Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Das Syndrom des kryptothyreoten Normalismus (SKN)


Rede wider den thyreologischen Ernst

Bochum – Halblech, 20. April 2020:

In den letzten Corona / COVID-19 Wochen verbrachte man viel Zeit in der eigenen Wohnung. Es wurde auch kräftig aufgeräumt, wie die übervollen Mülleimer einschließlich der für Papier belegen. Unserem Ehrenmitglied und langjährigen Sekretär und Schatzmeister der DGE, Prof. Martin Grußendorf aus Stuttgart, jetzt in Halblech im Ostallgäu, fiel dabei ein Manuskript einer „Rede wider den thyreologischen Ernst“ in die Hände, die er mir zuschickte. Auf meine Bitte hin, die acht Seiten lange Rede für unseren DGE-Blog etwas zu kürzen, kam er dankenswerterweise sofort nach. Ich bat ihn auch, die im Manuskript nur mit ihren Initialien benannten Personen doch namentlich zu anzuführen, im Sinne einer Art „Geschichtschreibung der Thyreologie“ dieser Epoche in Deutschland.

Helmut Schatz, Bochum

Liebe Kollegen,

Prof. Schatz hat mich gebeten, einen Auszug der Rede „wider den thyreologischen Ernst“ für den Blog zu erstellen; diese wurde von dem verstorbenen Prof. Dr. P.M. Reisert, Endokrinologe und damaliger internistischer Chefarzt im Vincentius Krankenhaus Karlsruhe, in den 90 er Jahren gehalten. Die Reden „Wider den thyreologischen Ernst“ wurden alle zwei Jahre bei den Schilddrüsenkongressen in Heidelberg von „verdienten Thyreologen“ gehalten. Die folgende Rede war sicherlich ein absolutes Highlight und ist (vielleicht gerade in dieser Zeit) in mehrerer Hinsicht aktuell.

M. Grußendorf, Halblech

 

***

Das Syndrom des kryptothyreoten Normalismus (SKN)

Der Fall Anton Unverfroren

Ich habe die Ehre, im Auftrag der Sektion Schilddrüse der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie mit dem Folgenden erstmals über ein seltenes Krankheitsbild berichten zu dürfen, dessen Kenntnis aus menschlichen und volkswirtschaftlichen Gründen für den Allgemeinarzt, ja die ganze Ärzteschaft und die Gemeine von hervorragendem Interesse sein muß und das für die kommende Generation unserer jungen Forscher ohne Zweifel eine außergewöhnliche Herausforderung darstellt.

I. Zur Symptomatologie
Ich berichte über die Erkrankung des 55jährigen Patienten Anton Unverfroren, dem nach der Lektüre des Buches von E. Wiedemann: „Die deutschen Ängste, ein Volk in Moll“, Ullstein-Verlag, 1989, und nach Gesprächen im Kollegen- und Freundeskreis offenbar wurde, daß er sich entgegen der allgemeinen Grundstimmung seiner Umgebung erschrecklich wohl fühlt bei gutem Appetit, täglich geformten, nach Farbe und Geruch unauffälligen Stuhl absetzt, keine Rückenschmerzen leiden muß, in einen Apfel voll Freude beißt, ohne nach den Dünge- und Spritzgewohnheiten des Erzeugers zu fragen, nicht wegen der zunehmenden Verunreinigung der Luft mit einer Gesichtsmaske zur Arbeit radelt und das billige Gemüse des Wochenmarktes den Geboten eines in der Vorstadt liegenden Bioladens vorzieht. Des Weiteren arbeitet er gerne, scheut deswegen keine Überstunden, bucht nicht nach zeitraubenden Gesprächen mit seinen Kollegen am Arbeitsplatz bereits an jedem 1.1. jeden Jahres eine Flugreise in eine Gesundheitskolonie im fernen Ausland und plant keine 6 – 8wöchige Kur in einem der heimatlichen Heilbäder.

