Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Revolution in der Schilddrüsendiagnostik: Soll TSH von Thyroxin „entthront“ werden?


Bochum, 23. Mai 2020:

In THYROID, einer der führenden Schilddrüsenzeitschriften erschien am  29. April 2020 online ein Artikel von Autoren aus Adelaide und Tiwi, Australien und Stockholm, Schweden über das Resultat einer Meta-Analyse der Publikationen über die Assoziation von Schilddrüsenhormonspiegeln mit klinischen Parametern in PubMed/Medline bis Oktober 2019. In 58 verwertbaren Artikeln und insgesamt 1880 Assoziationen waren klinische Parameter in etwa 50% mit den Spiegeln an freiem Thyroxin assoziiert, die des Thyreotropen Hormon TSH hingegen in nur in 23% (1). TSH wird heute allgemein als „Goldstandard“ in der Schilddrüsendiagnostik angesehen und findet sich in allen Leitlinien so angeführt.

Die Autoren untersuchten Vorhofflimmern, weitere kardiale Parameter, Osteoporose,  Knochenbrüche, Krebs, Demenz, Hinfälligkeit, Mortalität, Komponenten des Metabolischen Syndroms und Schwangerschaftsergebnisse. In den statistischen Analysen war freies Thyroxin  in etwa 50% mit den klinischen Zeichen assoziiert, Gesamt-T3 und freies T3 ebenso (Abb.1), wobei aber ausgefeilte statistischer Analysen zu keinem so robusten Ergebnis kamen wie für freies T4. TSH war nur zu 23 % mit der Klinik assoziiert (Abb. 2). Den Zusammenhang klinischer Parameter mit dem TSH erklären die Autoren damit, dass zwischen den Spiegeln von T4 und T3 eine starke negative Korrelation mit dem TSH besteht.

Assoziationen insgesamt von Schilddrüsenhormonspiegeln und TSH  mit klinischen Parametern (aus Lit. 1). Rot: Freies T4, grün: Freies/Gesamt-T3, Blau: TSH

Assoziationen nach Probengröße von Schilddrüsenhormonspiegeln und TSH  mit klinischen Parametern (aus Lit. 1).

Kommentar

Endokrine Erkrankungen werden meist nicht über die Spiegel der sie regulierenden Hormone diagnostiziert und definiert, sondern über klinische Symptome wie etwa beim Diabetes über den Glukosespiegel und das Auftreten einer Retinopathie, die Calcium- und Phosphatspiegel, das Spermiogramm usw. . Bei Schilddrüsenerkrankungen ist dies nicht der Fall; hier ist es der TSH-Wert. Deshalb starteten die Autoren ihre Metaanalyse, ausgehend von den klinischen Symptomen. Nach ihren Untersuchungen korrelieren diese besser mit dem Wert für freies Thyroxin als dem für TSH. Fitzgerald et al. (1) fordern daher, dass in den Leitlinien das TSH als Referenzparameter neu überdacht werden soll.

Helmut Schatz

Literatur

(1) Stephen Paul Fitzgerald et al.: Clinical parameters are more likely to be associated with thyroid hormone levels than with TSH levels: a systematic review and meta-analysis. Thyroid published online 29 April 2020.
https://doi.org/10.1089/thy.2019.0535

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Publiziert am von Prof. Helmut Schatz
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10 Antworten auf Revolution in der Schilddrüsendiagnostik: Soll TSH von Thyroxin „entthront“ werden?

  1. Beppo sagt:

    Und ehe jetzt die Fachleute eine akademische Diskussion über Studien führen, sei als hart betroffene Patientin ergänzt, dass wir schon seit vielen Jahren auf die Unbrauchbarkeit einer Einstellung nach TSH hinweisen. Als mein ft4 unter Norm war und der ft3 dicht an der unteren Grenze, hatte ich einen TSH von 2,9. Und galt immer noch als psychosomatisch krank, annähernd bettlägerig und in Pflegestufe 2. So kam ich zur Hashimotodiagnose in der Neurologie. Das Gegenteil gibt es auch, heute bekommen Patienten reihenweise LT und leiden furchtbar daran, nur weil der TSH angeblich zu hoch ist.

    Jeder, der sich mit den Werten von Patienten beschäftigt, müsste sehen und berücksichtigen, dass der TSH individuell in einem Verhältnis steht zu ft3 und ft4. Woraus folgt, eine simple allgemeine Norm und Verwendung des TSH ist kostensparend, aber verursacht schweres Leid.

  2. Dr. Werner sagt:

    es ist beschämend für uns Ärzte wie intensiv und ernsthaft sich Patienten und Heilpraktiker um dieses Thema kümmern und wir nicht, hat viele Gründe, dennoch ..

    Dazu gehört auch das Thema Jod …
    für alle exokrinen Drüsen erforderlich ( die Schilddrüse ist phylogenetisch exokrin )

  3. Gürol Salk sagt:

    Diese Arbeit ist sehr schwer auszuwerten. Dafür müßten zuerst die sogenannten „Symptome der Über- oder Unterfunktion“ tatsächlich auch mit der Schilddrüsenfunktion eine gute Korrelation aufweisen. Es gibt Patienten, die sich mit einer leichten Überfunktion sogar besser fühlen und absolut keine Symptome entwickeln. Umgekehrt bei Unterfunktion. Als Beispiel aufgezählten „Symptome“ wie Vorhofflimmern, Osteoporose, Demenz usw. insbesondere aber Mortalität werden von vielen anderen Faktoren mit beeinflußt. Die SD Funktion wird hierbei nicht isoliert untersucht. Die Symptome, die man einer Überfunktion einordnen könnte wie Tremor, Schwitzen, Gewichtsabnahme treten bei schwerer Hyperthyreose vor. Dabei ist TSH komplett supprimiert und die peripheren Werte erhöht. Da wird man an Zuverlässlichkeit keinen Unterschied finden. Es gibt kein Symptom speziell für die leichten Formen der Über- oder Unterfunktion. Auf Basis dieser Arbeit kann man meiner Meinung nach jetzt nichts fordern.

