Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Retrograde Ejakulationen häufig unter Tamsulosin und anderen Alpha-1-Blockern


Bochum, 4. Februar 2021:

Alpha-1-Blocker werden in zunehmend breitem Maße zur Behebung funktioneller Symptome bei benigner Prostatahyperhyperplasie eingesetzt.  Obwohl schon seit einigen Jahren bekannt, wurde jüngst im Ärzteblatt von der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft auf eine Nebenwirkung hingewiesen (1), die durch Einfluss dieser Substanzgruppe auf die Struktur der Iris mit Beeinträchtigung der Iris- und Pupillenmotilität hervorgerufen wird: das Intraoperative Floppy Iris – Syndrom (IFIS), welches bei Katarakt- und Glaukomoperationen von den Ophthalmologen zu beachten ist. Noch länger bekannt, aber möglicherweise nicht allen Kolleginnen und Kollegen geläufig, die in ihrer Praxis Alpha-1-Blocker wie etwa Tamsulosin u.a. verschreiben ist, dass durch Blockade der Alpha-1-Rezeptoren im unteren Harntrakt auch retrograde Ejakulationen gehäuft auftreten. In manchen Studien war dies in bis zu knapp einem Viertel der Teilnehmer der Fall. Diese Nebenwirkung ist – ebenso wie das IFIS  –  unter den Nebenwirkungen auch in den  Beipackzetteln  von Alpha-1-Blockern, wenn auch manchmal minder deutlich beschrieben. Pathophysiologisch ist die retrograde Ejakulation verständlich, da durch Blockade der Alpha-1-Rezeptoren nicht nur die Prostata, sondern  auch die Muskulatur des Blasenhalses entspannt wird, so dass das Ejakulat statt in den Penis in die Blase gelangt.

Henry Roswevaer, ein niedergelassener Urologe aus den USA, beschrieb dies in einem Artikel mit dem griffigen Titel: „6 Sexkiller: Diese populären Medikamente stören Potenz und Orgasmus – bereiten Sie Ihre Patienten lieber auf die Nebenwirkungen vor…“ (2). Möglicherweise wird es dann aber auch zu Nocebo-Effekten (siehe 3) kommen wie etwa bei der Studie italienischer Autoren über den Effekt von Betablockern auf die der erektilen Dysfunktion: Sie verordneten drei Gruppen von Männern Atenolol; die erste erhielt keinerlei Informationen, die zweite wurde zwar über das Medikament aufgeklärt, jedoch nicht über Nebenwirkungen, und der dritten Gruppe teilte man mit, dass möglicherweise eine erektile Dysfunktion auftreten könne. Die Raten an erektiler Dysfunktion in Gruppe 1, 2 und 3 waren 3%, 15% bzw. 31% (4).

Da Patienten in der ärztlichen Praxis nicht gerne von sich aus über das Thema „Sex“  reden, könnte ärztlicherseits gefragt werden, „wie denn der verschriebene Alpha-1-Blocker (etwa Tamsulosin) auf die Harnbeschwerden gewirkt hätte“, und  in einem Nebensatz, „ob auch alles mit dem Orgasmus gleich beblieben sei“ oder ähnlich.

Helmut Schatz

Literatur

(1) Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft: „UAW-News International“: Intraoperatives Floppy-Iris-Syndrom im Zusammenhang mit Tamsulosin.
Dtsch. Ärztebl. 2020; 1178(37): A-1711 / B1463

(2) Henry Rosevaer: 6 Sexkiller: Diese populären Medikamente stören Potenz und Orgasmus – bereiten Sie Ihre Patienten lieber auf die Nebenwirkungen vor…
https://deutsch.medscape.com/artikelansicht/49099680_print

(3) Helmut Schatz: Statin-Nebenwirkungen einschließlich Muskelschmerzen sind häufig Nocebo-Effekte.
DGE-Blogbeitrag vom 16. Januar 2021

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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