Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Die Neue Zürcher Zeitung verändert im Titel die Aussage eines wissenschaftlichen Beitrags ins Gegenteil, ohne dass der Autor oder die Interviewpartner dies zur Kenntnis bekommen.


Bochum, 22. Juni 2018:

Im DGE-Blog habe ich am 4. Juni 2018 einen Beitrag über meine Erfahrungen mit dem Journalisten eines Apotheken-Ratgebers gepostet: „Berichte in Ratgebern rund um die Medizin: Beobachtungen des Blog-Beauftragten der DGE“ (1). Jetzt brachte am letzten Wochenende die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) in ihrer Sonntagsausgabe einen ausführlichen  Beitrag über die Wirkung von Vitamin D bei Senioren. Dieser wurde von einer Wissenschaftsjournalistin verfasst, die selbst Ärztin ist. Sie hat äussert sorgfältig und gewissenhaft recherchiert und sie hat auch mich mehrfach kontaktiert. Ausgangspunkt war die neueste Stellungnahme der US Preventive Services Task Force (USPSTF) zum Einsatz von Vitamin D bei Senioren. Im DGE-Blog vom 18. April 2018 wurde ausführlich darüber berichtet: „Bewegung, nicht Vitamin D zur Vorbeugung von Stürzen und Knochenbrüchen – die neuesten Empfehlungen“ (2).  Am 16. Juni 2016 mussten nun die Autorin und auch ich  verwundert feststellen, dass der  Titel des Artikels genau das Gegenteil behauptet:  „Vitamin D vermindert die Sturzgefahr bei Senioren“ (3). Ich bitte alle, die diesen Artikel gelesen haben, den irreführenden Titel nicht mit meiner Person in irgendeiner Form  in Verbindung zu bringen, denn ich hatte davon keine Ahnung.

Ich schrieb daher am Donnerstag, 21. Juni 2018 vormittags folgenden Leserbrief  an die NZZ:

In der NZZ vom letzten Sonntag wurde über die neueste  Stellungnahme der US Preventive Services Task Force berichtet, in welcher kein genereller Nutzen von Vitamin D bei Senioren gesehen wurde. Es wurde sogar ein erhöhtes Nierensteinrisiko gefunden. Der Titel Ihres Artikels lautet aber gegenteilig: „Vitamin D vermindert die Sturzgefahr bei Senioren“. Bitte informieren Sie Ihre Leser, den aktuellen wissenschaftlichen Befunden entsprechend, dass bei Senioren die Sturzgefahr durch Vitamin D nicht verringert wird.

Am Nachmittag erhielt ich eine Antwort von der Redaktion. In dieser stand, dass der Leserbrief „aus Zeit- und Platzgründen nicht gebracht werde“. Meine Mail wurde aber um 11.20 h abgeschickt, also zeitgerecht „vor Donnerstag Mittag“ wie von der NZZ verlangt. Mein Beitrag umfasste nur 4 Sätze, für die man wohl Platz hätte finden können.  Dann wurde mir mitgeteilt, dass bei den Titeln generell die „Blattmacher“ das letzte Wort hätten und dass freie Autoren und auch Interviewpartner nie von Titeländerungen informiert würden. Auch sei der Titel als solcher nicht falsch.

Ich schrieb daraufhin an die NZZ, dass ich diese Zeitung bisher immer geschätzt hätte,  die auch viele Artikel meines verstorbenen Bruders Gottfried Schatz vom Biozentrum Basel gebracht hätte. Jetzt müsse ich meine Meinung leider ändern. „Vitamin D vermindert die Sturzgefahr bei Senioren“ – eigentlich kann man eine Aussage nicht deutlicher und klarer formulieren. Sie bedeutet genau das Gegenteil der Aussage der USPSTF. In meinen Augen ist der von den Blattmachern gewählte Titel  irreführend und somit falsch.

Helmut Schatz

Literatur

(1) Helmut Schatz: Berichte in Ratgebern rund um die Medizin: Beobachtungen des Blog-Beauftragten der DGE
DGE-Blogbeitrag vom 4. Juni 2018

(2) Helmut Schatz: Bewegung, nicht Vitamin D zur Vorbeugung von Stürzen und Knochenbrüchen! Die neuesten Empfehlungen.
DGE-Blogbeitrag vom 18. April 2018

(3) Felicitas Witte: Vitamin D vermindert die Sturzgefahr bei Senioren.
Neue Zürcher Zeitung von Sonntag, 16. Juni 2018.

Ist eine Abänderung der Aussage eines Titels ins Gegenteil ohne Kenntnis des Autors wie jetzt bei der Neuen Zürcher Zeitung erfolgt auch bei anderen Publikationsorganen üblich? Hätte man meine Entgegnung nicht doch besser bringen sollen?

Bitte um Ihre Kommentare!

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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9 Antworten auf Die Neue Zürcher Zeitung verändert im Titel die Aussage eines wissenschaftlichen Beitrags ins Gegenteil, ohne dass der Autor oder die Interviewpartner dies zur Kenntnis bekommen.

  1. Maja5 sagt:

    Leider ist auch der Originaltitel der o.g. Studie nicht ganz korrekt. Vielmehr sollte es heißen „Eine symbolische Dosis – 600 I.E., Vitamin D3 vermindert nicht die Stürzgefahr bei Senioren“. Wenn man zudem bedenkt, daß die meisten Senioren einen gravierenden Vitamin D3-Mangel aufweisen, stellt sich die Frage, was für eine Absicht hinter der Wahl des irreführenden Titels steht.