  4. Unter L-T4-Substitution ist die Lebensqualität oft reduziert, und die FT3-Konzentration ist niedriger als bei Euthyreose [1]. In einer eigenen Studie haben wir gesehen, dass die Symptomatik mit der FT3-Konzentration korreliert. Nach Adjustierung lag die Odds Ratio für Symptome einer Hypothyreose bei 0,63 pro pmol FT3 / l und die für hyperthyreote Symptome bei 4,95 pro pmol/l [2]. Auch die FT3-Konzentration sollte berücksichtigt werden.

    1. Hoermann R et al. Homeostatic equilibria between free thyroid hormones and pituitary thyrotropin are modulated by various influences including age, body mass index and treatment. Clin Endocrinol (Oxf). 2014 Dec;81(6):907-15. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/24953754/

    2. Larisch R et al.. Symptomatic Relief is Related to Serum Free Triiodothyronine Concentrations during Follow-up in Levothyroxine-Treated Patients with Differentiated Thyroid Cancer. Exp Clin Endocrinol Diabetes. 2018 Sep;126(9):546-552. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29396968/

  5. Dr. Werner sagt:

    wissen wir denn wo genau molekular in der Zelle , den Mitochondrien, t3 seine Wirkung zeigt ?

  6. Dirk sagt:

    Ich habe Hashimoto und nehme nun seit ca. 1 Jahr die gleiche Medikation zu mir (Kombitherapie l-Thyroxin und Thybon 20 (2x Täglich 1/6 Tablette). Die Freihen Werte sind seitdem quasi unverändert gut, der TSH hingegen schwankt zwischen Supprimiert und ca. 2. Für mich ist der TSH daher weitestgehen irellevant. In Internet-Foren liest man auch immer wieder von Betroffenen, die ständig einen supprimierten TSH haben. Ohne nennenswerte merkbare Auswirkungen aber oft mit Panik seitens der Ärzte verbunden. Daher lasse ich immer die freihen Werte FT3 und FT4 abnehmen, auch wenn ich diese schon selbst bezahlen musste (Beides zusammen ca. 9,-€).

  7. Dr.Werner sagt:

    @Johannes W. Dietrich
    danke !

    Es wird von Herz-Spezialisten berichtet, dass die Herzratenvariabilität bei Hypothyreose vermindert ist
    und nach Substitution mit Schilddrüsenhormonen sich normalisiert..

  8. Das sagen eigentlich schon die Grundlagen und die Logik: Die Zellen werden nicht von fehlendem TSH auf Trab gebracht, sondern vom vorhandenen fT3 und fT4. Das TSH ist nur ein indirekter Marker, der bei jedem Menschen etwas anders auf die hormonelle Lage reagiert.

    Gar kein Verlass auf das TSH ist, sobald TRAK im Spiel sind, denn diese besetzen ja ohne Sinn und Verstand die TSH-Rezeptoren. Leider wird das von einem Teil der Ärzte geleugnet, weil das heilige TSH angeblich unfehlbar ist! Offenbar haben manche das Thema Schilddrüse nur auswendig gelernt und nicht verstanden. Dann wird die Schilddrüse nur verwaltet und der TSH-Wert dient der eigenen Absicherung.

    Da ich Mischform aus Hashimoto und Basedow habe, dosiere ich mein L-Thyroxin seit über 10 Jahren nach dem fT4-Wert und berücksichtige das TSH nur indirekt: Je niedriger das TSH ist, umso vorsichtiger muss man bei der Dosiserhöhung sein. Aber ein erniedrigtes TSH schließt eine Erhöhung nicht kategorisch aus, warum auch?

  9. Weber sagt:

    Es ist doch selbstverstänlich, daß die statistischen Analysen keinen „robusten“ Zusammenhang der Symptome mit fT3/T3-Werten aufweisen können, weil man die zwei Werte zusammen betrachtet. Wenn auch aus Mangel von entsprechenden Daten. Wie interpretiert ein Statistiker einen übernomigen fT3-Wert mit gleichzeitig einem niedrigen Gesamt-T3-Wert, bspw. Die Widersprüche in der statistischen Auswertung sind vorprogrammiert, und die Ergebnisse/Schlußfolgerungen alles andere als verläßlich.
    Hoffentlich wird den Wissenschaftlern die Bedeutung der beiden T3-Werte, bei Diagnostik, vor allem aber bei der Therapie, langsam bewußt, und man endlich hoffen kann, daß das „bequeme“, aber höchst veraltete und unhaltbare TSH-Dogma den Weg zu einer sinnvollen Therapie nicht mehr versperrt. Wie das bis jetzt allgemein üblich ist. Es sind Millionen von Menschen, die nur auf Basis des TSH-Wertes behandelt werden.

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