Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Osteoporose beim Mann: Weltweit grob missachtet!


Bochum, 2. Januar 2015:

Die International Osteoporosis Foundation (IOF) gab gegen Ende des Jahres 2014 eine umfangreiche Dokumentation heraus mit dem Titel: „Osteoporosis in Men: Why Change Needs to Happen“ (1). Fälschlicherweise würde die Osteoporose als „Frauenkrankheit“ angesehen, jedoch würde 1 von 5 Männern ab dem 50. Lebensjahr einen Osteoporose- bedingten Schenkelhalsbruch erleiden und die Mortalität nach dieser Fraktur sei bei Männern fast doppelt so hoch wie bei Frauen.

Von 2010 bis 2030 wird die Rate an Schenkelhalsbrüchen in den USA um 51% steigen, während sie bei Frauen um 3.5% sinken wird. Wenn auch nicht nachzuweisen ist, dass alle Frakturen – insbesondere bei Männern – osteoporosebedingt waren, so weisen diese Berechnungen dennoch darauf hin, dass das Bewusstsein für die Osteoporose bei Männern in der Bevölkerung und auch in der Ärzteschaft viel zuwenig vorhanden ist. In den ersten 12 Monaten nach einem Schenkelhalsbruch beträgt die Sterblichkeit bei Männern bis zu 37%, bei Frauen nur etwa 20%. Diese Exzeßmortalität ist am größten in den ersten 5 Jahren nach der Fraktur, aber auch noch 10 Jahre später vorhanden. Allzu lange habe man die Osteoporose als weibliches Problem betrachtet. Deren Behandlung sei für Frauen deutlich besser geworden, in den USA würden aber Männer im Vergleich zu Frauen viel seltener eine Osteoporosetherapie bekommen (2). Hier müsse eine Änderung erfolgen.

Kommentar

Dieses Umdenken sollte bei allen Ärzten, insbesondere den Hausärzten, aber auch bei den Unfallchirurgen erfolgen, welche die Patienten mit Frakturen primär zur Versorgung durch Osteosynthese oder Gelenkersatz zugewiesen bekommen. Der Kommentator hat lange am „Ältesten Unfallkrankenhaus der Welt“, dem Bergmannsheil Bochum gearbeitet, welches in diesem Jahr sein 125-jähriges Bestehen feiern wird und sich mittlerweise zu einem Universitätsklinikum auch mit einer breit spezialisierten Inneren Medizin unter einem Dach entwickelt hat. Unsere Unfallchirurgen haben ihre Patienten nach der operativen Versorgung stets uns Internisten zur Osteoporose-Diagnostik und ggf. Therapie zugewiesen. Nach meinem Kenntnisstand wird dies aber keineswegs an allen unfallchirurgischen Abteilungen in Deutschland so gehandhabt. Eine Untersuchung in den USA an fast 100 000 Patienten mit Hüftfrakturen von 2002-2011 ergab ein ähnliches Bild: Die meisten der Patienten bekamen nach ihrer Hüftfraktur keine Osteoporosetherapie, und wenn, dann Männer um etwa die Hälfte weniger als Frauen (2). Nach „osteosynthetisch getaner Arbeit“ wird der Patient offenbar sehr häufig sofort nach Hause entlassen, ohne das Konsequenzen gezogen werden.

Auch die pharmazeutische Industrie ist gefordert: Die Evidenz dafür, welcher Mann von einer medikamentösen Osteoporosetherapie tatsächlich profitiert, ist viel schwächer als bei einer postmenopausalen Frau. Es ist nachdrücklich zu fordern, dass mehr und bessere Therapiestudien beim Mann erfolgen: Die derzeitige Studienlage zur Osteoporosetherapie ist vergleichsweise zu Frauen gering.

Insgesamt ergibt sich für alle das Facit:
Mehr „Awareness“ für die Osteoporose des Mannes!

Helmut Schatz

Literatur

(1) International Osteoporosis Foundation 2014: Osteoporosis in Men: Why Change Needs to Happen.
Author: Peter Ebeling, Monash University, Australia. Reviewers: Cyrus Cooper, Mark Edwards and Nick Harvey, University of Southhampton, UK
www.infobonehealth.org, info@iofbonehealth.org

(2) Daniel H. Solomon et al.: Osteoporosis Medication Use After Hip Fracture in U.S. Patients Between 2002 and 2011.
J Bone Miner Res. 2014; 29:1929-1937

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Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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