Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Patient mit erniedrigtem Testosteronspiegel


ENDOKRINOLOGISCHES DISKUSSIONSFORUM

Bochum, 3. November 2015:

Die Gabe von Testosteron wurde in den letzten Monaten auch in unserem Blog eingehend besprochen. Da der Zuspruch zu den bisherigen drei ENDOKRINOLOGISCHEN DISKUSSIONSFOREN sehr lebhaft war, soll die Problematik „Testosteron“ in einem 4. Beitrag diskutiert werden.

Fallbericht von Frau Dr. med. Cornelia Jaursch-Hancke, Wiesbaden:

Anamnese: Selbständiger Kraftfahrzeughändler, 21 Jahre alt, klagt über Gewichtszunahme, nachlassende Libido und Konzentrationsmangel. Er sucht einen Urologen auf, der „typische Symptome eines Testosteronmangels“ diagnostizierte und Testosteron verschrieb. Der Patient wollte noch eine 2. Meinung hören und ging zur Endokrinologin Frau Dr. Jaursch-Hancke.

Bei der klinischen Untersuchung zeigte sich ihr ein Patient von normal-männlichem Habitus, keine Änderung des Rasierverhaltens, Bauchumfang 108 cm bei 1.80m Körpergröße und 98 kg Gewicht, BMI 30,2 kg/m2. Keine Gynäkomastie. Penis normal groß, Hoden bds. 20 ml von normaler Konsistenz. Normale Genitalbehaarung.

Laborwerte:  Nüchternblutzucker 115 mg/dl / 6,5 mmol/l, HbA1c 6,4%, HOMA-IR 9,2 (<2.5). Gesamttestosteron 2,36 ng/ml (2,5 – 8,4). Gonadotropine (LH, FSH): niedrig-normal.

Vorgehen?
Weitere Untersuchungen? Welche?
Therapie?

Bitte um lebhafte Diskussion!

Helmut Schatz

Publiziert am von Dr. Ulrike Schatz
Dieser Beitrag wurde unter Diskussionsforum abgelegt und mit verschlagwortet. Permalink.

17 Antworten auf Patient mit erniedrigtem Testosteronspiegel

  1. Prof.Klaus-Henning Usadel sagt:

    Gewichtabnhame !

  2. Prof.Klaus-Henning Usadel sagt:

    Gewichtabnahme!!!

  3. Bensan sagt:

    Es liegt offensichtlich ein metabolisches Syndrom vor. In vielen Faellen des metabol. Syndroms wird ein eher erniedrigter Gesamt-Testosteronspiegel gefunden, der durch Gewichtsreduktion mit der Zeit zumindest verbessert, wenn nicht behoben werden kann. Mit der Testosteron-Gabe wuerde ich zum jetzigen Zeitpunkt zurueckhaltend sein. Ausserdem koennte ich mir vorstellen, dass das freie Testosteron noch im (niedrig-) normalen Bereich liegen kann. Gestoerte Proteinbindung / -dissoziation ?

  4. Stephan Scharla sagt:

    Ich würde noch den Prolaktin-Spiegel messen. Hypothalamisch-Hypophysäre Ursache durchaus möglich.

  5. S. Zimny sagt:

    Ebenso würde ich die Bestimmung des Prolaktins durchführen, zudem das SHBG zur Abschätzung des FAI. Liegen klinische Zeichen eines Hyperkortisolismus vor?

    Therapeutisch: Lebensstilmodifikation mit Gewichtsreduktion.

  6. Nemo sagt:

    Gewichtsabnahme und Sport wäre die erste Maßnahme. Wenn man will, kann man – in Anlehnung an den Blogbeitrag über Enclomiphen-Zitrat – bei unerfülltem Kinderwunsch ein Spermiogramm anfertigen, auf jeden Fall aber (einen Parameter für) das freie Testosteron. Keinesfalls sofort Testosterongabe.

  7. Friedrich Jockenhövel sagt:

    Herr Usadel und Herr Scharla haben völlig recht!
    Bei dem Patienten liegt ein sekundärer Hypogonadismus vor, der eine endokrinologische Abklärung erfordert. Also meiner Meinung nach Hypophysenfunktionstest und Bildgebung (MRT zum Ausschluß einer Raumforderung, z.B. Craniopharyngeom, Adenom etc.). Bei intakter Hypophysenfunktion und Ausschluß einer Raumforderung steht die Therapie des metabol. Syndroms im Vordergrund: Gewichtsabnahme!

