Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Künstliche Befruchtung / Assistierte Reproduktion: Ein Überblick und ein Ausblick bis zu Tier-Mensch-Hybriden


Bochum, 7. Februar 2020:

Im vorherigen Beitrag wurde im DGE-Blog über das Votum des französischen Senats berichtet, dass auch in Frankreich Lesben und alleinstehende Frauen künstlich befruchtet werden können (1,2).

Im Kommentar wurde am Schluss erwähnt, dass Großbritannien, wo dies wie in anderen Ländern schon möglich ist, Vorreiter in der Reproduktionstechnologie ist (3). Hier soll ein Überblick mit einem Ausblick in die Zukunft, die in China schon begonnen hat, gegeben werden.

Nachdem die „Pille“ erstmals 1960 zugelassen wurde, formulierte die Laienpresse salopp: „Sex ohne Empfängnis“.  Sie ermöglichte Geschlechtsverkehr aus Liebe, Begierde, Lust und Freude ohne die Befürchtung einer Schwangerschaft. Später wechselten zwei der drei  Wörter ihre Position und es war zu  lesen: „Empfängnis ohne Sex“:  In Oldham, U.K. wurde 1978 von dem Biologen Robert Edwards und dem Gynäkologen Patrick  Steptoe das erste „Baby aus dem Reagenzglas“ ( Joy Louise Brown) gezeugt. Inzwischen sind es viele Millionen Menschen, die so entstanden sind . Dafür wurde 2010 der  Nobelpreis verliehen (4). Diese in vitro-Technik wurde durch die intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) erweitert. Wenn man keine Spermien aus einem Ejakulat erhält, kann man Spermien für die ICSI  mit mikrochirurgischen Maßnahmen aus Hoden (MESE) oder  Nebenhoden (MESA) gewinnen und injizieren. Heute besteht auch die Möglichkeit, die Spermien vor der ICSI  morphologisch zu selektieren (IMSI).

Kind von drei Elternteilen

Das Londoner Parlament hat vor vier Jahren entschieden, dass von Ärzten für eine künstliche Befruchtung das Erbgut, die DNA, von drei Menschen genutzt werden kann, wenn dadurch schwere Erbkrankheiten verhindert werden können. Dies bezog sich auf den Spindel- oder Nukleartranfer bei mitochondrialen Erkrankungen. Die ethischen und rechtlichen Bedenken dafür sind nach wie vor groß, denn das Kind hat dann genetisch drei Elternteile.

Designer-Babys

Kritiker der Gentechnik bei der Assistierten Reproduktion befürchteten, dass man zukünftig damit viele „Designer-Babys“ schaffen könnte. Tatsächlich sind in China im Jahre  2018 die zwei Kinder Lulu und Nana mit gentechnischer Veränderung des Erbguts zur Welt gekommen, und auch noch ein drittes Kind.  Mit der Gen-Schere Crispr/Cas 9 sind solche Vorgänge heute recht einfach und zielgenau möglich. Der bis dahin in der wissenschaftlichen Welt kaum bekannte Chinese He Jiankui hatte dies am 28. November 2019 auf dem „Second International Summit on Human Genome Editing“ bekanntgegeben. Die Kinder sollten dadurch vor HIV-Infektionen geschützt werden. Ob sie aber tatsächlich gegen das HIV-Virus resistent sind, wird sich erst zeigen müssen. Bei einem der zwei Kinder wurde nur 1 Allel ausgeschaltet (siehe Abbildung). Auch bleiben die Konsequenzen im späteren Leben abzuwarten.

Abbildung: Lulu und Nana in China (zur Verfügung gestellt von Frau PD Dr. Verena Nordhoff, Münster)

He Jiankui verkündete seine Experimente via Youtube und erntete sofort scharfe Kritik. Die Mitteilung löste eine Welle der Empörung aus. Solche Experimente mit menschlichem Erbgut seien ethisch nicht vertretbar. He Jiankui wurde von seiner Universität entlassen und die Regierung gab bekannt, dass er gegen die chinesischen Gesetze verstoßen habe. Ende Dezember 2019 wurde er zu drei Jahren Haft und einer Geldstrafe von umgerechnet knapp 400.000 Euro verurteilt. Ebenso erhielten seine beiden Mitarbeiter Haft- und Geldstrafen. Alle drei hätten, so das Urteil,  aus „Suche nach persönlichem Ruhm und Gewinn“ gehandelt und damit massiv die „medizinische Ordnung“ gestört (5). Die Ergebnisse von He  Jiankui werden auch angezweifelt (6). Man liest, dass russische Wissenschaftler die Experimente von He Jiankui  jedoch fortsetzen wollten (5).

