Medizinische Kurznachrichten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
(Prof. Helmut Schatz, Bochum)

Vitamin-D-Mangel und COVID-19: Wie ist die aktuelle Evidenz?


Bochum, 4. Januar 2021:

Fast schon seit Beginn der COVID-19-Pandemie wird über eine mögliche protektive Rolle einer Vitamin-D-Supplementation diskutiert, und auch im Blog der DGE wurde das Thema bereits zweimal behandelt, und zwar am 18. und am 19. Mai 2020.

Hinweise aus Studien, dass ein Vitamin-D-Mangel mit einem erhöhten Risiko für einen schweren Verlauf von COVID-19 einhergeht, gibt es viele. Eine Meta-Analyse konnte kürzlich zeigen, dass bei schweren Verlaufsformen die Wahrscheinlichkeit für einen Vitamin-D-Mangel um 64% höher als bei leichten Verläufen war (Odds Ratio 1,64, 95%-Konfidenzintervall 1,30–2,09). Eine insuffiziente Vitamin-D-Konzentration war umgekehrt mit einem erhöhten Risiko für Hospitalisierungen (OR 1,81, KI 1,41–2,21) und einer Übersterblichkeit assoziiert (OR 1,82, KI 1,06–2,58) [Pereira et al. 2020].

Dennoch verbleibt die Frage, ob hier wirklich eine Kausalität zugrunde liegt. Es könnte ja durchaus sein, dass eine Verzerrung durch Confounder vorliegt, etwa weil multimorbide und bettlägerige Menschen häufig auch einen Vitamin-D-Mangel aufweisen, ihr Risiko aber wegen der Multimorbidität erhöht ist. Außerdem konnte gezeigt werden, dass die 25-Hydroxy-Vitamin-D-Konzentration im Serum nach experimenteller Herbeiführung einer Entzündung durch Gabe bakterieller Lipopolysaccharide absinkt [Smolders et al. 2020], so dass ein Mangel an Vitamin D möglicherweise nicht die Ursache, sondern die Folge der schweren Erkrankung darstellt. Daher wurden zu Recht interventionelle Studien zur Klärung eines möglichen Nutzens einer Vitamin-D-Therapie gefordert [Bilezikian et al. 2020].

Diesen Anspruch wollen zwei kürzlich veröffentlichte Studien erfüllen, welche die Wirkung einer supplementativen Therapie mit Vitamin D auf den Verlauf von COVID-19 untersucht haben. Die randomisierte COVIDIOL-Studie hat 76 hospitalisierte Patientinnen und Patienten mit SARS-Cov-2-Infektion untersucht [Castillo et al. 2020]. 50 Personen erhielten am Aufnahmetage 0,532 mg Colecalciferol und je 0,266 mg an den Tagen 3 und 7 nach Aufnahme. Eine Kontrollgruppe erhielt kein Vitamin D. Beide Gruppen wurden ansonsten mit der selben Standardbehandlung, die u. a. Hydroxychloroquin und Azithromycin sowie ggf. Ceftriaxon umfasste, therapiert. Von den 50 mit Vitamin D behandelten benötigte eine Person eine intensivmedizinische Therapie (2%), jedoch 13 der 26, die kein Vitamin D erhielten (50%). Durch eine Vitamin-D-Therapie sank die Odds Ratio für eine Intensivtherapie auf 0,02 (95%-Konfidenzbereich 0,002–0,17) ab. Nach Korrektur um Hypertension und Diabetes mellitus Typ 2 lag die Odds Ratio mit 0,03 (0,003–0,25) nur unwesentlich höher. In der Colecalciferolgruppe gab es keinen Todesfall, jedoch 2 in der Kontrollgruppe.

Die zweite Studie verfolgte einen „quasi-experimentellen“ Ansatz [Annweiler et al. 2020]. Hierfür wurden 66 an COVID-19 erkrankte Bewohner eines französischen Pflegeheims untersucht. Zur Interventionsgruppe wurden diejenigen gezählt, die während der COVID-19-Erkrankung oder im Monat davor eine Colecalciferol-Supplementation erhielten, wie das in französischen Pflegeheimen übliche Praxis ist. Als Kontrollgruppe zählten die übrigen mit SARS-CoV-2 infizierten Bewohner. 82,5% der 57 Senioren in der Therapiegruppe überlebten, aber nur 44,4% der 9 Personen in der Kontrollgruppe.

Kommentar

Mit den Ergebnissen der beiden Studien liegen erstmals Hinweise aus interventionellen Ansätzen vor, die eine mögliche Effektivität einer Vitamin-D-Supplementation für eine Verbesserung der Prognose von COVID-19 suggerieren. Diese Ergebnisse würden gut zu experimentellen Hinweisen passen, dass Vitamin D auch die Abwehr viraler Infekte unterstützt [Bilezikian et al. 2020].

Allerdings ist noch Vorsicht angebracht. Zum einen sind die Fallzahlen beider Studien sehr klein, so dass die statistische Belastbarkeit noch gering ist. Zum anderen muss eine Supplementation nicht automatisch hilfreich sein, denn von einer möglichen Überversorgung mit Vitamin D ist keine Verbesserung der Prognose zu erwarten. So konnte eine Studie zeigen, dass es einen nichtlinearen U-förmigen Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Versorgung und dem Risiko für eine diabetische autonome Neuropathie gibt. Letztere fand sich gehäuft sowohl bei niedrigen als auch hohen Vitamin-D-Konzentrationen [Hansen et al. 2017]. Daher sind weitere Studien mit größeren Fallzahlen nötig, die auch sorgfältig auf die erreichten Serumkonzentrationen eingehen.