Bei genauerem Bedenken dieses bedenklichen Zustandes erkannte er sich als einen bedenkenswerten Außenseiter, einen Normalen und deswegen Anormalen in einer Gesellschaft von scheinbar Anormalen, die aber ihrer ZahI wegen statistisch und schließlich realistisch gesehen mittlerweile die Gruppe der Normalen darstellen. Er war gleichsam ein Dur-Akkord in einer Symphonie in Moll, als solcher aber nicht die Ausweitung zu einer aparten Harmonie; er wurde vielmehr zur kakophonen Dissonanz in einer dunkel Moll- getönten Melodie.

II. lch habe zunächst zu berichten über erste Schritte des Anton Unverfroren. Zuerst vertraute sich Anton auf Anraten einer in solchen Sachen erfahrenen Arbeitskollegin einem Heilpraktiker an, der ihn voll Optimismus mit Aufsuden, dazu einer säurefreien Kost und dem Einstechen gemischtmetalliger Nadeln behandelte. Leider ohne Erfolg: Unser Mann fühlte sich trotz dieser Maßnahmen weiterhin wohl und wurde dieses Zustandes wegen naturgemäß zunehmend bedenklicher.

III.  Er wechselte seines ausgezeichneten Appetits wegen zu Dr. E.B., der die Zusatzbezeichnung „Gastroenterologie“ im Schilde führte. Dieser Arzt nahm sich unseres Patienten mit zu erwartendem Ernste an: Er schrieb ihn zunächst für 14 Tage auf einen Montag im Oktober krank und erhob zudem eine gründliche biographische Anamnese, ehe er einen gründlichen Untersuchungsgang in die Wege leitete………Er unterzog den Hilfesuchenden seines Appetits wegen vielfältigen endoskopischen Untersuchungen, die samt und sonders keine krankhaften Befunde ergaben. Aus diesem Grunde diagnostizierte der Arzt eine „psychophysische Fehlsteuerung“, verordnete Carminativa und überwies den Anton an den Psychotherapeuten Prof. Dr. A.A..

IV. Dr. A.A. setzte alle Methoden der biographischen Anamnese erneut ein, z.T. verschärft durch eine anfangs oberflächliche, später vertiefte Hypnose, die unser armer Freund bei vollem Wachbewußtsein allerdings nur scheinbar durchlebte….….Da, in der letzten Sitzung, ergab sich ein Befund, der richtungsweisend werden sollte. Von den ernsten Augen hinter einer randlosen Brille mitleidig betrachtet, fiel dem Probanden, übrigens Vater von 6 Kindern, 2 Mädchen und 4 Buben, plötzlich ein, daß er beim Zeugungsprozeß über die Erwartung und der Umgebungstemperatur zum Trotz erhebliche Schweißausbrüche erleiden musste. Diese Bemerkung war dem Psychotherapeuten ein erhellendes Detail und führte zur entscheidenden Wende im weiteren Verlauf des Geschehens:  Herr A.A. überwies den Kranken endlich an einen Endokrinologen, PD. Dr. med. Dr. h.c. E.v.Br.