    • Observer sagt:

      Sehr geehrter Herr jockenhövel, auch dann, wenn – der am besten gleich initial bestimmte -freie androgenindex im referenzbereich liegt also SHBG sehr tief ist?

  8. Michael sagt:

    Ich habe in den Jahren festgestellt. Wenn männl. Kunden von mir mit ihrem Körperfettanteil unter 20% kommen, steigt der Muskelzuwachs progressiv (Krafttraining vorausgesetzt). Bei einem BMI von 30 und einem Bauchumfang von 108cm (100cm sollte das Maximum sein), kann man erstmal alle „natürlichen“ Möglichkeiten ausschöpfen, bevor man Testosteron verabreicht.

  9. Dr. C. Jaursch-Hancke sagt:

    Vielen Dank für die zutreffenden Kommentare. Selbstverständlich reicht das Gesamttestosteron nicht aus um eine Diagnose zu stellen oder gar therapeutische Konsequenzen zu ziehen . SHBG mit Berechnung des freien Androgenindexes und/oder freies Testosteron n.Vermeulen(dazu muss Albumin mit bestimmt werden ) sind notwendig . bei dem vorliegenden Pat.fanden sich Normalwerte für freies T und Androgenindex.
    Also lag bei diesem Pat.kein Hypogonadismus vor , lediglich metabolische Störungen , die durch Gewichtsabnahme und allgemeine Maßnahmen behandelt werden und sicher nicht durch Testosterongabe.
    Die Bestimmung von PRL und weiteren hypohysären Partialfunktionen sowie MRT Hypophyse wären sicher sinnvoll gewesen , wenn tatsächlich ein sekundären Hypogonadismus vorgelegen hätte.
    Dr. C. Jaursch-Hancke

    • Ergänzung zur Labordiagnostik :
      Die Leitlinien der Endocrine Society zur Testosterontherapie(1) empfehlen zunächst die Bestimmung des Gesamttestosteron, dann die Wiederholung von Gesamttestosteron wegen der intraindividuellen Schwankungen und der Laborproblematik.
      Gleichzeitig wird dazu geraten bei vermutetem erniedrigtem oder erhöhtem SHBG ergänzend freies Testosteron oder „bioavailable“ Testosteron zu bestimmen.
      Wann SHBG Abweichungen zu vermuten sind ist einer Tabelle zu entnehmen: neben moderatem Übergewicht ,Diabetes mellitus bis einfach „Aging“ sind weitere Krankheiten gelistet.
      Also empfielt es sich bei jedem älteren Mann sowie bei jedem Mann unabhängig vom Alter , der übergewichtig ist oder metabolische Störungen aufweist eine zusätzliche Labordiagnostik durchzuführen.
      Da die Messung des freien Testosteron und/ oder des biologisch aktiven Testosterons aber analytisch in der Routine noch problematischer sind als Gesamttestosteron, haben sich die oben aufgeführten Parameter , also die ergänzende Bestimmung des SHBG und ggf auch Albumin, bewährt.
      Ob dabei der errechnete freie Androgenindex dem errechneten freien Testosteron nach Vermeulen gleichwertig ist , ist noch Gegenstand der Diskussion.

      1 S.Bhasin et al ,JCEM June 2010, Vol 95(6):2536-2559

  10. evtl. Betroffener sagt:

    Hallo,
    habe eine ähnliche Problematik und bräuchte Meinungen. Ich bin m, 38 Jahre alt BMI ca. 29 (mache aber mind. 2x wöchentlich Sport) und leide unter schwerer OAT (= unerfüllter Kinderwunsch, ICSI geplant)

    Vorerkrankungen: Diabetes mellitus (seit 25 Jahren), Niere links fehlt seit Geburt, grenzwertige Herzleistung, Bluthochdruck, (leichte) Panikattacken, ständige Müdigkeit

    Wegen des Kinderwunsches wurde an 2 Terminen Hormonwerte bestimmt. Hier die auffälligen:
    – Prolaktin 1 mal zu hoch, 1 mal normal
    – Testosteron 3.32 / 4.7 ug
    – SBGH 55 mmol
    – FAI ca. 20 (nur beim ersten Test bestimmt)!
    – Östradiol 66ng
    – Gesamt PSA 1.1 ug

    Könnt Ihr mir ein paar Empfehlungen geben? Wie soll ich wegen der Hormonwerte weiter vorgehen ?