PD Johannes W. Dietrich, Bochum

Literatur

1. Pereira M et al.: Vitamin D deficiency aggravates COVID-19: Systematic review and meta-analysis.
Crit Rev Food Sci Nutr. 2020 Nov 4:1-9. doi: 10.1080/10408398.2020.1841090. Epub ahead of print. PMID: 33146028.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33146028/

2. Smolders J et al.: Letter to the Editor: Vitamin D deficiency in COVID-19: Mixing up cause and consequence.
Metabolism. 2020 Nov 17:154434. doi: 10.1016/j.metabol.2020.154434. Epub ahead of print. PMID:33217408; PMCID:PMC7671645.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33217408/

3. Bilezikian JP et al.: MECHANISMS IN ENDOCRINOLOGY: Vitamin D and COVID-19.
Eur J Endocrinol. 2020 Nov;183(5): R133-R147. doi:10.1530/EJE-20-0665. PMID:32755992.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32755992/

4. Entrenas Castillo M, Entrenas Costa LM, Vaquero Barrios JM, Alcalá Díaz JF, López Miranda J, Bouillon R, Quesada Gomez JM. „Effect of calcifediol treatment and best available therapy versus best available therapy on intensive care unit admission and mortality among patients hospitalized for COVID-19: A pilot randomized clinical study“.
J Steroid Biochem Mol Biol. 2020 Oct;203:105751. doi: 10.1016/j.jsbmb.2020.105751. Epub 2020 Aug 29. PMID: 32871238; PMCID: PMC7456194.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32871238/

5. Annweiler C et al.: Vitamin D and survival in COVID-19 patients: A quasi-experimental study.
J Steroid Biochem Mol Biol. 2020 Nov; 204:105771. doi: 10.1016/j.jsbmb.2020.105771.
Epub 2020 Oct 13. PMID: 33065275; PMCID: PMC7553119.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33065275/

6. Hansen CS et al.: High and low vitamin D level is associated with cardiovascular autonomic neuropathy in people with Type 1 and Type 2 diabetes.
Diabet Med. 2017 Mar; 34(3): 364-371. doi: 10.1111/dme.13269. Epub 2016 Oct 15. PMID:27696502.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27696502/

Publiziert am von Dr. Johannes W. Dietrich
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2 Antworten auf Vitamin-D-Mangel und COVID-19: Wie ist die aktuelle Evidenz?

  1. Thies Kruse sagt:

    Tiermedizin
    Gilbert M. Weber 30-Jul-2018 (vor 2 Jahre 3 Monate 14 Tage) https://www.3drei3.de/
    Die Adresse 3drei3 ist aus einem Schweineblog, beschreibt in dem Artickel das bei Tierversuchen festgestellt wurde, das der Vitamin D gehalt im Blut sich in den Speichelpro. der Nase und des Rachens wiedersp.. IGA Titer, sowie die IgA und IgG Zellen, sowie die Leukozyten wie auch die phagozytische Kapazität wurden durch mehr Vitamin D im Futter Positiv beeinflust. Studie Hohnheim Prof. Biesalski Punkt 1.12 Vitamin und ARDS berichtet zum Zytokinsturm . Hier im Blog Es wird ausgibig Stellung genommen zur Frage Vitamin D Mangel vor Infekt oder durch Infekt. Körper reagiert auf Infekt, mit Vitamin D Verbrauch, ist genug Vorrat gelingt Bekämpfung und Steuerung der Immunreaktion. zu wenig Vorrat, Immunreaktion strauchelt nach einigen Tagen , Steuerung reißt ab, Körper kollabiert, durch Zytokinsturm . 36 Ng/ml guter Wert laut WHO, Efs und RKI , Vitamin D sind 260 % mehr als 10 NG/ml.

  2. Maja sagt:

    Wenn man das wichtigste Prinzip eines Arztes „primum nihil nocere“ sich vor den Augen hält, muß man hier fragen, warum man so laut für eine positive Wirkung des Vitamins D3 nach einer starker Evidenz ruft, gleichzeitig aber Hydroxychloroquin und Azithromycin, ohne ausreichend nachgewiesene positive Wirkung, so breit anwendet. Medikamente, deren, gut erforschtes, schädigendes Potential bestens bekannt ist.
    Das Scheinargument, daß Vitamin D3-Überdosierung (rein theoretisch, da keine Evidenz dafür) schädlich ist, kann man in der Diskussion gar nicht ernst nehmen, da niemand zur Überdosierung aufruft. Ein Spiegel von <100-120 ng/ml gilt als sicher. Zur Erinnerung – man kann den Spiegel des Vitamins im Serum messen, um um eine ev. Überdosierung zu vermeiden. Um nicht Äpfel mit Birnen zu vergleichen, sollte man festhalten, daß eine Überdosierung von Hydroxychloroquin und Azithromycin auch schädlich ist. Sollte man einen letalen Ausgang als Schaden betrachten.

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