    MfG
    Maja

  2. Uwe Kostner sagt:

    Man mag kaum glauben, dass der Titel eines Artikels in einer renommierten Zeitung das genaue Gegenteil des Inhalts eines wissenschaftlichen Beitrags aussagt. Dass Artikel in der Regel einen griffigen, knappen Titel von der Redaktion erhalten, ist nach meiner Erfahrung üblich und dagegen ist auch nichts einzuwenden. Man fragt sich nur, ob bei der Neuen Zürcher Zeitung die Blattmacher, die den Titel formulierten, den Inhalt des Artikels überhaupt verstanden haben.

  3. Jens Spahner sagt:

    Mir war der Ausdruck „Blattmacher “ unbekannt und auch in meinem Umfeld im Norden Deutschlands kennt man ihn nicht. Für die meisten von uns hier hat er einen eher negativen Beiklang. Ein Blick in den „Duden“ zeigt aber, dass dies nicht zutrifft: „…jemand, der ein Blatt erstellt, herausgibt; Zeitungsjournalist, Zeitungsverleger“. Beim Surfen im Internet stiess ich allerdings auch auf weniger positive Aussagen. So las ich in einer kritischen Zeitschrift, dass „Blattmacher lange Artikel drastisch kürzen und dann durch eigene, minderwertige Texte wieder verlängern“.

  4. Anne-Katrin Düssel sagt:

    Das Vorschieben des nicht zutreffenden terminlichen Arguments zeigt, dass der NZZ eine an einer Richtigstellung nicht gelegen war. Dabei wäre es im Sinne der wissenschaftlichen Seriosität gewesen, die Entgegnung von Helmut Schatz zu bringen. Es ist durchaus möglich, dass die laufenden Studien nach Abschluss 2019 die Aussage des NZZ-Titels im Nachhinein bestätigen werden, nur: hier wurde über das Recommendation Statement einer US-Behörde (USPSTF) berichtet, und da ist die Überschrift falsch. Die USPSTF-Aussage beruht auf sorgfältigen Untersuchungen. Deswegen ist die Frage der Diskutantin Maja5, „was für eine Absicht hinter Wahl des irreführendenTitels steht“ (gemeint ist der der Publikation der US-amerikanischen Behörde, nicht der NZZ), eine tendenziöse, provozierende Unterstellung.

  5. Helmut Schatz sagt:

    Vielleicht wird die noch laufende „DO-Health Study“ und auch die „VITAL-Study“ ergeben, dass bei Senioren mit niedrigem Vitamin D -Spiegel die Supplementierung von Vitamin D Stürze und Knochenbrüche verhindert. An beiden Studien hat die im NZZ-Bericht zitierte Zürcher Geriaterin Heike Bischoff-Ferrari mitgewirkt. Eine neuere Publikation von ihr hat allerdings im Unterschied zu ihren früheren Berichten gezeigt, dass bei hohdosierter Vitamin D – Substitution Senioren sogar vermehrt stürzen. Da wird man immer die Frage nach der Dosierung und den Intervallen stellen können. Man muss wohl das für 2019 zu erwartende Resultat der beiden oben genannten Studien abwarten. Antworten wird auch die bis 2025 laufende australische „D-Health“-Langzeitstudie an 25.000 Personen bringen. Der Titel in der NZZ betrifft aber den Bericht der amerikanischen USPSTF. Und hierfür ist er falsch, weil die USPSTF dies nicht aussagt.

  6. Dr. Klaus Wefeling sagt:

    Die NZZ sollte zumindest den Leserbrief von Helmut Schatz abdrucken. Besser wäre eine „Richtigstellung“ , oder ein „Revidierter Titel“, der den Inhalt des wissenschaftlichen Beitrags korrekt beschreibt. Sonst bleibt an den Blattmachern der auch in Österreich renommierten Zeitung ein negatives Odium.

  7. Dr. Dirk Wohlgemuth sagt:

    Unter der grossformatigen Überschrift „Vitamin D vermindert die Sturzgefahr“ steht im Untertitel in der NZZ „In Europa sieht man das anders“. Hier erheben die Herausgeber dieser Zeitung die Schweiz zu „Europa“. Nur weil Frau Professor Bischoff-Ferrari in Zürich Professorin ist und jahrelang Vitamin D propagiert hat, wenn sie auch in einer jüngeren Arbeit mit hochdosiertem Vitamin D andere Ergebnisse erzielt hat? Viele Fachleute in Europa sehen das in der Tat „anders“, aber anders als es der NZZ-Titel aussagt. Aber warten wir die Ergebnisse der laufenden Studien ab.

  8. A. Triebel sagt:

    Es ist arrogant von der NZZ eine wissenschaftliche Aussage ins Gegenteil zu verdrehen und überhaupt nicht souverän noch nicht einmal die Richtigstellung abzudrucken und sogar dreist zu behaupzen, dass die Überschrift nicht falsch wäre.
    Die Sehnsucht dem Leser zu gefallen und mit angeblichen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu glänzen verführt hier Journalisten ihr höchstes Gut, ihre Glaubwürdigkeit, zu verspielen.

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