V. Herr Dr. Dr. E.v.Br., durch die Mehrfachbezeichnung als Wissenschaftler hohen Ranges, durch den Zusatz des „von“ zum Namen diskret auch als Mitglied eines alten vornehmen Geschlechts und somit als umfassender Ganzheitsmediziner ausgewiesen, war durch die gründliche biographische Anamnese des Kollegen A.A. bestens orientiert und konnte sich sofort den organischen Komponenten seines Patienten zuwenden. Eine ernsthafte und gründliche Inspektion sowie Palpation des Zeugungsorgans ergab erwartungsgemäß keine krankhafte Besonderheit, so daß die labormäßige Erfassung des Probanden zügig vorangetrieben werden konnte. Er veranlaßte daher die Bestimmung von Testostosteron samt dessen freien Anteils im Blut, die Bestimmung von Dihydrotestosteron, Aetiocholanolon, DHEAS samt deren metabolischer Abbauprodukte im Harn, deren chromatographische Auftrennung und quantitative Erfassung kürzlich ihrer Bedeutung wegen auch für einen niedergelassenen Endokrinologen über eine neue GOÄ-Nr. mit der Punktzahl 1000 zugelassen war. Schließich erfaßte Herr v.Br. die Konzentrationen von Beta-Oestradiol, FSH und LH in Verbindung mit einem GnRH-Test, Bestimmungen, die – fast war es zu fürchten – samt und sonders Normalwerte ergaben. Mit allem war lediglich erwiesen, dass Anton aus endokrinologischer Sicht grundsätzlich als Vater für seine 6 Kinder in Frage kam, mehr nicht…….…Offen blieb leider die Frage nach der Ursache des Schwitzens, des einzigen Symptoms, das als eine Absonderlichkeit gedeutet werden konnte. Dies umso mehr, als die gleichzeitige Bestimmung der Schilddrüsenparameter im Blut – T3, FT3, T4, FT4, TBG und des ultrasensitiv erfaßten TSH – zunächst keine Hinweise auf eine Störung der Schilddrüsenfunktion ergaben. Auch das Sonogramm der Schilddrüse war, wie wir erwarten durften, normal.

Später auf dem Golfplatz, beim 6. Loch,  kam Herrn E.v.Br. die Idee, dass das Symptom des Schwitzens war gar kein echtes Schwitzen, sondern ein Pseudoschwitzen war, ein Phänomen, dem er bei hormonell schwer deutbaren Dysthyreosen begegnet war……….Noch in derselben Nacht setzte er sich mit den Größen der Thyreologie Deutschlands telefonisch in Verbindung und arbeitete mit diesen ein breitgefächertes Untersuchungsschema aus….

VI. a) Der bekannte Vererbungsspezialist J.K.(= J. Köbberling) aus Wuppertal hatte eine Studie in die Wege geleitet, um einen möglichen Erbgang des Normalismus aufzudecken… …Ein homozygoter Erbgang konnte nicht nachgewiesen werden, ein heterozygoter deutete sich an; wahrscheinlich lag aber ein multifaktorielles Geschehen vor, wie so häufig, also auch hier.

b) Eine Untersuchung der Blutproben zur Kontrolle in den Laboratorien von W.B. (= W. Börner) in Würzburg ergab keine verwertbaren Befunde. Dieser Forscher hatte die Probe 10mal parallel bestimmen lassen (der Variationskoeffizient betrug 0,5). Auch hatte er die Befunde mit einem Kollektiv einer eigenen Kohorte verglichen: Die Konzentrationen der Jodhormone im Blut des A.U. blieben normal.

c) Die bekannten Nuklearmediziner D.E. (= D. Emrich) und M.B (= M. Behre) aus Göttingen/Lübeck hatten ein intensiviertes Suppressionsszintigramm durchgeführt mit einer Belastung von 150 µg T4 über 6 Wochen – eine scherzhafte Konzession an den Anlass der Schwitzattacken des Probanden. Die Forscher sahen, wie zu erwarten, eine Auslöschung der Jodaufnahme in die Schilddrüse, wiesen aber nach, dass der Proband gegen Ende der T4-Belastung die Symptome echten Schwitzens, also kein Pseudoschwitzen aufwies. Dies war ein wichtiger Befund, der im Widerspruch zur Hypothese des Herrn E.von Br. stand.

d) H. Sch. (= H. Schatz) aus Gießen, später Bochum fand im Serum des Probanden keine autoimmunen Reaktionen auf Bestandteile der Schilddrüse.

e) Ein wichtiger Befund kam von P.Sc. (=P. Scriba) aus Lübeck, der aus dem Stuhl eine Substanz isoliert hatte, die genetische Merkmale einer Escherichia trug, der sie den Arbeitsnamen „Escherichia antigermanica“, kurz Eag, gaben. Dieser Befund war ein ziemlich starkes Argument für eine infektiöse Genese der Krankheit des Patienten.

f) Letztlich, der auffälligste Befund kam von Herrn K.W.W. (= K.W. Wenzel), Berlin, der im kombinierten Doppel-Ria-Test nach R.H.(= Höfer) eine Dissoziation der Befunde beobachtete, die auf einen gestörten Metabolismus der Jodhormone hindeuten konnte.

