Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Schilddrüsenkrebs weist heute ein anderes genetisches Muster als noch vor 15 Jahren auf: Änderung durch Schadstoffe aus der Umwelt und Strahlenbelastung?


Bochum, 1. Oktober 2012: Der Schilddrüsenkrebs hat in den letzten Jahren in vielen Ländern stark zugenommen. Eine bestimmte Form, das papilläre Schilddrüsenkarzinom wird oft schon in jungen Jahren durch Lymphknotenmetastasen am Hals diagnostiziert. Es ist von allen anderen Arten des Schilddrüsenkrebses die noch am wenigsten bösartige. Nach einer Arbeit von Romei und Mitarbeitern aus Italien (1) lässt sich heute bei dieser Krebsform ein geändertes genetisches Muster beobachten. Die Autoren studierten insgesamt 401 Patienten mit papillärem Schilddrüsenkrebs, der in den drei Fünfjahresperioden 1996-2000, 2001-2005 und 2006-2010 diagnostiziert worden war. Sie fanden im operativ entfernten Krebsgewebe eine Veränderung des genetischen Musters: Die somatische Mutation BRAF V600E, eines Proto-Onkogens, stieg von 28% in den Jahren 1996-2000 über 48.9% auf zuletzt 58.1%. Umgekehrt nahm die Häufigkeit des „RET/PTC rearrangements“, typisch für papilläre Schilddrüsenkarzinome, von 33% über 17% auf 9.8% ab. Der Prozentsatz von Patienten mit Lymphknotenmetastasen oder Fernmetastasen wurde in dieser Studie jedoch nicht verändert gefunden.

Kommentar des Referenten:

Die Häufigkeit des papillären Schilddrüsenkarzinoms hat in den letzten 30 Jahren etwa 3-fach zugenommen: Sie stieg in den USA von 2.7 auf 7.7 pro 100 000 Personen zwischen 1973 und 2002 (2). Ähnlich sind die Zahlen in Europa. Dies mag auch Folge einer verbesserten Frühdiagnose sein und nicht unbedingt nur eine tatsächlich gestiegenen Inzidenz. Chen und Mitarbeiter (3) fanden ebenfalls gestiegene Zahlen, insbesondere bei Frauen ab dem 45. Lebensjahr. Die Bestimmung von BRAF V600 wird heute bereits zur Diagnose von papillären Schilddrüsenkarzinomen aus Feinnadelbiopsiepräparaten eingesetzt. BRAF-Mutationen, gegenwärtig bei etwa 40-60% der papillären Schilddrüsenkarzinome gefunden, sind in der Regel mit einer höheren Aggressivität des Tumors verbunden, aber nur bei 5-10% der Patienten findet man heute eine hohe Aggressivität. Die Erklärung dieses scheinbaren Widerpruchs mag darin liegen, dass in einem Knoten eine Heterogenität der BRAF-Expression bestehen und/oder in anderen Zellen des Tumors noch eine zweite Mutation, etwa von RAS vorkommen kann. (4,5, siehe auch 6). Als Ursache für das geänderte genetische Muster diskutieren die Autoren der italienischen Studie (1) schädigende Umwelteinflüsse einschließlich einer erhöhten Strahlenexposition wie zum Beispiel nach der Tschernobyl-Katastrophe.

Literatur:

(1) C. Romei et al.: Modifications in the papillary thyroid cancer gene profile over the last 15 years.
J.Clin.Endocrinol. Metab. 2012. 97: E1758-E1765

(2) L.Davies, H.G.Welch: Increasing incidence of thyroid cancer in the United States.
J.Amer.Med.Assoc. (JAMA) 2006. 295:2164-2167

(3) A.Y.Chen et al.: Increasing incidence of differentiated thyroid cancer in the United States 1988-2005.
Cancer 2009. 115:3801-3807

(4) A.Guerra et al.: The primary occurrence of BRAF(V600E) is a rare clonal event in papillary thyroid carcinoma.
J.Clin. Endocrinol. Metab. 2012. 97:517-524

(5) A. Guerra et al.: A high percentage of BRAFV600E alleles in papillary thyroid carcinoma predicts a poorer outcome.
J.Clin. Endocrinol. Metab. 2012. 97:2233-2240

(6) M.Xing: BRAFV600E mutation and papillary thyroid carcinoma: chicken or egg?
J .Clin. Endocrinol. Metab. 2012. 97:2295-2298

Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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