Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Gefäßverkalkungen bei Männern mit Geschlechtshormonen im Blut assoziiert – aber eher nicht kausal, sondern über etablierte kardiovaskuläre Risikofaktoren


Bochum, 2. April 2016:

In einer Querschnittsuntersuchung an 1654 Männern (mittleres Alter 49 Jahre, SD +/- 10 J. ) aus einer Kohorte der Framingham-Studie (1) fand sich eine negative Assoziation von Koronararterien-Kalk (CAC) sowie Verkalkungen der Bauch- und Brustaorta mit den Spiegeln an Gesamt-Testosteron und freiem Testosteron, berechnet über das Sexhormon-bindende Globulin (SHBG). Die Assoziationen zu Östrogenen und Östron waren hingegen positiv. Pro 100 ng/ml Anstieg des Gesamt-Testosterons fand man einen altersadjustierten Unterschied im CAC von -23%. Nach Adjustierung für andere kardiovaskuläre (CV) Risikofaktoren waren die berechneten Assoziationen zwischen Testosteron und den vaskulären Verkalkungs-Scores jedoch statistisch nicht signifikant.

Die Sexualhormone wurden mit der Flüssigkeitschromatographie-Tandem-Massenspektometrie gemessen, SHBG mit einem immunofluorometrischen Assay. Verkalkungen bestimmte man computertomographisch. Zusammenfassend schliessen die Autoren, dass die gefundenen Assoziationen der Kalk-Scores zu den Geschlechtshormonspiegeln wohl der Ausdruck einer Beziehung der Geschlechtshormone zu etablierten CV Risikofaktoren sind und durch diese vermittelt werden.

Kommentar

Die Frage eines Einflusses von Testosteron auf die Arteriosklerose ist ein zur Zeit vieldiskutiertes Thema. Im DGE-Blog wurden mehrere kontroverse Publikationen dazu besprochen (2-5). Die Auffassungen der Amerikanischen und der Europäischen Arzneibehörde (FDA und EMA) dazu sind etwas unterschiedlich. Die vorliegende Auswertung einer Observationsstudie aus der Framingham Study kann auch keinen entscheidenden Beitrag liefern. Übergewicht, metabolisches Syndrom und Diabetes gehen mit erniedrigten Testosteronspiegeln einher. Es bestand nach Adjustierung für die bekannten CV Risikofaktoren auch keine signifikante Korrelation mehr. Man könnte spekulieren, dass Testosteron ein „Surrogatparameter“ für ein metabolisches und damit auch vaskuläres Risiko darstellt. Zur Frage einer Testosterongabe hat die FDA am 20. August 2015 die Testosteronhersteller aufgefordert, endlich eine gemeinsame Studie mit gleichen Kollektiven, gleichen Präparaten und gleich langer Dauer durchzuführen, um zu überprüfen, ob Testosteron mit einem CV Risiko zusammenhängt (3). Betrachtet man gegenwärtig die Problematik pragmatisch aus Distanz, so mag man zu der Meinung kommen, dass bei eindeutig erniedrigten Testosteronspiegeln und Symptomen ab einem gewissen Alter Testosterongabe eher einen günstigen CV Einfluß ausübt. „Großzügige“ Testosteronzufuhr nur bei (wenig spezifischen) Symptomen von „Low T“ ohne Spiegelbestimmung sind abzulehnen.

Helmut Schatz

Literatur

(1) T.G. Travison et al.: Association between circulating sex steroids and vascular calcification in community dwelling men: THE Framingham Heart Study.
J.Clin. Endocrinol. Metab. 2016 March 1: jc20154299 (Epub ahead of print)

(2) H. Schatz: Testosteron, Atherosklerose und kardiovaskuläre Ereignisse – ein komplexes Thema.
DGE-Blogbeitrag vom 20. August 2015

(3) H. Schatz: Testosteron, Atherosklerose und kardiovaskuläre Ereignisse, Teil II: FDA fordert gemeinsame Studie der Testosteron-Hersteller.
DGE-Blogbeitrag vom 24. August 2015

(4) H. Schatz: Kardiovaskuläre Schädigung durch Testosteron nicht bewiesen, aber Änderungen im Beipackzettel gefordert.
DGE-Blogbeitrag vom 19. Oktober 2014

(5) H. Schatz: Testosteron wird von der Europäischen Arzneibehörde EMA auf kardiovaskuläre Sicherheit überprüft.
DGE-Blogbeitrag vom 3. Mai 2014

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Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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Eine Antwort auf Gefäßverkalkungen bei Männern mit Geschlechtshormonen im Blut assoziiert – aber eher nicht kausal, sondern über etablierte kardiovaskuläre Risikofaktoren

  1. Tina sagt:

    Wenn das so stimmt, müssten doch Frauen weniger Schlaganfälle haben? Wir haben doch viel weniger Testosteron.. Ich kenn mich in der Materie aber nicht so gut aus, ehrlich gesagt hat mich ein sprechender Penis vom Youtube Video „Testosteron – ein echtes Powerhormon“ auf diese Seite gebracht. haha

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