Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Silibinin, bekannt als Legalon® bei Lebervergiftungen: eine Therapieoption bei Morbus Cushing?


Bochum, 13. Februar 2015:

Die Arbeitsgruppe von Günter Stalla am Max Planck-Institut für Psychiatrie in München publizierte kürzlich online (1) ihre Forschungsresultate mit Silibinin an Zellkulturen, Tiermodellen und an Tumorgewebe von Patienten mit Morbus Cushing. Nach Silibinin-Behandlung nahmen die Zellen ihre normale, also nicht gesteigerte ACTH-Produktion wieder auf und das Tumorwachstum ging zurück. Bei den Mäusen verschwanden die typischen Cushing-Symptome wieder.

Ausgangspunkt für die Studien der Münchner Gruppe war der Befund eines extrem hohen Gehalts von Heat Shock Protein 90 (HSP-90) im Tumorgewebe von Hypophysenadenomen bei Morbus Cushing. Bei normaler Konzentration trägt HSP-90 dazu bei, daß sich der Glukokortikoidrezeptor richtig faltet und dann die ACTH-Produktion bei ansteigendem Hydrokortisonspiegeln regelnd hemmen kann. Ist der HSP-90 – Gehalt aber zu hoch, so haftet dieses am Glukokortikoidrezeptor und erlaubt keine Bindung von Glukokortikoiden an die ACTH-Zellen, so dass diese nicht herunterreguliert werden können. Silibinin aber bindet an HSP-90, der Rezeptor wird wieder frei und kann auf die Hydrokortisonspiegeländerungen reagieren.

Kommentar

Der Großteil der Patienten mit Morbus Cushing wird erfreulicherweise durch Operation geheilt. Nur bei 10-20% der Patienten gelingt das nicht. Zur konservativen Behandlung stehen das Somatostatin-Analog Pasireotid (2), Mifepriston und in Deutschland seit Kurzem auch Metyrapon (3) beim peripheren Cushing-Syndrom zur Verfügung. Sollte Silibinin sich in den geplanten klinischen Studien als erfolgreich erweisen, so stünde noch ein viertes konservatives Verfahren zur Verfügung.

Silibinin wird seit Jahrzehnten unter dem Handelsnamen Legalon® bei Lebererkrankungen eingesetzt und ist laut Roter Liste 2014 in Deutschland indiziert bei Leberintoxikation durch Knollenblätterpilze. Es wird von vielen Gastroenterologen und Hepatologen auch bei alkoholischen Lebererkrankungen bis hin zur voll ausgebildeten äthyltoxischen Leberzirrhose, aber auch bei anderen Erkrankungen gegeben. Man gewinnt es aus dem Samen der Mariendistel (Sibylium marianum), die auch unter anderen Namen wie etwa Christi Krone, Donnerdistel oder Fieberdistel bekannt ist. Sie kommt vor allem im Mittelmeerraum vor.
Der Einsatz von Silibinin bei Morbus Cushing würde das therapeutische Spektrum bei operativ nicht heilbarem Morbus Cushing oder bei inoperablen Patienten mit Hypercortisolismus erweitern.

Helmut Schatz

Literatur

(1) M. Riebold et al.: A C-terminal HSP90 Inhibitor restores glucocorticoid sensitivity and relieves a mose allogreaft model of Cushing disease.
Nature Medicine
http://dx.doi.org/10.1038/nm.3776

(2) H.Schatz: Pasireotid zur Behandliung bei Morbus Cushing von der FDA zugelassen.
DGE-Blogbeitrag vom 2. Januar 2013

(3) H. Schatz: Metyrapon zur Therapie des Cushing-Syndroms
DGE-Blogbeitrag vom 12. März 2014

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Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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2 Antworten auf Silibinin, bekannt als Legalon® bei Lebervergiftungen: eine Therapieoption bei Morbus Cushing?

  1. DK Ludecke sagt:

    Herzlichen Glueckwunsch aus Australien an die Arbeitsgruppe von G. Stalla am MPG in Muenchen zur sehr sorgfaeltigen und erfolgreichen Bearbeitung eines alten Pharmakons zur innovativen Behandlung des M. Cushing und an Herrn Kollegen Schatz, der ein wirklicher Schatz fuer die deutschen Neuro- und Endokrinologen in der Vermittlung praktisch wichtiger neuer Aspekte in der Endokrinologie ist.

    Mit einigen Verbesserungen, die fuer andere Anwendungen publiziert wurden, sieht der ehemalige Hypophysenchirurg mit Neuroendokrinologischem Labor aus dem UKE Hamburg, wo auch sehr gut weiter operiert wird, mit grosser Freude endlich andere alternative Behandlungsmoeglickeiten bei M. Cushing kommen, die hoffentlich bezahlbar sind. Weiter viel Erfolg wuenschen Patricia A. Crock und Dieter K. Ludecke (siehe auch im Netz: Australian doctors and Ludecke oder Ludecke and Cushing in PubMed}

    • Helmut Schatz sagt:

      Lieber Herr Lüdecke, danke für Ihr Lob. Ich habe mich gefreut, von Ihnen nach langer Zeit wieder etwas zu hören, aus down under. Sie haben ja viele unserer Hypophysenpatienten sehr erfolgreich operiert. Erinnern Sie sich noch an den Hypophysenkongresswie auf dem schönen Aegina?
      Ihr Helmut Schatz

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