Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Starke Cholesterinsenkung durch PCSK9-Hemmer führt trotz geringer Blutzucker- und HbA1c-Erhöhung kurzfristig nicht zu neuem Diabetes, ein bestehender Diabetes wird aber bei längerer Cholesterinsenkung unter 30 mg/dl verschlechtert.


Graz, 2. Oktober 2017:

Auf dem Europäischen Kardiologenkongress 2017 in Barcelona 2017 stellten Luiz Sérgio Carvalho et al. aus Sao Paulo (1) eine große Metaanalyse über Cholesterinsenkung und Diabetesinduktion vor, ausgehend von dem Befund einer Assoziation von Prädiabetes und Diabetes bei einer genetischen PCSK9 – loss of function – Mutation (2). Sie studierten die randomisiert-kontrollierten Phase II- und III -Studien mit den PCSK9-Hemmern Alirocumab (Praluent®), Evolocumab (Repatha®) sowie auch der SPIRE- Studie mit dem inzwischen eingestellten Bococizumab. Die Studiendauer musste mindestens 12 Wochen betragen, primäres Studienziel waren Änderungen im HbA1c und Nüchternblutzucker, weitere Ziele das Risiko eines Neuauftretens oder einer Verschlechterung eines Diabetes.. Untersucht wurden die Daten von ~68.000 Patienten in 20 randomisierten Studien. Mittleres Alter 60 Jahre, 58% Männer. Mittlere Ausgangswerte: Nüchtern-Plasmaglukose 103 mg/dl, HbA1c 5.89%. Einen Diabetes hatten 28%.

Nach im Mittel 48 Wochen Beobachtungszeit hatten Patienten unter PCSK9-Hemmern eine im Mittel um 1.88 mg/dl höhere Nüchtern-Plasmaglukose als unter Plazebo (p<0.001, ~2% pro Jahr), das HbA1c war um 0.032% höher (p<0.001). Diese Veränderungen führten aber über eine mittlere Nachbeobachtungszeit von 1.5 Jahren nicht zu einem erhöhten Risiko für ein Neuauftreten (RR 1.04, 95% CI 0.95-1.15; p=0.43) oder eine Verschlechterung eines Diabetes (RR 1.04, 95% CI 0.90-1.14; p=0.35). Hingegen bestand ein geringes, jedoch signifikantes Risiko für Neuauftreten oder eine Verschlechterung eines schon bestehenden Diabetes in explorativen (Meta-Regressions-)Analysen, die nach Alter und Geschlecht adjustiert waren bei den Patienten, deren LDL-Cholesterin um mindestens 55% und auf 30 mg/dl oder tiefer durch PCSK9-Hemmer länger als 1 Jahr abgesenkt wurde.

Kommentar

Der Nutzen einer starken LDL-Senkung zur Prävention von kardiovaskulären (Sekundär-) Ereignissen ist wohl unbestritten. Offen ist freilich noch die Frage, ob man so tief wie möglich absenken solle, wie dies mit den PCSK9-Hemmern möglich ist. Es wird bezüglich unerwünschter Nebenwirkungen vielfach eine „J-Kurve“ diskutiert; Langzeitbeobachtungen liegen noch nicht vor. Die vorliegende Metaanalyse weist darauf hin, dass extreme LDL-Senkung doch Risiken beinhalten könnte/dürfte (3, vgl. 4), wenn auch die in dieser Studie beobachtete geringe Verschlechterung des Zuckerstoffwechsels durch den kardiovaskulären Nutzen wohl sicherlich deutlich aufgehoben wird.

Helmut Schatz

Literatur

(1) European Society of Cardiology, Public Release 29 August 2017: Meta-Analysis suggests PCSK9 inhibitor´s do not increase short-term risk of type 2 diabetes.
http://www.eurekalert.org/pub_releases/2017-08/esoc-msp081817.php

(2) Marlene Busko: PCSK9 inhibitors: no short-term diabetes risk in meta-analysis.
http://www.medscape.com/viewarticle/886361

(3) Helmut Schatz: Unter PCSK9-Hemmern signifikant gehäuft neurokognitive Nebenwirkungen.
DGE-Blogbeitrag vom 1. Februar 2017

(4) Helmut Schatz: Die Daten der kardiovaskulären Outcome-Studie FOURIER mit dem PCSK9-Hemmer Evolocumab.
DGE-Blogbeitrag vom 22. März 2017

Bitte kommentieren Sie diesen Beitrag !

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , verschlagwortet. Permalink.

Eine Antwort auf Starke Cholesterinsenkung durch PCSK9-Hemmer führt trotz geringer Blutzucker- und HbA1c-Erhöhung kurzfristig nicht zu neuem Diabetes, ein bestehender Diabetes wird aber bei längerer Cholesterinsenkung unter 30 mg/dl verschlechtert.

  1. TS sagt:

    Sehr geehrter Herr Prof. Schatz!

    Die „J-Kurve“ der Nebenwirkungen bei starker Senkung des LDL-Cholesterins wird ja schon lange diskutiert. War es anfangs der einfache Plausibilitätscheck, ob denn eine Senkung des zuführenden Cholesterins (LDL-C) weit unter die Werte des abführenden Cholesterins (HDL-C) nicht irgendwann zu Mangelerscheinungen bei den Zellen führen würde, waren es später die Analysen von B. Roberts, die eine Minderversorgung der Mitochondrien dafür verantwortlich machten. Heute stellt sich diese Frage vor allem in Fällen der fam. Hypercholesterinämie, die vorwiegend durch Rezeptordefekte ausgelöst werden. Es besteht folgendes Bedenken. Bei einem Rezeptordefekt wird die Schwäche der Zellrezeptoren durch die übermäßige Produktion von Cholesterin in der Leber und in der Folge im Blut ausgeglichen. Logisch wäre es, den Rezeptordefekt zu beheben, aber dazu sind wir (genetisch) noch nicht in der Lage. Wird jetzt der Cholesterinspiegel im Blut durch die neuen Medikamente (PCSK9-Hemmer, CEPT-Hemmer, aber auch Statine) extrem gesenkt, dann setzt ja wieder eine Unterversorgung der Zellen ein und eine daraus folgende Cholesterinerhöhungsspirale. Oder, wenn es tatsächlich gelingt, den Cholesterinspiegel im Blut konstant so tief zu halten, dann bleibt die Mangelsituation der rezeptorschwachen Zellen ja erhalten. Und mit ihr alle bekannten „Nebenwirkungen“. „The deeper the better“ kann hier nicht die alleinige Zielsetzung sein.
    Was mich wundert, ist die schon erstaunliche Interesselosigkeit an diesen Zusammenhängen. Ich frage mich, ob hier tatsächlich das Primat der Arteriosklerose die Ursache ist, oder ob hier etwas nicht sein kann, weil es nicht sein soll?

    MfG TS

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.