Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Industrielle Chemikalien verändern die Schilddrüsenhormon-Aktivität in der Plazenta, auch Rauchen erhöht die CYP1A1-Aktivität im Mutterkuchen. Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder?


Bochum, 27. Oktober 2014

Die Arbeitsgruppe von R. Thomas Zoellner von der University of Massachusetts in Amherst analysierte Plazentaproben von 164 schwangeren Frauen ohne Schilddrüsenerkrankungen, die an der „GESTE Canadian Prospective Birth Cohort Study“ teilnahmen (1). Im Mutterkuchen wurden die Expression des Enzyms CYP1A1 bestimmt, sowie die Expression von zwei Genen, für die in älteren Arbeiten und aktuell in einer Zelllinie eine Regulation durch Schilddrüsenhormon gezeigt werden konnte. Hierbei handelte es sich um humanes plazentares Laktogen (HPL) und eine Wachstumshormon-Variante (GH-V). In 132 der 164 Proben ließ sich eine Genexpression von CYP1A1 nachweisen, wobei die Werte um bis zu Faktor 5 schwankten. Die Expressionsspiegel von CYP1A1 waren positiv mit dem Expressionsniveau von HPL und GH-V korreliert. Hingegen zeigte sich keine Korrelation zu den Schilddrüsenhormonspiegeln, weder im Blut der Mutter noch in der Nabelschnur. Bei rauchenden Schwangeren fanden sich im Mutterkuchen ebenfalls deutlich höhere CYP1A1-Spiegel.

CYP1A1 transformiert endokrine Disruptoren wie polychlorierte Bisphenyle (PCBs) und andere Dioxin-ähnliche industrielle Chemikalien in eine Form, die mit den Schilddrüsenhormonrezeptoren interagieren kann. Hierdurch könnte es zu einer Störung der Schilddrüsenhormonwirkung kommen. Die Autoren schlussfolgern, dass höheren CYP1A1-Spiegel auf eine erhöhte Exposition mit endokrinen Disruptoren hinweisen und dass ungeachtet des in der Studie fehlenden Einflusses auf die Schilddrüsenhormonspiegel bei Mutter und Neugeborenem, eine Wirkung auf der Ebene der Schilddrüsenhormonrezeptoren denkbar ist. Diese Vermutung bedarf jedoch der Überprüfung und als nächsten Schritt wollen die Autoren untersuchen, ob eine schlechtere kognitive kindliche Entwicklung mit höheren CYP1A1-Spiegeln im Plazentagewebe korreliert (2). Die höheren CYP1A1-Spiegel in der Plazenta von Raucherinnen liefern eine weitere Begründung für eine Nikotinabstinenz in der Schwangerschaft.

Kommentar

Bei der Arbeit handelt es sich um eine Studie der Genexpression und die Daten erlauben keine zuverlässige Aussage über die tatsächliche biologischen Konsequenzen. Hierzu hätten zunächst einmal die CYP1A1-Proteinexpression und die Enzymaktivität untersucht werden müssen. Ferner handelt es sich um eine reine Assoziation von Genexpressionsspiegeln. Ein kausaler Zusammenhang wird hierdurch nicht belegt, denn es ist möglich, dass z.B. die untersuchten Zielgene auch durch andere Faktoren als nur Schilddrüsenhormone reguliert werden. Insofern sind umfangreiche funktionelle Untersuchungen erforderlich, um zu zeigen dass die bearbeiteten Parameter in einem relevanten Zusammenhang stehen. Immerhin ist die Arbeit ist ein interessanter Anstoß, die Folgen einer Exposition mit endokrinen Disruptoren auf Plazentaniveau zu betrachten und es bleibt abzuwarten, welche neuen Erkenntnisse sich aus nachfolgenden Untersuchungen für die Praxis ergeben werden.

Über endokrine Disruptoren wurde in Blogbeiträgen und Pressemitteilungen der DGE mehrfach berichtet. Eine Beeinträchtigung der Schilddrüsenhormonwirkung im Organismus durch endokrine Disruptoren wird seit langem diskutiert. Molekulare Mechanismen der Schilddrüsenhormonwirkung stehen im Fokus des Schwerpunktprogramms der Deutschen Forschungsgemeinschaft „THYROID TRANS ACT (www.thyroidtransact. de) und werden ebenso wie endokrine Disruptoren bei der bevorstehenden Jahrestagung der Arbeitsgruppe Experimentelle Schilddrüsenforschung (www.aesf2014.de) und der ersten internationalen Konferenz von THYROID TRANS ACT (www.TTA_IC2014.de) in Bremen vom 05.12-09.12.2014 behandelt.

Dagmar Führer, Essen

Literatur:

(1) T.L. Wadzinski et al., Endocrine disruption in human placenta: Expression of the dioxin-inducible enzyme, Cyp1A1, is correlated with that of thyroid hormone-regulated genes.
J.Clin.Endocrinol.Metab. published online October 9, 2014

(2) M. Busco: Industrial chemicals alter placental thyroid hormone activity.
http://www.medscape.com/viewarticle/833005_print

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Publiziert am von Prof. Dagmar Führer
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2 Antworten auf Industrielle Chemikalien verändern die Schilddrüsenhormon-Aktivität in der Plazenta, auch Rauchen erhöht die CYP1A1-Aktivität im Mutterkuchen. Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder?

  1. Das ist eine Forschung, welche ich auch gerne als belegt ansehen möchte. So könnte auch meine Arztpraxis Baar vielen werdenden Müttern nochmal verdeutlichen, wie sich das Rauchen auswirkt. Es ist ja schliesslich allgemein bekannt, das polychlorierte Biphenyle Krebserregend sind und das möchte man unter keinen Umständen an das Kind weitergeben.

  2. In der aktuellen Ausgabe der „Zeit“ gibt es ein sehr interessantes Dossier zu diesem Thema, das die möglichen genetischen, gesellschaftlichen und endokrinen Ursachen des negativen Flynn-Effekts, d. h. der wieder sinkenden Intelligenz der Gesellschaft, auf sehr differenzierte Weise diskutiert. Endokrine Disruptoren könnten hier eine entscheidende Rolle spielen. https://www.zeit.de/2019/14/intelligenzquotient-hirnforschung-messwerte-bildung-gene-konzentration

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