Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Haben dicke Menschen einen stärkeren Geruchssinn für Essen?


Bochum, 25. Juni 2015:

Neue Forschungen weisen darauf hin, dass der Geruchssinn fettsüchtiger Menschen stärker ausgeprägt ist. Im Gehirn wirkt der Geruchssinn über das Hunger-/Sättigungs- und Belohnungszentrum (1).

Lorenzo Stratton und Ashleigh Whittle vom Zentrum für Vergleichende und Evolutionäre Psychologie an der Universität in Portsmouth, England untersuchten 40 Studenten und teilten diese in Fettsüchtige (Body Mass Index BMI =/>30 kg/m2) und Nicht-Fettsüchtige (BMI <30) ein. Alle waren gesund, Nichtraucher und nahmen keine Appetitzügler ein. Untergewichtige sowie Menschen mit gestörtem Geruchs- oder Geschmackssinn wurden ausgeschlossen. Geruchssinn: Die Probanden bekamen Aroma von dunkler Schokolade zu riechen und mussten angeben, wie intensiv und wie angenehm der Geruch sei. Dann wurde der Aromastoff stufenweise verdünnt, um die unterste Schwelle für die Geruchswahrnehmung zu erfassen.

Geschmackssinn: Substanzen für die vier Geschmackswahrnehmungen sauer, salzig, bitter und süß wurden auf die Zunge der Probanden gesprüht und sie mussten diese identifizieren und die Stärke angeben. Dann wurden die Wahrnehmungen mit dem Gewicht verglichen.

Ergebnisse: Es fand sich eine signifikant positive Korrelationen mit dem Geruchssinn (Abb. und Tab. aus Lit. 1), auch für den Geschmackssinn auf sauer und salzig traf dies zu (Tab. aus Lit 1): Dicke hatten einen signifikant ausgeprägteren Geruchssinn für Schokolade und einen stärkeren Geschmackssinn für sauer und salzig. Interessanterweise traf dies nicht für den bitteren und süßen Geschmack zu.

geruchssinn-uebergewicht

geruchssinn-geschmackssinn

Kommentar

Auch nach dieser Arbeit ist es offenbar von größerem Interesse, in erster Linie den Einfluß des Geruchs und weniger des Geschmacks auf das Essverhalten und das Gewicht zu untersuchen. Es ist weitgehend Allgemeinwissen, dass wir die Essensqualität vorwiegend „riechen“ und nicht „schmecken“; man muss nur einmal – im Selbstversuch – sich die Nase fest zuhalten und dann versuchen, eine Speise genau zu beschreiben oder überhaupt nur zu identifizieren. Meist gelingt dies schlecht, da man nur die vier klassischen Qualitäten süß, sauer, salzig und bitter schmeckt, heute als 5. Geschmack auch umami („herzhaft“, „intensiv“, aktiviert durch Protein, vor allem Glutamat). Der Geruch von hochkaloriger Nahrung wie Schokolade könnte nach den Autoren bei empfänglichen Personen auch über Zentren wirken, die bei einer Sucht aktiviert werden. Lucy Donaldson von der Universität in Nottingham als nicht in die Studie involvierte Kommentatorin meint einschränkend, dass die Mechanismen doch komplexer seien und man aus Studien zur Geruchs- und Geschmackswahrnehmung keine zu weitreichenden Schlüsse ziehen sollte. So hätten etwa süß riechende Früchte keineswegs immer einen hohen, sondern oft sogar einen niedrigen Kaloriengehalt (2).

Facit: Stets abwechslungsreich und ausgewogen, nicht einseitig essen!

Helmut Schatz

Literatur

(1) Lorenzo D. Stafford, Ashleigh Whittle: Obese individuals have higher preference and sensitivity to odor of chocolate.
Chemical Senses 2015. 40:279-284. doi:10.1093/chemse/bjv007

(2) Madeline Kennedy: Obese people may be more sensitive to food smells.
http://www.medscape.com/viewarticle/842583_print

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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