Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

SGLT2-Hemmer: in den Beipackzetteln muss auf FDA-Beschluss vom 4. Dezember 2015 vor Ketoazidosen und ernsten Urogenitalinfekten gewarnt werden


Bochum, 2. Januar 2016:

Die amerikanische Arzneibehörde FDA hat entschieden, dass in den Beipackzetteln der SGLT2-Hemmer (Dapagliflozin, Forxiga®, Canagliflozin, Invokana® und Empagliflozin, Jardiance®) vor Ketoazidosen und schweren Harnwegsinfektionen gewarnt werden muss (1). Auch eine Postmarketing / Pharmakovigilanzstudie wird vorgeschrieben. Die Europäische Arzneibehörde EMA wird wohl im Februar 2016 in ähnlicher Weise entscheiden. Im Blog der DGE wurde über diese Problematik mehrfach berichtet (2,3).

Kommentar

Der FDA wurden von März 2013 bis Mai 2015 insgesamt 73 Fälle von Ketoazidosen berichtet, sowohl bei Typ-1 als auch Typ-2 Diabetespatienten. Diese traten auch bei nicht oder kaum erhöhtem Blutzucker auf, weshalb die Diagnose oft erst spät gestellt wurde. Die FDA berichtet des weiteren über 19 Fälle von lebensbedrohlichen Urosepsis-Fällen und Pyelonephritiden, welche mit einem Harnwegsinfekt begonnen hatten. Alle diese Patienten mussten hospitalisiert werden, einige auf Intensivstationen mit der Notwendigkeit einer Dialyse (1). Diese Nebenwirkungen waren zwar bekannt, aber insbesondere in ihrer Schwere im Bewusstsein der Ärzte nicht sehr ausgeprägt verankert, zumal man in vielen Publikationen lesen konnte: „SGLT2 inhibitors are safe and well tolerated“. Immerhin berichtet die EMPA-REG-Studie (4), vielumjubelt wegen ihrer eindrucksvollen früh einsetzenden kardiovaskulären Vorteile und der Mortalitätssenkung, dass mit 10 und 25 mg Empagliflozin bei Frauen in 9.2% und 10.8% Urogenitalinfekte aufgetreten sind, im Vergleich zu 2.6% unter Plazebo.
Die FDA empfiehlt, vor Verschreibung von SGLT2-Hemmern immer anamnestisch zu überprüfen, ob der Patient Ketoazidose-gefährdet ist: Infektionen? kalorienarme Kost? Alkoholabusus? Reduktion der Insulindosis oder zuwenig körpereigene Insulinproduktion?

Helmut Schatz

Literatur

(1) FDA Drug Safety Communication, 4 December 2015: FDA revises labels of SGLT2 inhibitors for diabetes to include warnings about too much acid in the blood and serious urinary tract infections.
http://www.fda.gov/Drugs/DrugSafety/ucm475463.htm

(2) Helmut Schatz: Diabetische Ketoazidose unter Gliflozinen (SGLT2-Hemmern) – sogar bei Blutzuckerwerten unter 200 mg/dl / 11,2 mmol/l.
DGE-Blogbeitrag vom 23. Mai 2015

(3) Helmut Schatz: Diabetespatienten unter SGLT2-Hemmern auch ohne Blutzuckererhöhung mit typischen Komasymptomen: auf Ketonkörper achten!
DGE-Blogbeitrag vom 22. Juni 2015

(4) Helmut Schatz: Empagliflozin (Jardiance®), ein SGLT2-Hemmer, verringert signifikant kardiovaskuläre Ereignisse bei Hochrisiko-Diabetes-Patienten.
DGE-Blogbeitrag vom 18. September 2015

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Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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2 Antworten auf SGLT2-Hemmer: in den Beipackzetteln muss auf FDA-Beschluss vom 4. Dezember 2015 vor Ketoazidosen und ernsten Urogenitalinfekten gewarnt werden

  1. OBSERVER sagt:

    Auch ich ärgere mich jedesmal über den Ausdruck „the drug is safe and well tolerated „. Daran kann.man übrigens erkennen, daß eine Publikation wohl weitgehend von einer Schreibagentur im Fimenauftrag durch Ghostwriter erstellt wurde.

  2. Helmut Schatz sagt:

    Am 12. Februar 2016 hat die EMA die erwartete Warnung vor Ketoazidosen unter SGLT2-Hemmern ausgesprochen. Darüber hinaus empfahl deren Pharmacovigilance Risk Assessment Committee (PRAC), eine SGLT2-Hemmer-Therapie temporär bei Patienten zu stoppen, die ins Krankenhaus für größere operative EIngriffe oder wegen ernster Erkrankungen aufgenommen werden.

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