Sicher ist, daß besonders wegen des letzten Befundes eine Fehlfunktion der Schilddrüse diskutiert werden konnte. Eine eiligst zusammengerufene Sitzung der geheimen und offenen Mitglieder der Sektion, die die deutsche Schilddrüse beherrschen, kam zu dem Schluß, daß
1.) eine unbekannte und deshalb „kryptothyreote“ Funktionsstörung der Schilddrüse besteht, und
2.) weitere Untersuchungen durchzuführen seien.

VII.  Zu spät leider, leider zu spät….  Da war das Ungeheuerliche, gleichsam Unverfrorenste geschehen: Ich habe über die Flucht des Anton Unverfroren zu berichten. Der Proband war aus seinem letzten Krankenurlaub nicht mehr in Vogelhausen erschienen. Er war mit seiner zahlreichen Familie nach einem unbekannten Ort in der Welt ausgewandert. In seiner Wohnung fand man einen Brief des Inhaltes, daß er nach langen Überlegungen – er war ein ernster Mann – unter Hinzuziehung seines Beichtvaters, eines bayerischen Jesuiten, zu der Einsicht gekommen sei, dass ein normales Verhalten mit normalen Blutwerten Zeichen einer reellen Normalität sein müsse und daß er deshalb davon ausgehe, dass irgendwo in der Welt ein Land liegen müsse, in dem alle Einwohner normal seien wie er. Dorthin wolle er gehen.

VIII.  In der Expertenrunde herrschte Bestürzung. Man verfaßte ein Statement und hängte Empfehlungen daran, die ich weitergeben darf:
1.)  Man stellte fest, daß man in der glücklichen Lage gewesen sei, ein neues Krankheitsbild zu sehen und seiner Ursache nach zu beschreiben. Eine detaillierte Veröffentlichung über das „Syndrom des kryptothyreoten Normalismus“ ist in Vorbereitung.
2.) Da eine infektiöse Ursache des Leidens nicht auszuschließen ist, sei man auf die Mitarbeit aufmerksamer Kollegen angewiesen, um die Epidemiologie der Erkrankungerarbeiten zu können.
3.) Ärzte sollen bei ihren Hausbesuchen auf Familienmitglieder ihrer Kranken zu achten, die durch Wohlbefinden auffallen. Diese sollten in diskreter Weise in das Untersuchungsprogramm eingeschleust werden unter dem Motto: „Wer sich gesund fühlt ist einer, der nur nicht weiß, daß er krank ist“.
4.) Alle zu den Kassen zugelassenen Ärzte sollen das volle Untersuchungsprogramm abrechnen dürften, allerdings nach einem Einführungskurs zu 4 Stunden, der zweimal jährlich angeboten wird.

Zuletzt darf ich Sie im Namen aller interessierten Fachverbände auffordern, in die „Gesellschaft wider den Normalismus“ einzutreten, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, gegen einen Jahresbeitrag von nur DM 7,50 für Ihre Rechte und den Ihnen zustehenden Besitzstand an „Deutschen in Moll“ allerorts zu kämpfen.

P.M.Reisert + , Karlsruhe

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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Eine Antwort auf Das Syndrom des kryptothyreoten Normalismus (SKN)

  1. Melanie Engbert sagt:

    Eine geistreiche Nichtigkeit der Anamnese, eine widersprüchliche Einigkeit der Diagnosen, eine belanglose Bedeutsamkeit der daraus resultierenden Erkenntnisse, eine wichtige Nebensache in Zeiten von Corona:
    eine heiße Abkühlung der konfusen Gemüter – dieser magere Vollfettquark wurde angerührt zur medikamentösen Behandlung des Patienten Anton Unverfroren, guten Appetit und baldige Genesung von Normalität und Fröhlichkeit.

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