Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Niedrig dosiertes Radiojod nach Thyreoidektomie bei differenziertem Schilddrüsenkarzinom?


Am 3. Mai 2012 erschienen im New England Journal of Medicine zwei große randomisierte Studien (1,2) bei differenziertem Schilddrüsenkarzinom im Stadium pT1-pT2 bzw. pT1-pT3, ohne oder mit Lymphknotenbefall, aber ohne Fernmetastasen („low risk thyroid cancer“). Es wurden die beiden postoperativen Radiojoddosen von 1.1 GBq (30 mCi) und 3.7 GBq (100 mCi) verglichen, ebenso vor der Radiojodtherapie der 2-4 wöchige Schilddrüsenhormonentzug mit der Gabe von rekombinantem Thyreotropin.

Zwischen den beiden Radiojoddosen wurde nach 8 bzw. 6-9 Monaten kein Unterschied in der Ablation von Schilddrüsengewebe gefunden. Auch zwischen der endogenen und exogenen Thyreotropin-Stimulation vor der Radiojodgabe fanden sich keine Unterschiede.

In einem begleitenden Editorial (3) wird darauf hingewiesen, dass sich von 1973 bis 2002 in den USA die Fälle von low-risk Schilddrüsenkrebs nahezu verdreifacht hätten und auch in Europa eine vergleichbare Zunahme beobachtet worden sei. Der Grund dafür wird in der verbesserten Diagnostik auch kleinerer Knoten durch Bildgebung und Feinnadelbiopsie gesehen. Begleiterscheinungen einschließlich des Zweitkarzinomrisikos und auch die Praktikabilität favorisierten die niedrigere Radiojoddosis. Die Leitlinien der Amerikanischen Schilddrüsengesellschaft sprechen sich auf Grund der widersprüchlichen Daten sogar weder für noch gegen eine routinemäßige postoperative Radiojodgabe beim low-risk Schilddrüsenkrebs aus, im Unterschied zur European Thyroid Cancer Task Force, die auch hier den Radiojodeinsatz empfiehlt.

Die Autoren des Editorials schreiben des weiteren, dass sie selbst trotz mancher Nachteile das Absetzen von Schilddrüsenhormon gegenüber der Thyreotropin-Injektion favorisieren, nicht zuletzt wegen der hohen Kosten von 2000-8000 US-Dollar und der Notwendigkeit von zwei zusätzlichen Arztterminen für die Injektion.

Literatur:
(1) M Schlumberger et al: Strategies for Radioiodine Ablation in Patients with Low-Risk Thyroid Cancer.
New Engl J Med 2012. 366: 1663-1673
(2) U Mallick et al: Ablation with Low-Dose Radioiodine and Thyrotrophin Alfa in Thyroid Cancer.
New Engl J Med 2012. 366: 1674-1685
(3) EK Alexander und PR Larsen (Editorial): Radioiodine for Thyroid Cancer – Is Less More?
New Engl J Med 2012. 366: 1732-1733

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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