Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Statin-Anwender nehmen mehr Kalorien und Fett zu sich – achten sie weniger auf Lebensstil-Maßnahmen?


Bochum, 26. April 2014:

Am 24. April 2014 berichteten T. Sugiyama et al. (1) in San Diego auf der Tagung der Society of General Internal Medicine, dass Statin-Anwender in den Jahren 2009-2010 im Vergleich zu 1999-2000 täglich 192 Kilokalorien mit einem um 14% höheren Fettanteil zu sich genommen haben als vor 10 Jahren. Dies entspricht einer Gewichtszunahme von 3-5 kg.

In wiederholten Querschnittsuntersuchungen wurden die Daten von ~28 000 für die USA repräsentativen Erwachsenen des National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES) ausgewertet. Von 1999-2000 bis 2009-2010 stieg der Anteil der Statin-Anwender von 7.5% auf 16.5% . Wie die Abbildungen 1 und 2 zeigen, konsumierten 1999-2000 Statin-Anwender täglich 2000 kcal und 71.7 g Fett. Dies lag signifikant unter den Werten für Menschen, die keine Statine einnahmen. 2009-2010 bestand sowohl für die Gesamtkalorien als auch die Fettaufnahme kein Unterschied mehr. Der Body Mass Index BMI stieg bei Statin-Anwendern um 1.3 kg/m² bei Menschen ohne Statine um 0.4 kg/m².

Kommentar:

Dies ist eine sehr interessante Studie, trotz aller Limitationen. Sie prüft die Interaktionen zwischen Medikamenteneinnahme und Lebensstilverhalten. Von besonderer Bedeutung ist diese Studie in Hinblick auf eine Statingabe zur kardiovaskulären Primärprävention (2). Man kann den Schluss ziehen, dass Menschen, denen Statine verschrieben wurden, in den Jahren 1999-2000 noch stärker auf ihr Essverhalten geachtet haben als es ein Jahrzehnt später der Fall war. Für die Ärzte mag man schlussfolgern, dass sie in der letzten Zeit bei Patienten eher auf eine konsequente Medikamenteneinnahme Wert gelegt haben und, wenn der Cholesterinspiegel gut abgesenkt war, weniger auf Beratung und Motivation zur Lebensstilverbesserung.

Die Einschränkungen liegen darin, dass es eine Querschnitts- und keine Longitudinalstudie ist. Die nicht-randomisierte Observationsstudie lief über ein Jahrzehnt. Sie sagt nichts über eine Kausalität aus. Ob das bekannte leicht erhöhte Diabetesrisiko unter Statinen durch die Gewichtszunahme zumindest zum Teil erklärt werden kann, erscheint möglich.

Auf jeden Fall muss man als Arzt für sich die Schlussfolgerung ziehen, trotz medikamentös normalisierter Lipidspiegel mit den Patienten unverändert bei jedem Praxisbesuch die Lebensstilmaßnahmen, sowohl im Essverhalten als auch in der körperlichen Bewegung zu besprechen und diese zu motivieren, darin nicht nachzulassen. Sonst könnte der kardiovaskuläre Nutzen der Cholesterinabsenkung durch Vernachlässigung der Lebensstilmassnahmen verringert oder sogar aufgehoben werden. Dies gilt natürlich in ganz besonderem Masse, sollten Statine zur Primärprävention eingesetzt werden.

Helmut Schatz

Literatur

(1) T. Sugiyama et al.: Different time trends of caloric and fat intake between statin users and nonusers among US adults: Gluttony in the time of statins?
JAMA Intern Med. Published online April 24, 2014. DOI:10.1001/jamainternmed.2014.1927
https://archinte.jamanetwork.com/journal.aspx

(2) R.F.Redberg: Statins and weight gain. Editorial.
JAMA Intern Med. Published online April 24, 2014. DOI:10.1001/jamainternmed.20141994

Abbildung 1: Kalorienaufnahme in kcal/Tag
(aus: Sugiyama et al. 2014 (Lit.1))
statine-lebensstil-2

Abbildung 2: Fettaufnahme in Gramm/Tag
(aus: Sugiyama et al. 2014 (Lit.1))
statine-lebensstil-1

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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