  11. Nemo sagt:

    Bitte bei allen Laborwertangaben keine reinen Zahlen oder nur microgramm usw. ohne Betzug auf das Volumen, sondern die komplette Dimension mit Referenzbereich des Bestimmungslabors. Z.B. …ng/dl, Norm …. bis …., oder mmol/L, Norm …. bis … .
    Mit Ihren nackten Zahlen kann man nichts anfangen.Norm .

  12. Endokendo sagt:

    Auch hier ein ähnlich gelagerter Fall mit der Bitte um Diskussion:

    Patient:
    m36, 175cm, 83kg, BMI 27 kg/m2, Taillenumfang 102 cm, Puls 51/min, RR 130/81 mmHG, guter AZ,
    Hodentorsion li/re in 2011 operiert

    Symptome:
    stark verminderte Libido und ausgeprägte ED, Antriebslosigkeit, Konzentrationsstörungen, Haarausfall

    Weitere Untersuchungen, Therapie? Testosterongabe?

    bisherige Diagnosen:
    Autoimmunthyreopathie, Euthyrose, Ausschluss Hyperprolaktinämie und Hypogonadasmus

    Labor:
    Cholesterin gesamt leicht erhöht
    HDL-Cholesterin und Vitamin D (25-OH) leicht erniedrigt
    Anti-TPO 46,3 IU/l (Ref. <35)
    TSH-Ak 2,68 IU/l (0-0,099, Cutoff 1,00, kontrollierter Wert!)

    LH 5,04 U/l (4-10)
    FSH 2,57 U/l (1,27-19,3)
    Prolaktin 7,09 ng/ml (5-14)
    Teststeron 3,51 ng/ml (2,7-10,7)
    SHBG 21 nmol/l (13,2-89,5)
    FAI 57,8 (15-95)
    Cortisol, bas. 68,2 ng/ml (20-120)

    Testosteron in Voruntersuchungen 2,99 ng/ml und 3,46 ng/ml

    • Helmut Schatz sagt:

      Sie haben einen guten freien Androgenindex bei Testosteron noch im Referenzbereich und keine erhöhten Gonadotropine. Also KEIN Testosteron, auch nicht beri Zustand nach Hodentorsion. Der Urologe soll nachsehen, wie groß die Hoden jetzt sind und wie Ihr Spermiogramm ist. Die verminderte Libido und die erektile Dysfunktion haben wohl andere Ursachen (da gibt es viele wie Partnerschaftliche, familiäre, chronischer Stress im Beruf usw. usw.).

      • Endokendo sagt:

        Sehr geehrter Herr Prof. Schatz,

        vielen Dank für Ihre Rückmeldung. Ein ähnliches Feedback habe ich bereits von meinem Hausarzt und Urologen erhalten. Auch eine stationäre psychosomatische Behandlung 1-2 Jahre nach der Torsion hat keinerlei Besserung gebracht. Im Gegenteil, die einjährige Medikation von Mirtazapin hatte sogar vieles verschlimmert. Lediglich die Schlafprobleme wurden etwas besser.

        Als Laie stimme ich Ihnen völlig zu, die Laborwerte in Sachen Hormone sehen normal aus, bzw. sind evtl. etwas erniedrigt. Allerdings habe ich wirklich nun seit 5-6 Jahren fast alle Symptome, die typisch für einen Testosteronmangel sind. Selbst intensives Training (Ausdauer und Kraft) mit 20kg Gewichtsabnahme hat zu keinerlei Muskelaufbau geführt. Meine Schlafqualität ist eine Katastrophe, ich schlafe gut ein und auch durch, bin aber morgens völlig erschöpft. Zudem bin ich der einzige Mann in meiner Familie, der so früh mit starkem Haarausfall zu kämpfen hat.

        Auch die Einnahme von Tadalafil bzw. Sildenafil hilft nur wenig gegen die ED, was mich noch nachdenklicher macht. Libido bzw. Trieb sind fast nicht mehr vorhanden.

        In die psychische Richtung gehe ich definitiv nicht mehr, da ich das Gefühl habe, dass man hier eher etwas eingeredet bekommt und schnell medikamentös eingefriffen wird.

        Inwiefern meine Schilddrüse hier eine Rolle spielt, vermag ich auf Basis der bisherigen Diagnosen nicht beurteilen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Mit dem Absenden des Formulars erklären Sie sich mit der Verarbeitung der übermittelten Daten einverstanden. Details hierzu finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.