Mensch-Tier-Hybride

Die neueste Entwicklung sind Mensch-Tier-Hybride, die, wie berichtet, von Forschern aus Spanien und China durch Implantation von menschlichen Stammzellen in Affen (Makaken) produziert wurden. Affenembryos  mit menschlichen Zellen kamen jedoch nicht zur Welt, da die Schwangerschaft von den Forschern gestoppt wurde (7). Als ein Ziel solcher Versuche wird genannt, in Tieren menschliche Organe zur Transplantation zu generieren. In Japan wurden im Jahre 2019 Mensch-Tier-Hybride gesetzlich genehmigt (8).

Diese Ausblicke lassen einen fast erschaudern.  Dem Referenten drängen sich das Buch von Aldous Huxley auf: „Schöne neue Welt“.

Helmut Schatz

Literatur

(1) Reuters Health Information © 2020

(2) Elizabeth Pineau: French Senate Approves Bill Allowing IVF for Single Women, Lesbian.
https://www.medscape.com/viewarticle/924144_print

(3) Helmut Schatz: Lesbierinnen und alleinstehende Frauen können in Frankreich Kinder bekommen: In-vitro-Fertilisation vom französischen Senat genehmigt.
DGE-Blogbeitrag vom 5. Februar 2020

(4) Christina Berndt : Medizin-Nobelpreis 2010: Vater von vier Millionen Kindern.
Süddeutsche Zeitung/Magazin, Oktober 2010

(5) Der Standard (Wien) vom 30. Dezember 2019: Schöpfer von genveränderten „Designerbabys“ zu Haft verurteilt.

(6) Austria Presse Agentur (APA), 30.12.2019

(7) Aerzteblatt.de: Forscher könnten erstes Mensch-Affen-Hybrid geschaffen haben. 6. August 2019.

(8) Lars Fischer: Grünes Licht für Mensch-Tier-Hybride.
Spektrum – Die Woche, 31/2019

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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2 Antworten auf Künstliche Befruchtung / Assistierte Reproduktion: Ein Überblick und ein Ausblick bis zu Tier-Mensch-Hybriden

  1. Klaus Ehrenberger sagt:

    Der Wunsch nach Reproduktion bestimmt alle Lebensformen von Anfang an. Neu ist der nun mögliche Eingriff in die Keimbahnen, um ein gewünschtes Ziel zu erreichen. Kurios ist die teilweise kritiklose, ja geradezu euphorische Übernahme diese Techniken für die humane Reproduktion, während genmanipulierte Nahrungsmittel grosse Skepsis auslösen. Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass der weitaus grösste Teil der Menschheit sein irdisches Dasein der altmodischen, heterosexuellen Mann-Frau-Beziehung verdankt, einer Lebensform, die auch meiner Natur entspricht.

  2. Dr. Helmut Kiendl sagt:

    Ich war zunächst ablehnend gleichgeschlechtlichen Ehen gegenüber eingestellt. Dann kam die Möglichkeit, daß Männerpaare Kinder adoptieren und großziehen dürfen. Nun wird die künstliche Befruchtung bei Lesbenehen bereits in einigen Ländern praktiziert. Aus gendergerechten Gründen sollte dies allgemein zugelassen werden. Probleme sehe ich allerdings in der Erziehung dieser Kinder im Vergleich zu solchen „normaler Ehen“.
    Bei der Genehmigung der „Genmanipulation“ bin ich äußerst zurückhaltend. Solange es eindeutig der Behandlung von Krankheiten dient, halte ich die Methode für positiv. Die Eröffnung der Möglichkeit, „Design-Babys“ zu schaffen, läßt einen jedoch erschaudern.

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