Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Akut erkranke Patienten mit unklaren Symptomen auf Morbus Addison testen, bei schweren Symptomen sofort mit Hydrocortison behandeln und nicht erst Testresultate abwarten


Bochum, 23. Februar 2016

Die neue klinische Praxis-Leitlinie der Endocrine Society (1), erarbeitet unter dem Vorsitzenden Stefan Bornstein, Dresden von einem 11-köpfigen internationalen Gremium, dem drei weitere deutsche Endokrinologen angehörten (Bruno Allolio +, Wiebke Arlt und Andreas Barthel) empfiehlt, akut erkrankte Menschen mit unklaren Symptomen immer auf eine primäre Nebennierenrindeninsuffizienz zu testen. Bei schweren Symptomen sollen noch vor Eingang von Testresultaten sofort Glukokortikoide gegeben werden, vorzugsweise Hydrocortison. Gleiches gilt bei Nebennierenrinden-Krisen.

Als Begründung wird angeführt, dass die primäre Nebennierenrindeninsuffizienz eine wenn auch seltene, so doch potenziell lebensbedrohende Erkrankung ist. Viele ihrer Symptome können mehrere Ursachen haben und sind anfangs oft schwer zu deuten. Zur späteren Diagnostik wird der Kurztest mit 250 Microgramm ACTH und Cortisolmessung empfohlen, zumindest aber eine Morgenbestimmung von ACTH und Cortisol im Plasma, des weiteren von Renin und Aldosteron.

Eine nach Diagnosesicherung zu gebende Glukokortikoid-Dauertherapie soll bei bestätigtem Aldosteronmangel mit dem Mineralokortikoid Fludrokortison ergänzt werden. Die Therapie ist sorgfältig mit Elektrolytbestimmungen zu überwachen einschließlich Beachtung klinischer Symptome wie Salzhunger, Leeregefühl im Kopf, Blutdruckschwankungen oder Anschwellen der Beine und Füße. Über Probleme bei der Therapie von Nebenniereninsuffizienzen wurde im DGE-Blog am 16. August 2015 berichtet (2).

Kommentar

Es ist zu begrüßen, dass dieses Vorgehen breit empfohlen wird. Erfahrene Kliniker und Ärzte haben bisher wohl meist ohnedies in diesem Sinne gehandelt, insbesondere wenn sie einen endokrinologischen Hintergrund hatten wie auch der Referent an der Bochumer Klinik. Junge Ärzte haben dies nicht immer akzeptiert und zitierten den Ausspruch, den sie im Studium gehört hatten und der dem Frankfurter Kliniker Franz Volhard zugeschrieben wird: „Vor die Therapie haben die Götter die Diagnose gesetzt“.

Die neue Leitlinie mit der Empfehlung zur Sofortbehandlung schwerer Symptome wie bei Morbus Addison schon vor Diagnosesicherung wurde eben im Februarheft 2016 des Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism publiziert (3).

Das Clinical Practice Guidelines – Programm der Endocrine Society wird von der European Society of Endocrinology und der American Association of Clinical Chemistry mit unterstützt. Ein Gremium von ausgewiesenen Experten berücksichtigt dafür die evidenzbasierte Literatur (siehe 3).

Helmut Schatz

Literatur

(1) Endocrine Society: Experts recommend immediate treatment for severe primary adrenal insufficiency symptoms.
Current Press Release der Endocrine Society vom 13. Januar 2016.
www.endocrine.org/news-room/current-press-releases/experts-recommend-immediate-treatment-[…]

(2) Helmut Schatz: Mehr Nebennieren-Krisen unter der heute niedriger dosierten Substitutionstherapie?
DGE-Blogbeitrag vom 16. August 2015

(3) Stefan Bornstein et al.: Diagnosis and treatment of primary adrenal insufficiency: An Endocrine Society Clinical Practice Guideline.
J Clin Endocrinol Metab. February 2016. 101(2):364-389. doi:10.1210/jc.2015-1710

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Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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