Natürlich ist es leichter, eine naturwissenschaftliche Entdeckung, die man -wie es oft erfolgt – nach Jahren oder Jahrzehnten bestätigt gefunden hat, mit einem Preis auszuzeichnen als eine Neuerung in der klinischen Medizin, die bald überholt sein kann oder sich in ihren Langzeitfolgen sogar als schädlich herausstellen kann. Ähnliche Schwierigkeiten gibt es ja auch bei Friedensnobelpreis, siehe Obama. Auch der Literaturnobelpreis ist häufig nicht unumstritten. Dennoch: Man sollte korrekterweise „Nobelpreis für Physiologie“ oder „für Physiologie oder Medizin“ schreiben und nicht „für Medizin“. Krass mag das mancher als eine Art „Etikettenschwindel“ sehen.

  2. Zeitreisender sagt:

    Für jemanden der sich mit der Zukunft der Medizin beschäftigt ist dieses Schubladendenken nicht nachvollziehbar! Die Konzergenz aus IT, *omics, nano usw. Technologien lässt doch schon heute keine Trennung der Disziplinen mehr zu. Relevant ist, was dem Menschen nutzt. Im Grunde genommen, ist die Medizin (von lateinisch ars medicinae, „ärztliche Kunst“ die „Heilkunde“) doch auch keine Wissenschaft, wohl aber die biomedizinische Forschung, oder wie auch immer….
    Allerdings; viele Ärzte bzw. Mediziner sind hervorragende Wissenschaftler in sehr unterschiedlichen Disziplinen bis hin zu ICT/BIG Data, Physik, Chemie usw…

    • Max sagt:

      Lieber Zeitreisender, wollen wir hoffen, dass sich bald ein Nutzen für den kranken Menschen aus den preisgekröntgen Arbeiten 2013, die schon vor längerer Zeit durchgeführt wurden, ergibt. Ob es bei dem von Zeitungen vielfach angesprochenen Diabetes sein wird, bleibt, wie der Referent vorsichtig schreibt, „abzuwarten“.

    • Arztfreund sagt:

      Natürlich ist die Medizin keine Wissenschaft. Aber: Ist ein Schriftsteller, der mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wird, denn ein Wissenschaftler? Oder ein vermeintlicher Friedensförderer? Ein „Arzt“ muß mehr als ein „Mediziner“ sein. Er muß sich für den ganzen Menschen verantwortlich fühlen, auch für seine Psyche, nicht nur für das richtige Funktionieren eines organischen Teilbereichs wie wie etwa das Herz. Die Spezialisten liefern technische Befunde und behandeln ein gestörtes Organ. Der Arzt ist hingegen für den gesamten Menschen zuständig. Anderenfalls sucht dieser Heilpraktiker und Alternativmediziner auf, welche die Psyche von Patienten oft besser verstehen als ein streng naturwissenschaftlich orientierter Mediziner.

  3. Martin sagt:

    …wenn man sich die Liste der Nobel-Preisträger Medizin und Physiologie ansieht,
    http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Nobelpreisträger_für_Physiologie_oder_Medizin
    sind dann doch einige klinisch sehr wichtige Entdeckungen dabei, insbes. wurden bahnbrechende Diagnostika wie CT (1979), NMR (2003) geehrt, auch 2005 und 2008 hatten deutlichen klinischen Bezug…

    • Harro sagt:

      Ihre Ausführungen bestätigen die Aussage von Helmut Schatz: Sie nennen vier wichtige Nobelpreise für Entwicklungen mit dirtektem Bezug zur klinischen Medizin von 1979 bis jetzt. Rechnet man noch den Nobelpreis 2010 an Robert Edwards für die in-vitro-Fertilisation dazu, so sind das 5 Preise in 34 Jahren. Als der britische Elektrotechniker Godfrey N. Hounsfield zusammen mit dem US-amerikanischen Physiker Allan M. Cormack den Nobelpreis für „Physiologie oder Medizin“ des Jahres 1979 völlig zu Recht zugesprochen erhielt, war das eher biochemisch-biologisch-physiologisch orientierte Nobelkomitee gleichsam überrumpelt: Man hatte nicht einmal Unterlagen über Hounsfield für die Presse vorbereitet….

  4. Helmut Schatz sagt:

    DIE LEISTUNGEN DER ÄRZTE WERDEN NICHT GEWÜRDIGT
    Unter dieser Überschrift erschienen in der „Frankfurter Rundschau“ vom 16. Oktober 2013 zwei Beitrage:

    1.) „DIE NOMENKLATUR DES PREISES IST NICHT KORREKT“ von Priv.-Doz. Dr.med. Wolfgang Jungraithmayr, Zürich.
    Dieser Autor ist derselben Auffassung wie ich. Er schreibt : „Erneut wurde der diesjährige Nobelpreis für Medizin…..wieder nicht an einen Mediziner, sondern – wie fast stes in der Vergangenheit – an herausragende Naturwissenschaftler, im Besonderen nur der Biochemie vergeben…..Mit Medizinihat dieser Preis nichts zu tun. Der Begriff Medizin ist hier zu weit gefaßt. Ein Mediziner ist Arzt (und potentiell auch Wissenschaftler), welcher durch unmitelbar medizinische Handlungen dem Patienten helfen, zuweilen durch pionierhafte Operationen sogar heilen darf….“
    2.) Im Anschluß druckte die Frankfurter Rundschau die Mitteilung aus dem Blog der DGE vom 9. Oktober 2013 ab, samt Abbildung, mit der Überschrift:
    „VIELLEICHT SOLLTE ES ZWEI VERSCHIEDENE PREISE GEBEN“

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.