Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Optimismus korreliert mit Lipidspiegeln – Ärzte sollen Patienten auch zu mehr Optimismus motivieren!


Bochum, 1. Juni 2013

Bei 990 Menschen im mittleren Alter von 55 Jahren war eine optimistische Lebenseinstellung mit der Höhe von HDL-Cholesterin positiv und mit der von Triglyceriden negativ korreliert, während keine Beziehung zum Gesamt- und LDL-Cholesterin gefunden wurde. Die Testpersonen stammten aus der Midlife in the United States (MIDUS) – Studie. Der Bericht erschien am 15. Mai 2013 im American Journal of Cardiology (1).

Ausgangspunkt der Untersuchung war die Annahme, dass die Serumlipide als etablierte koronare Risikofaktoren zumindest teilweise vom gesundheitsbewussten Verhalten abhängig sind. Bereits vorliegende Untersuchungen hatten gezeigt, dass Optimisten bewusster essen (2) sowie körperlich aktiver sind und nur mässig Alkohol trinken (3). Julia K. Boehm et al. (1) berichten jetzt über eine Untersuchung an >4000 im Jahre 1995 rekrutierten Personen, die 9-10 Jahre später psychologisch und mit Biomarkern untersucht wurden. Die psychosoziale Situation wurde in einem Telefon-Interview mit einem von den Betroffenen selbst auszufüllenden Fragebogen ermittelt, der optimistische und demographische Faktoren umfasste. Etwas später wurde dann bei einem stationären Aufenthalt über Nacht morgens der Lipidstatus erhoben. Zudem wurden potentielle Einflussfaktoren (confounders) erfasst. Zur Einschätzung von Optimismus diente der „Revised 6-Item Life Orientation Test“ (4). Nach kovariater Adjustierung wurde gefunden, dass der Optimismus-Grad mit der Höhe des HDL-Spiegels anstieg und umgekehrt mit dem Zunahme der Triglyceride abfiel. Interessanterweise bestand keinerlei Zusammenhang mit dem Gesamt-Cholesterinwert und auch nicht mit dem LDL-Cholesterin.

Kommentar

Das American Journal of Cardiology widmete dieser Arbeit, die in einer Querschnittsstudie Surrogat-Parameter und keine kardiovaskulären (CV) Endpunkte untersuchte, immerhin sieben Druckseiten. Von Interesse war insbesondere, dass der etablierte CV-Risikofaktor LDL-Cholesterin vom Grad des Optimismus nicht beeinflusst wurde. Wie eigentlich zu erwarten, bestand das Verbindungsglied zwischen Optimismus und Lipiden vor allem in Art der Ernährung und im Body Mass Index (BMI). Bewusste Ernährung („prudent diet“), körperliche Aktivität, Raucherstatus, Alkoholkonsum und BMI waren mit unterschiedlichen Signifikanzen mit dem HDL-Spiegel positiv und mit dem Triglyceridspiegel negativ korreliert. Der Optimismus war bei Menschen unter lipidsenkender Therapie nicht wesentlich anders ausgeprägt, was gegen die Annahme spricht, dass Lipidspiegel den Grad des Optimismus beeinflussen. Wenn man auch vermuten kann, dass der Optimismus die Lipidspiegel verändert, so erscheint auch eine bidirektionale, gegenseitige Einwirkung möglich. Schliesslich könnte auch eine dritte, bisher nicht gemessene oder noch nicht bekannte Variable sowohl auf Optimismus als auch Lipidspiegel einwirken. Die Autoren meinen abschliessend, dass ihre Resultate zu „neuen Strategien“ zur Prävention und Intervention bei kardiovaskulären Erkrankungen führen sollten – gemeint ist wohl mehr Motivation zu einer optimistischeren Lebensgestaltung. Ein alter Spruch, den der Referent von einem seiner klinischen Lehrer, Herrn Prof. K. Federlin in Giessen oft gehört hatte, lautet: „Der Arzt und sein Patient sollen immer optimistisch sein – bei aller Einsicht in die Realität der Erkrankung, selbst bei statistisch (!) ungünstiger Prognose“.

Helmut Schatz

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Literatur

(1) J. K. Boehm et al.: Relation between optimism and lipids in midlife.
Amer. J. Cardiology 2013. 111:1425-1431

(2) E.J. Giltay et al.: Lifestyle and dietary correlates of dispositional optimism in men: The Zutphen Elderly Study. J. Psychosom.Res. 2007. 63:483-490

(3) M. Kavussanu, E. McAuley: Exercise and optimism: are highly active individuals more optimistic? J. Sport Exerc. Psycholog. 1995. 17:246-258

(4) M.F. Scheier et al.: Distinguishing optimism from neuroticism (and trait anxiety, self-mastery, and self-esteem): A re-evaluation of the Life Orientation Test.
J. Pers. Soc. Psychol. 1994. 67:1063-1078

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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2 Antworten auf Optimismus korreliert mit Lipidspiegeln – Ärzte sollen Patienten auch zu mehr Optimismus motivieren!

  1. Birgit Riecke sagt:

    Habe Ihren Beitrag mit großem Interesse gelesen, leider nicht Alles so ganz genau verstanden (bin ja auch kein Arzt). Aber: Ich bin (war) von Natur aus ein sehr optimistischer Mensch, mich haut so schnell nichts um.
    Seit einiger Zeit, aufgefallen ist es mir seit ca 2 Jahren, bin ich permanent schlapp, niedergeschlagen u. immer müde. Das schlägt sich auch auf meine Laune u. den Optimismus nieder.
    Ich muß dazu sagen, daß mir am 01.02.1996 die rechte Nebenniere und im Juni 2008 die linke NN entfernt wurde. Ich habe mich in die Arbeit gestürzt, wollte es Allen zeigen u. mußte die Erfahrung machen, daß ich halt doch nicht mehr so belastbar bin. Soweit ich weiß ist bei uns in der Familie erhöhtes Cholesterin normal. Der Arzt sagte mir einmal, mein gutes Cholesterin wäre aber auch 3x so hoch und da würde sich das wieder ausgleichen. Das ist aber schon ne Weile her. Vielleicht ist das HDL ja jetzt auch gesunken und das wirkt sich auf den Optimismus aus? Wäre das denn wohl möglich?
    Grüße aus`m Teuto
    Birgit Riecke

  2. Helmut Schatz sagt:

    Sehr geehrte Frau Riecke,
    Cholesterin und Triglyceride haben mit Ihren Symptomen wie Mattigkeit, Abgeschlagenheit, Müdigkeit sicher nichts zu tun. Da Ihre beiden Nebennieren entfernt wurden (warum? hatten Sie ein peripheres Cushing-Syndrom oder anderweitige Nebennierentumoren? Das ist jetzt aber nicht wichtig), nehme ich an, dass Sie nicht richtig mit den beiden Nebennierenrindenhormonen eingestellt sind. Sie benötigen Hydrocortison und auch ein Mineralocorticoid, z.B. Astonin H. Gehen Sie zu einem Fachmann auf diesem Gebiet, einen „Endokrinologen“. Den finden Sie auf unserer homepage: http://www.endokrinologie.net, „Patienten“ anklicken, dann „Arztsuche“. Ich bin sicher, daß bei guter Hormoneinstellung Ihr Optimismus wieder voll da sein wird. (Sollten Sie dann trotz guter Einstellung noch über mangelnde Libido (Geschlechtsverlangen) klagen, kann man eventuell noch ein weiteres Nebennierenrindenhormon versuchsweise einsetzen. In der Regel ist dies aber nicht angezeigt bzw. nötig)

    Helmut Schatz

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