Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

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Schilddrüse und Schwangerschaft Teil 2


Schilddrüsendysfunktion, Gestationshypertonie und Präeklampsie

Essen, 20. November 2022:

Von einem internationalen Konsortiums liegt eine Systematische Review und Meta-Analyse zur Assoziation der mütterlichen Schilddrüsenfunktion  mit dem Risiko einer Gestationshypertonie und Präeklampsie vor(1). Es wurden aus Medline, Embase, Scopus und Cochrane Database of Systematic Reviews 1.539 Publikationen identifiziert. 33 Kohorten erfüllten die Einschlusskriterien, in die eigentliche Analyse gingen 19 Kohorten ein. Die Studienpopulation umfasste dann 46.528 schwangeren Frauen, bei denen in 86% Schilddrüsenparameter dokumentiert waren (TSH, fT4, TPO-Antikörper). Bei 3,2% fand sich eine latente Hypothyreose, 1,6% eine latente Hyperthyreose und 0,8% eine manifeste Hyperthyreose. Insgesamt bestand also bei knapp 5% der Frauen in der Schwangerschaft eine (überwiegend latente) Schilddrüsenfunktionsstörung. In 2,3% fand sich die Sondersituation der isolierten Hypothyroxinämie, eine isolierte erniedrigte fT4-Konzentration bei TSH im Referenzbereich.

Im Vergleich zu Frauen mit TSH- und fT4-Konzentrationen im Referenzbereich, war eine latente Hypothyreose mit einem erhöhten Risiko für eine Präeklampsie (Odds Ratio 1,53) assoziiert. TPO-Antikörper-Positivität, latente Hyperthyreose oder eine isolierte Hypothyroxinämie zeigten keine Assoziationen zur Hypertonie oder Präeklampsie. In Kontinuitätsanalysen zeigten sowohl höhere als auch niedrigere TSH-Konzentrationen ein erhöhtes Risiko für eine Präeklampsie an, dies galt hingegen nicht für fT4-Konzentrationen. Die Autoren schlussfolgern, dass eine latente Hypothyreose während der Schwangerschaft mit einem erhöhten Risiko für eine Präeklampsie einhergeht und es generell eine U-förmige Assoziation von TSH-Konzentrationen mit dem Auftreten einer Präeklampsie gibt.

Kommentar

Erstens spiegeln die Ergebnisse dieser Review und Metaanalysen  vermutlich die echten Prävalenzen von auffälligen Schilddrüsenfunktionsparametern bei Schwangeren aus der Allgemeinbevölkerung wider und zeigen, dass bei etwa 6-7% von ihnen „Auffälligkeiten“ vom Schilddrüsenlabor zu erwarten sind. Zum Zweiten wird die Rate der Schilddrüsenautoimmunität, gemessen an positiven  TPO-Antikörpern, über die analysierten 19 Kohorten erfasst.  Drittens zeigt sich – für die Referentin (D.F-S.) überraschend – eine Assoziation zwischen latenter Hypothyreose, definiert durch eine TSH-Konzentration oberhalb des schwangerschaftsspezifischen TSH-Referenzbereichs, mit einem harten Endpunkt, einer Präeklampsie. Hingegen traf dies nicht für die anderen untersuchten Schilddrüsenfunktionszustände und auch nicht für die TPO-Antikörper-Positivität zu. Viertens ist eine fehlende nachweisbare Assoziation zur Situation der isolierten Hypothyroxinämie ebenfalls bemerkenswert, da viele Publikationen der letzten Jahre auch aus den Arbeitsgruppen der beteiligten Autoren eine pathophysiologische Relevanz der fT4-Konzentrationen in der Schwangerschaft nahelegten.

In Anbetracht der Laboranalytik, die gerade in der Schwangerschaft für die Bestimmung der fT4- und fT4-Konzentrationen problematisch ist und deshalb idealerweise eigentlich die Bestimmung der Gesamt-TT4-Konzentration empfohlen wird (neben TSH), überrascht es dann doch nicht, dass kein Krankheitswert gefunden wurde. Fünftens: Es handelt sich hier ausschließlich um epidemiologische Untersuchungen, d. h. reine Assoziationsstudien. Deshalb muss nochmals dringend davor gewarnt werden, diese Assoziationen 1:1 in die klinische Versorgungssituation zu übertragen. Deshalb sind meines Erachtens keine aktuellen Schlussfolgerungen für die klinische Versorgungssituation angezeigt. Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt auch das begleitende Editorial zu der Arbeit mit dem Titel „A long and winding road“ (2).

Kurz gefasst könnte man schlussfolgern, dass somit eine latente Hypothyreose in der Schwangerschaft vermieden werden muss. Allerdings diskutieren Endokrinologen seit nunmehr 20 Jahren über die TSH-Cut-Offs für eine latente Hypothyreose, gerade auch in der Schwangerschaft (3). Persönlich veranlasst die Referentin bei gesunden Frauen mit TSH > 2,5 mU/l im 1. Trimenon eine weitere Abklärung (Schilddrüsen-Sonograohie, TPO-Antiklörper) und bei Nachweis einer Autoimmunthyreoiditis eher großzügig mit der Indikation zur LT4-Gabe (25-50µg/d) zu sein. Allerdings muß die Indikation zur Fortsetzung von  LT4 nach Ende der Schwangerschaft erneut überprüft werden.

Dagmar Führer-Sakel, Essen

Literatur

(1) Toloza FJK et al.: Association between maternal thyroid function and risk of gestational hypertension and pre-eclampsia: a systematic review and individual-participant data meta-analysis.
Lancet Diabetes Endocrinol. 2022 Apr;10(4):243-252.

(2) Vermiglio F, Moleti M. From preeclampsia to thyroid dysfunction: a long and winding road.
Lancet Diabetes Endocrinol. 2022 Apr;10(4):232-233.

(3) Alexander EK et al.: 2017 Guidelines of the American Thyroid Association for the Diagnosis and Management of Thyroid Disease During Pregnancy and the Postpartum.
Thyroid. 2017 Mar;27(3):315-389.

Publiziert am von Prof. Dagmar Führer
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Eine Antwort auf Schilddrüse und Schwangerschaft Teil 2

  1. In meiner Schwangerschaft wurde nun auch eine Schilddrüsen-Erkrankung festgestellt. Es ist daher interessant zu lesen, in welchem Zusammenhang alles steht. Mir war gar nicht bewusst, dass neben dem TSH-Wert auch andere Werte und Aspekte in Betracht gezogen werden. Das wird inzwischen während der Schwangerschaft genauer kontrolliert und möglicherweise steht danach eine Schilddrüsen-OP an.

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